Wie süß ist bitte diese Geschichte? Sempé erzählt von dem Fahrradhändler Paul Tamburin (Original: Raoul Taburin), dessen größtes Geheimnis es ist, dass er selbst kein Fahrrad fahren kann. Zugegebenermaßen hätte ich mir dieses Buch niemals selbst gekauft. Es handelt sich um eine illustrierte Kurzgeschichte, die als gebundene Ausgabe bei Diogenes schlappe 20,00€ gekostet hätte – und das für ein Büchlein mit gerade einmal 104 Seiten, großzügig bebildert. Doch da ich das Buch in einem Bücherschrank in meinem Sportverein entdeckte, musste ich es einfach mitnehmen.
Wie vielen von euch war mit Jean-Jacques Sempé durch seine Illustrationen zu Le petit Nicolas bekannt. Sempés Stil ist nicht unbedingt mein liebster, aber er ist einfach perfekt für die Geschichten, die er illustriert. Einfach gehalten, bloß nicht zu viele Details, wenig Farbe, doch er schafft es unheimlich viel Witz und Charme in seinen Bildern zu transportieren. Vor allem bei diesem Buch hier haben die Illustrationen die Geschichte erst so richtig abgerundet. Oft musste ich lachen, viele Bilder schaute ich mir sehr intensiv an, da man doch mal hier und da in den Ecken oder im Hintergrund etwas entdecken konnte. Einfach nur großartig.
Ich war auch positiv überrascht von Sempés Schreibstil. Im Großen und Ganzen fand ich die Geschichte nämlich echt gut geschrieben. Mit wenigen Worten schafft Sempé es eine Dorfgemeinschaft zum Leben zu erwecken. Viele einfache Sätze, die doch tief blicken lassen. Und ähnlich zu seinen Illustrationen beweist Sempé auch Wortwitz. Stellenweise brachte er mich zum Lachen.
Die Geschichte selbst ist nicht weltbewegend und bedient auch viele Klischees ("Frauen sind viel komplizierter als Fahrrad-Schaltwerke" - ah ja...), aber gottverdammt, ich hatte eine gute Zeit mit diesem Buch. Die Lektüre dauert keine 20 Minuten, aber Sempé konnte mich mitreißen. Ich habe mit Paul gefühlt, habe sein Dilemma und seine Scham verstanden, musste die Augen zukneifen, als sein guter Freund und Fotograf ihn überredet für ein Foto doch aufs Rad zu steigen und einen Berghang runterzudüsen.
Das Geheimnis des Fahrradhändlers ist eine Geschichte über Gemeinschaft, Vertrauen, Freundschaft. Wie gesagt, teils schon sehr pathetisch (zum Beispiel hier: "Und manchmal überkam ihn die Versuchung, die jeden Komiker von Zeit zu Zeit überkommt: zu zeigen, dass er eine Seele hat und ein Herz, und dass dieses Herz Geheimnisse umschließt, die es mit anderen Herzen teilen möchte."), aber irgendwie hat es hier für mich funktioniert. Ich bin sehr froh, dieses Büchlein nun im Regal stehen zu haben und kann mir gut vorstellen, in ein paar Jahren nochmal reinzulesen.