Es gibt die anderen Kinder. Und es gibt Alex. Die Welt der Gleichaltrigen interessiert Alex nicht. Alex mag gelbes Essen, weißes Plastik, dicke Kataloge, die klackernden Klappen von Postkästen und Nina, die wundervolle, starke Pinguin-Mama-Arme hat. Schon im Kindergarten kann Alex schreiben und lesen, doch die Welt da draußen bleibt trotzdem schwer zu entschlüsseln. Kommt sie mit ihren falschen Bildern zu nahe, schmilzt Alex wie ein fallengelassenes Eis. Schließlich gelingt in einem geheimnisvollen Kraftakt das Unmögliche: Alex fügt sich ein. Aber zu welchem Preis? Einfühlsam und leidenschaftlich erzählt Margit Mössmer diese Geschichte über Anderssein, kindliche Emanzipation und Mutterliebe – durch die Augen des Kindes.
Wow! schon wieder ein sehr innovativer Roman von einer österreichischen Autorin, auf jeden Fall zumindest eine Geschichte aus einem neuen Blickwinkel, den ich so bisher noch nie gelesen habe. Es geht um ein kleines Mädchen mit besonderen Bedürfnissen, das wahrscheinlich eine Entwicklungsstörung aus dem Autismus-Spektrum aufweist, was aber nie genau thematisiert und aufgelöst wird. Der ungewöhnliche Aspekt ist darin begründet, dass die Erzählperspektive konsequent aus Innensicht des Kindes durchgezogen wird. Wir nehmen als Leserschaft die Welt, die Mutter, den Onkel, die Schule, die Therapeuten, Ärzte und alle anderen Interaktionspartner aus der Sicht des Kindes wahr.
Ob dieser Blick jetzt authentisch ist, kann ich nicht beurteilen, denn da habe ich viel zu wenig Erfahrung mit dem Thema, aber die gesamte Erzählung klingt zumindest konsistent und authentisch. Ich habe auf jeden Fall sehr viel gelernt. Alleine der Umstand, dass Alex, unsere kleine Protagonistin, seit frühester Kindheit immer von Hitzewallungen gepeinigt ist, sie Berührungen als brennenden Kontakt und normale Spielkontakte von Kindern als übergriffig, als „in sie hineinlaufen“ fast wie bei einem Unfallzusammenstoß empfindet, ist schon eine neue Sichtweise. Wenn Alex sich überfordert fühlt, weil beispielsweise zu viele Menschen an einem Ort sind, es zu laut ist oder abrupte unerwünschte Veränderungen passieren, wie ein Zimmer wird gestrichen, dann kommt die Muräne, die sich unter einem Stein in Alex Kopf versteckt, hervor. Daraus resultieren Symptome von Kopfschmerzen bis zu einem so heftigen Migräneanfall, dass Alex erbrechen muss.
Auch Mutter Nina und Onkel Patrick, die manchmal überfordert sind, aber sich redlich bemühen, werden aus der Sicht des Kindes Alex liebevoll geschildert mit all ihren Problemen, Unzulänglichkeiten und Bemühungen. Nina hat zudem auch noch andere Probleme, denn sie ist berufstätige, alleinerziehende Mutter, die eben auch nicht immer auf Grund der Arbeitszeiten, des Stresses und wegen Betreuungsproblemen, die durch die speziellen Bedürfnisse von Alex des Öfteren natürlich eskalieren, sich völlig auf die Bedürfnisse ihrer Tochter einstellen kann. Beispielsweise der Stress, wenn Alex in ihren Hitzewallungen die Schuhe partout nicht anziehen will, aber Nina rechtzeitig bei der Arbeit sein muss und das Kind in der Kita voll angezogen abgeben muss. Nina ist übrigens nie gewalttätig, sondern eben manchmal nur bestimmt und im Gefühlsleben von Alex natürlich ein bisschen übergriffig, was aber ganz normale Berührungen sind.
Sehr bildhaft beschreibt uns die Autorin die Innensicht von Alex. ihre Probleme, ihre außerordentlichen Begabungen, beispielsweise dass sie schon im Kindergarten lesen und detaillierte Stadtpläne und Zeichnungen aus der Vogelperspektive anfertigen kann. Aber auch die ersten Problemlösungsstrategien der Protagonistin werden in bildhaft kindlicher Sprache thematisiert: Wie sie ihre Kopfschmerzen und die Migräne auf Rat ihrer Therapeutin durch Ablenkung der Gedanken in den Griff bekommt und wie sie sich in der Schule nach und nach zu integrieren versucht, Kontakte zu anderen Kindern zuzulassen, Konversation zu betreiben und Freunde zu finden. Durch eine selbst erfundene Bewältigungsstrategie gelingt es Alex in einem Kraftakt, sich ohne die Hilfe ihrer Mutter und anderer Erwachsener allmählich in die Gesellschaft einzufügen. Das ist das Geheimnis ihres Erfolgs.
Der Klappentext beschreibt den ganzen Roman sehr treffend in einem Satz:
"Einfühlsam und leidenschaftlich erzählt Margit Mössmer diese Geschichte über Anderssein, kindliche Emanzipation und Mutterliebe – durch die Augen eines Kindes."
Zu Beginn des Romans war ich ein bisschen irritiert von der etwas zu konsequent durchgezogenen Erzählperspektive aus Sicht des Kindes, denn Mössmer beginnt tatsächlich bei der Geburt und da gibt es normalerweise weder Erinnerung noch Erkenntnis. Meine frühesten bildhaften Erinnerungen hatte ich mit einem Jahr, deshalb fand ich diesen Teil auch als etwas ambivalent und irritierend – so ähnlich wie eine Text-Bildschere also nicht dramatisch, aber dennoch spürbar.
Die Welt, wie das Kind Alex sie sieht Der Roman setzt mit einer verwirrenden Szene ein: Ein Kind, das einsehen musste, dass es „kein Bandit war“, schwingt sich an einem Februarmorgen nackt aus dem Fenster, kann sich festhalten, aber nicht mehr lange, und ruft nach einer Nina, die gerade noch rechtzeitig aus der Küche hochkommt und das Kind ins Zimmer zieht. Diese Szene wird erst am Ende des Buchs aufgelöst.
Dazwischen die Entwicklung des Mädchens Alex(andra) von der Geburt bis zu der soeben geschilderten Szene. Und dieses Dazwischen hat es in sich, denn Alex ist ein spezielles (autistisches?) Kind. Es versteht die Welt nicht, schreit andauernd, isst kaum und bringt die alleinerziehende Mutter Nina zur Verzweiflung. Erst langsam stellt sich so etwas wie Alltagsbewältigung für Kind und Mutter ein, zu der auch Patrick beiträgt, Ninas Bruder, denn er schleppt DVDs an, die Alex, ohne zu schreien, anschaut und bald sämtliche Filme auswendig kann. Nicht alle sind jugendfrei, aber Patrick nimmt es nicht so genau, und für Alex ist Arielle oder Findet Nemo genauso spannend wie 2 Fast 2 Furious oder Spiel mir das Lied vom Tod. Zitate und Mimik aus den Filmen helfen ihr, mit anderen Kindern zumindest ansatzweise in Kontakt zu kommen, selbst wenn Alex auf diesen Kontakt keinen Wert legt, bloß begreift, dass sie damit ihrer Mutter Freude bereitet.
Der Schuleintritt ist eine besondere Herausforderung, denn Alex ist eben nicht wie die anderen, verträgt keine Nähe und schon gar nicht eine Berührung, was im Gewusel eines Klassenzimmers unvermeidbar ist. So wird als Lösung das Klavierzimmer gefunden, in dem Alex gemeinsam mit einem krebskranken Mädchen, das aufgrund seiner Immunschwäche das Klassenzimmer meiden muss, den Schultag verbringt. Dieses Arrangement findet Alex gut, doch es hält nicht allzu lang.
Was Alex sonst noch gut findet und was nicht, erfahren wir im Laufe des Romans, denn er bietet einzig die Sicht dieses Kindes auf dessen Umfeld. Erst das Auftauchen einer Nachtigall, die Alex hilft, sich „richtig“ zu verhalten, lässt Alex etwas entspannter interagieren und Strömungen, die nicht „angenehm kühl“, sondern „gefährlich heiß“ sind, aushalten. Doch dauernd kann Alex nicht auf einen Vogel hören. Oder? Nina, diese beherzte Mutter, die für Alex ein „kühler, großer, weicher Felsenpinguin“ ist und für die das Herz des Kindes vor Liebe platzt, weiß auch dafür Rat. Man kann diese Nina nur bewundern, aber auch in die Welt der kleinen Alex eintauchen und um einige Erkenntnise reicher wieder auftauchen. Das bringt Margit Mössmer mit ihrer konsequent durchgehaltenen Kindesperspektive und einer angenehm schnörkellosen Sprache zustande.
„Das Geheimnis meines Erfolges“ beinhaltet die Beobachtungen eines Mädchens von der Geburt bis ins Schulalter. Alex reflektiert ihr Dasein, ihren Alltag sowie ihre Vorlieben für gelbe Dinge und Vögel. „Hätte ich einen Vogel auf mir sitzen gehabt, einen wie das Nashorn ihn hatte, wäre uns das nicht passiert.“ Die Schwierigkeiten einer alleinerziehenden Mutter mit einem womöglich autistischen Kind werden verpackt in der Perspektive eines weisen Kindes, das durchaus seine Andersartigkeit wahr- und mit Hilfe der Fantasie in Angriff nimmt. Dadurch wird einem schweren Thema eine gewisse Leichtigkeit gegeben und ein Mitfühlen mit den Figuren ermöglicht. Für mich war es eine bewegende und besondere Lektüre.
Margit Mössmers „Das Geheimnis meines Erfolgs“ ist ein besonderes Buch, denn die Protagonistin und Erzählerin ist besonders. Alex kommt als Schreibaby auf die Welt und ihre Mutter Nina ist verständlicherweise überfordert. Es zeigt sich schnell, dass Alex nicht der Norm entspricht. Sie nimmt die Welt um sich herum anders war, vieles bereitet ihr Schmerzen, Nähe erträgt sie kaum, Regeln sind ihr wichtig und läuft etwas nicht wie gewohnt, ist sie schnell überfordert und bekommt Migräne. Aber sie hat auch eine unfassbare Auffassungsgabe, erinnert sich an ihre frühe Kindheit, spricht früh und merkt sich vieles. Doch mit diesen Besonderheiten eckt sie an. Mutter Nina kämpft, versteht Alex nicht, rennt zu Ärzt*innen, die nichts feststellen können und bekommt Ratschläge, die nicht helfen. Im Kindergarten und in der Schule wird es nicht besser. Alex will lieber allein sein, doch muss an diesem gesellschaftlichen Konstrukt teilnehmen, weil Nina nicht zuletzt auch Arbeiten gehen muss. Ninas Bruder Patrick ist nicht wirklich eine Hilfe, weiß vieles besser, bekommt sein Leben aber selbst nicht auf die Reihe. Doch dann tritt Riri in Alex Leben und es scheint als würde sie sich doch anpassen können, aber zu welchem Preis. „Das Geheimnis meines Erfolges“ hat mich beeindruckt. Es besticht mit einer außergewöhnlichen Sprache, die mich an Tanja Raich erinnert hat. Man springt von Metapher zu Metapher und es entsteht eine Welt, die vertraut und gleichzeitig neu ist. Anfangs hat mich Alex zugegebenermaßen etwas genervt, ich habe eher Ninas Überforderung gespürt als Alex Schmerz, aber das hat sich im Laufe des Buches gewandelt. Auch der Schluss des Romans, den ich natürlich nicht verrate, hat mir sehr gefallen. Er macht die ganze Geschichte zu einer runden Sache. Ein wirklich tolles Buch über Andersartigkeit in unserer festgefahrenen Gesellschaft und absolut eine Lektüre wert.
Ich fand die Entwicklung der Geschichte nachvollziehbar und realistisch. Nichtsdestotrotz wurde es nach der Zeit zu eintönig und vorhersehbar. Könnte aber auch sein, dass dies von der Autorin beabsichtigt ist, da sich Alex Leben für sie immer beschwerlich anfühlt.
Musste mich anfangs an die Erzählperspektive (aus Sicht des Kindes Alex) gewöhnen. Kurze Kapitel - wiedermal sympathisch.