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Christoph Martin Wieland : Die Erfindung der modernen deutschen Literatur

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Mit Christoph Martin Wieland beginnt die moderne deutsche Literatur. Er eröffnet sie nicht nur selbst mit seinen Werken, sondern er ist auch der «Erfinder» dessen, was wir heute die «Weimarer Klassik» nennen. Mit seiner langerwarteten Biografie – der ersten seit siebzig Jahren – befreit Jan Philipp Reemtsma Wieland endlich aus dem langen Schatten, in den ihn Goethe und Schiller gestellt haben. Sein «Wieland» ist aufregend und fulminant, ein germanistischer Glücksfall, denn er gibt uns einen Klassiker zurück, ohne den die Verwandlung der deutschen Literatur in eine vor und eine nach Weimar gar nicht angemessen verstanden werden kann.

Innovator, Aufklärer, Schriftsteller, Journalist, political animal, Menschenkenner, all das war der geistige Pate Weimars, Christoph Martin Wieland. Neben Lessing ist er die Zentralgestalt der deutschen Aufklärung. Durch ihn wird der Roman in Deutschland zu einer anerkannten Literaturgattung, er schreibt die erste moderne deutsche Oper und bringt mit seinen erotischen Verserzählungen einen neuenTon in die deutsche Poesie. «Der Teutsche Merkur», damals eine der wichtigsten literarisch-politischen Zeitschriften Europas, wird von ihm herausgegeben, und gleichsam nebenbei prägt er das Genre des politischen Journalismus mit seinenTexten über die Französische Revolution und Napoleon, dessen Alleinherrschaft er frühzeitig vorhersah und den er 1808 in Weimar auch persönlich traf. Gründe genug, Wieland neu zur Kenntnis zu nehmen. Jan Philipp Reemtsmas grandiose Biografie, die Summe einer jahrzehntelangen Forschung, bietet die Gelegenheit dazu.

704 pages, Hardcover

Published March 16, 2023

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About the author

Jan Philipp Reemtsma

72 books9 followers
Jan Philipp Reemtsma ist der Sohn des Zigarettenfabrikanten Philipp Fürchtegott Reemtsma und dessen zweiter Ehefrau Gertrud, geb. Zülch (1916–1996), einer Tochter des früheren Oberbürgermeisters von Allenstein, Georg Zülch. Er wuchs im Hamburger Stadtteil Blankenese auf und besuchte das Gymnasium Christianeum in Othmarschen. Nach dem Abitur studierte Reemtsma Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Hamburg. Dort promovierte er 1993 zum Dr. phil.[1] In seiner Dissertation „Das Buch vom Ich“ befasste er sich mit Christoph Martin Wielands Briefroman Aristipp und einige seiner Zeitgenossen.[2]

Nach Vollendung des 26. Lebensjahres durfte Reemtsma laut Testament seines Vaters über sein Erbe verfügen. Seine Anteile an den Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH verkaufte er 1980 an Tchibo; seither hat er keine Verbindungen mehr zur Firma. Mit einem Vermögen von 700 Millionen Euro zählt ihn das Manager Magazin zu den 150 reichsten Deutschen.

Am 25. März 1996 wurde Reemtsma Opfer einer Entführung, an der vier Männer beteiligt waren. Gegen Zahlung von 30 Millionen DM Lösegeld ließen sie ihn am 26 April frei. Seine Verschleppung, Gefangenschaft und Befreiung schildert und reflektiert er in einem Buch mit dem Titel Im Keller, erschienen 1997. Von ihm beauftragte Ermittler halfen entscheidend dabei, den Drahtzieher der Entführung in Südamerika ausfindig zu machen und so der deutschen Strafjustiz zuzuführen. Auch die drei Mittäter wurden gestellt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Reemtsma widmet sich persönlich der Literatur und Wissenschaft und ist ein Mäzen für kulturelle, wissenschaftliche und politische Initiativen.

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Profile Image for Michael.
1,632 reviews223 followers
April 5, 2023
Man kennt sie: diese Albträume, in denen sich nach Jahrzehnten herausstellt, dass man die Abiturprüfung doch nicht abgelegt hat und folgerichtig auch gar nicht den Job haben dürfte, mit dem man sich herumplagt. Nicht minder peinlich, vom Lehrer vor der Klasse examiniert zu werden und nicht nur nicht vorbereitet zu sein, sondern sogar überrascht, dass das Thema jemals durchgenommen wurde.
So stelle ich mir also vor: Der Lehrer lässt sein Auge durch & über die Klasse schweifen, sein Blick fokussiert sich und er sagt "Michael, komm du mal nach vorne und erzähle der Klasse, was du über Wieland weißt."
Zwischen Schwindel (!) und Ohnmacht hätte ich etwas über Weimar gestammelt, und wenn der Traumgott mir gnädig wäre, hätte ich noch etwas über Wieland als Experimentator in Sachen Prosaformen zu sagen gewusst (man hat ja immerhin seinen Schmidt gelesen).
Setzen, fünf, so würde der Traum geendet haben, stelle ich mir vor.

Tatsächlich verdanke ich meine erste "richtige" Begegnung mit Wieland der Vermittlung durch Arno Schmidts Radioessay "Wieland oder Die Prosaformen". Ohne Schmidt wäre Wieland, darf man annehmen, wie bereits im 19. Jahrhundert geschehen, weitestgehend in Vergessenheit geraten/geblieben. Für Reemtsma war Schmidt ebenfalls der wesentliche Hinweisgeber, sich mit Wieland zu beschäftigen, auch wenn er als sehr junger Mann schon einmal ein Buch von Wieland gelesen hatte. Was ist von einem 13-jährigen Leser zu erwarten, selbst wenn er Reemtsma heißt.

Reemtsma hat sich mit Wieland schon lange intensiv beschäftigt, neben vielem anderen ist es ihm zu danken, dass 1984 die Reprint-Ausgabe der Sämtlichen Werke Wielands erscheinen konnte. Seitdem hat er auch die Werke in Einzelausgaben begleitet und Abhandlungen zu Wieland geschrieben.

Nun ist im März 2023 seine große Wieland Biografie erschienen und ich habe sie mit größtem Genuss gelesen. Es geht um Wieland, sein Leben und Werk, aber als erstes fällt vornehmlich auf, wie sehr die Biografie von ihrem Verfasser geprägt ist: Trotz der Sachkenntnis, von der ich mich frage, wie man ein so umfangreiches Wissen überhaupt erwirbt, liest sich das Buch an keiner Stelle staubtrocken (und überhaupt: nicht einmal trocken), sondern regelrecht unterhaltsam. An vielen, vielen Stellen kommt ein zurückhaltend-trockener hanseatischer Humor zum tragen, der mir ungeheuer sympathisch ist. Auch gibt Reemtsma niemals vor, etwas zu wissen, was man eben nicht wissen kann, wenn man nicht dabei gewesen ist. Gängige Klischees und Spekulationen über Wieland weist er deutlich in die Schranken, folgt ansonsten dem Gegenstand der Biografie aber insofern, dass er verschiedene Ansichten und Widersprüche nebeneinander stehen lassen kann.
Es ist ein Merkmal der Realität, dass sie sich verschiedenen Individuen unterschiedlich darstellt, ein Grundüberzeugung auch Wielands. So können seine Protagonisten Streitgespräche führen und am Ende auseinander gehen, wohl nicht im Konsens, aber in dem Wissen, dass sie nun etwas mehr vom anderen wissen (ein kleines Aside: Wie viel besser wäre es um unsere Welt bestellt, wenn sich alle diese Maxime zu eigen machten).

Was hat mich inhaltlich vor allem an der Biografie überrascht?
Dass der Aufklärer Wieland in seinen jungen Jahren ein furchtbarer Klugscheißer und Heuchler war. Er vollführte dann eine Kehrtwende um 180 Grad und erfreute seine Leser nicht mehr mit christlichen Gewissheiten, sondern mit einem Gespür für die Komplexität der Wirklichkeit und dem Anerkennen der Verschiedenheit der Menschen.
Als Autor entwickelte er eine schier unglaubliche Menge an poetischen und Prosaformen, die es zuvor nicht gab. Er übersetzte als erster Shakespeare ins Deutsche, schrieb ein deutsches Singspiel, als die Oper der italienischen Sprache vorbehalten war, brachte die bedeutende Zeitschrift "Teutscher Merkur" heraus und wurde der erste Prinzenerzieher bei der Herzogin Anna Amalie in Weimar, noch vor Goethe.
Am Rande: Erstaunlich auch Wielands Verständnis (in beiderlei Weise zu verstehen) für die Französische Revolution, über die er die Leser des Teutschen Merkur auf dem Laufenden hielt und Napoleons Alleinherrschaft zwei Jahre, bevor dieser die Macht ergriff, voraus sagte.

Goethe folgte Wieland nach Weimar, es kam Herder hinzu und schließlich Schiller. Die Weimarer Klassik war geboren, nur dass Wieland, lebensälter und abgeklärter als Goethe und Schiller, eigentlich nicht recht dazugehörte. Unter anderem dieser Umstand führte dazu, dass er schon um die Wende zum 19. Jahrhundert ins Abseits und in Vergessenheit geriet, aller seiner Leistungen und Verdienste um Sprache, Literatur und Gesellschaft zum Trotz.

Man liest dies alles und viel, viel mehr ausführlich in der Biografie, und was vielleicht das aller überraschendste ist: Ich habe sie schon weiterempfohlen an Leser, die sich für Wieland nicht interessieren. Dabei habe ich kein schlechtes Gewissen, denn in Sachen Lesbarkeit, Unterhaltung, Wissensvermittlung und ethischen Erörterungen (die Grundierung des Buches) habe ich sehr lange kein Buch mehr gelesen, dass mich so beeindruckt, mir solche Freude gemacht hat.
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