//4.5 stars//
“«Du hast sie echt nicht mehr alle.» Ein seltsamer Ausdruck, dachte er, sie nicht mehr alle ha-ben. Als wäre die Wirklichkeit eine Sammlung aus Einzelstü-cken, und es würde reichen, eines davon zu verlieren, um auch das Ganze zu verlieren.”
Dieser Roman ist grossenteils sehr gut gelungen, kurzweiligs und schafft eine gute Balance zwischen Wortwahl, Satzstruktur und Narrativ.
“Ihm war, als ob die anderen Passagiere ihn fixierten, also köchelte er ein Instant-Lächeln auf und streckte die Brust durch. Dann klopfte er seinen Hippocampus nach einer passenden Anekdote ab. Ob sie wisse, dass die Menschheit die Milchstraße nie verlassen können werde? Selbst mit Lichtgeschwindigkeit nicht. Dafür dehne sich das Universum zu schnell aus. Die Menschheit sitze fest, sagte er, und dachte: Genau wie wir. Kathrin setzte das Glas an die schmalen Lippen, kippte den Kopf nach hinten und wischte sich den Mund trocken. Dann sagte sie, sie verstehe immer noch nicht, weshalb er überhaupt mitgekommen sei.”
Wir folgen Leon, der seiner Freundin gefolgt ist auf ein Cruise Schiff nach Japan. Doch schon bald nach der Abfahrt lernen wir dass er, obwohl sie schon 5 Jahre zusammen sind sie anlügt. Ihre Beziehung ist strapaziert, enthält unangesprochene Geheimnisse und fehlende Emotionale Intimität.
“Das ungezeugte Kind lag zwischen ihnen, wenn sie schlie-fen, es brüllte in der Nacht und riss ihn aus seinen Träumen.Es verhedderte sich in seinen Gedankenfäden und verdorrte ihm die Zunge.”
Klar wird, das er hierbei um einen Break Up Roman handelt. Leon scheint den Draht zur Realität jedoch etwas verloren zu haben, schon bald ist er von der Realität der anderen Gäste auf dem Schiff abgetrennt und entfremdet. Er begegnet verschiede Mitarbeiter, die ihm dazu bringen seine Realität weiter und weiter in Frage zu stellen. Es scheint als ist Leon’s Beziehung, wie auch das Spiel The Somber Prophecy “broken to the point of perfection” und “dead on arrival”. Wie viel sich dabei um Glitsches handelt, wie viel um das ganze Gras das Leon raucht und wie viel an seiner mental health, bleibt bis zum Ende offen. Dies ist ein introspektiver, abhanden gekommener Roman der alles in Frage stellt und nichts einfach hingibt. Das einzige sicher ist, dass es Leon nicht gut geht mit dem Ende dieser Beziehung, er fällt tiefer in die Risse, die “Glitsche” des Internets, schläft schlecht, raucht gras und bildet sich Sachen ein. Dieser Roman stellt die fragile Zeit eines Breakups mit einem Gefühl von Gefangen sein, ertappt werden und enttäuscht und alleine sein sehr gut dar. “Wenn es ihm nicht gelang, sie zu finden, gäbe es keine Geschichte ihres Zusammenseins mehr, sondern bloß eine Aneinanderreihung von Fragmenten und einzelnen Szenen, ohne dramatischen Bogen, der sie zusammenhielt.”
“Wenn er wenigstens hätte sagen können, was er sich davon erhoffte, sie zu finden. Closure vielleicht. Einen Knoten, um die einzelnen Fäden ihrer Geschichte davon abzuhalten, vollkommen auszufransen, auch wenn sie vorüber war. Kathrin könnte er verlieren, auch wenn ihm der Gedanke schwer wie eine Kanonenkugel im Bauch lag. Ihre Beziehung war vermutlich nicht mehr zu retten. Aber selbst wenn ihre Geschichte nun endete, wollte er der Co-Autor dieses Endes bleiben. Indem Kathrin sich ohne Ankündigung aus dem Spiel genommen hatte, hatte sie die Partie zwischen ihnen jäh unterbrochen, ihn allein vor dem Spielbrett zurückgelassen, lauter Regeln im Kopf, ohne jedwede Möglichkeit, zum nächsten Zug zu gelangen.”
Was mir auch gefiel, ist dass die Klimakrise im ganzen Roman den Hintergrund gestaltet: “Léon trat zum Waschbecken, drehte den Kaltwasserhahn auf und schrubbte sich das entsalzte Arktiswasser ins Gesicht. Sperrte den Mund auf und trank gierig vom Strahl. Die Flüssigkeit schmeckte schal und chlorig. Dann schloss er die Augen und stützte sich auf das Wasch-becken, sodass seine Stirn den Spiegel berührte. Er war angenehm kühl. Léon dachte daran, den Kopf in den Spiegel einzutauchen und auf die andere Seite zu wechseln, in eine spiegelverkehrte Welt, eine gemäßigtere, bessere. Die Sonne wäre schwächer, die Arktis noch voll mit Eisbergen, und zwischen den Menschen gäbe es keine Gräben. Er stellte sich vor, wie er auf einen Eisberg kletterte und sich vom Wind die Hirnwindungen entstauben ließ. Morgen wäre bestimmt alles wieder so wie vorher, und wenn nicht, dann würden sie sich wenigstens trennen, ein für alle Mal, mitten auf dem Polarkreis. Alles war besser als diese lähmende Unklarheit. Dann müsste er sich auch nicht mehr von Schiffsmitarbeitenden belehren lassen. Die hatten doch alle keine Ahnung.”
Das Ende war komisch, aber findet sich gut in der Gedankensweise von Leon wieder und daher mochte ich es eigentlich ganz gut.