Ich bin auf diese bereits 2008 erschienene Kurzgeschichtensammlung gestoßen, nachdem ich mir den sehr empfehlenswerten Film "In den Gängen" angesehen habe, der auf der gleichnamigen Geschichte in diesem Band beruht. Die Geschichte wiederum weckte mein Interesse auf den Rest von "Die Nacht, die Lichter", und ich begann, es von vorne und komplett zu lesen. Dabei durfte ich feststellen, dass gerade "meine" Ausgangsstory etwas aus dem Rahmen fällt, da sie heller und breiter aufgestellt wirkt.
"Die Nacht, die Lichter" ist keine Lektüre, die den Leser in eine frohe Stimmung versetzt. Die Geschichten handeln von Außenseitern der Gesellschaft - zumindest der Gesellschaft, der sich der Leser des Buches im Zweifel zuordnet. Es geht um Alkoholiker, Menschen ohne jede soziale Kontakte, Häftlinge, dicke Lehrer, die sich in Schülerinnen verlieben oder um ... Boxer. Ja, viele Geschichten beginnen mit einem Boxer (einem echten oder einem im übertragenen Sinn), der gerade einen heftigen Schlag abbekommen hat. Er ist gerade dabei, wieder zu sich zu kommen, sieht jedoch zunächst nur Dunkelheit und vielleicht ein paar Sterne um sich herum. Wie ist er hierher gekommen? Droht Gefahr? Was passiert mit ihm? Unsicherheit und Kontrollverlust. Er fährt auf Sicht. Sieht nur "die Nacht, die Lichter".
Die Geschichte haben oft keinen richtigen Anfang oder ein befriedigendes Ende, dennoch fast immer einen Spannungsbogen. Es geht weniger um das Mitfiebern, sondern um das Mitfühlen. Wie findet sich die Person in der Situation zurecht? Auf welche Weise versucht sie zu entkommen? Woran hält sie sich fest, was ist ihr wichtig? Um den Leser ein Gefühl für die individuelle Gedankenwelt seiner Figur zu vermitteln, setzt Clemens Meyer immer wieder auf zunächst zusammenhangslos wirkende Gedankensprünge und auf Wiederholungen. So zeigt er, wie die Person "tickt", um was ihr Denken kreist. Hinzu treten viele präzise geschilderten Details, die ein aufmerksames Lesen fordern. Sie zeigen, was für ein guter Beobachter der Autor ist. Vielleicht zeugen sie auch davon, dass ihm einige der Situation aus seinem durchaus vielseitigen Leben selbst bekannt sind.
Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl, dass die Geschichten zu offensichtlich aufgebaut sind. Ein erfahrener Autor hätte sich besser getarnt. Für mich machte dies jedoch einen Teil des Leseerlebnisses aus. Der Autor steht hier nicht unzählige Stufen über dem Leser, sondern lässt sich über die Schulter gucken. Außerdem gibt es auch einige so gelungene Texte im Buch, die das übliche Leser - Autor Verhältnis wieder zurecht rücken. Den Einstieg "Der kleine Tod" (laut Internet auch als Kurzfilm verfilmt) habe ich gleich zweimal gelesen, um allein durch die Wiederholung noch tiefer in die verzweifelte Situation und die Motivwelt des Erzählers einzutauchen. Sehr kryptisch geschrieben, dennoch sehr erhellend. Ganz anders, aber ebenso gelungen z.B. "Wagen 29". Fast eine Krimi, jedoch nicht mit der Frage "Whodunnit?", sondern "What happened to me?". Lediglich die Künstlergeschichte mit dem langen Titel hat mir nicht gefallen. Zu lang und zu viel Drogenwirrwarr am Anfang.
Ich weiß gerade nicht, ob ich einen vollständigen Roman von Clemens Meyer lesen möchte, aber sein neuerer Kurzgeschichtenband "Stille Trabanten" von 2017 interessiert mich jetzt.