Das pochende Grundmotiv aller Totentänze ist das der Gleichheit. Die Verse halten immer wieder fest, dass dies eine ausgleichende Gerechtigkeit ist. Darin liegt ein brisantes Potential an Gesellschaftskritik, ja die Totentänze scheinen zu jenen Kräften zu gehören, die die von Gott sanktionierte Hierarchie der mittelalterlichen Gesellschaft sprengen und den Boden bereiten für ein neues Menschen- und Gesellschaftsbild. Die Totentänze sind wesentlich eine Äusserung der demokratischen Regungen, die im ausgehenden Mittelalter, namentlich in Städten, erwachten und neue Zustände gegenüber den abgestorbenen alten Verhältnissen begründeten.
Seit langem habe ich das Totentanzmotiv faszinierend gefunden. Diese paradoxe Erscheinung fließt mit gegensätzlichen Bedeutungen über. Es ist zeitgleich schön und schrecklich, tröstlich und gruselig, selbstverstandlich und mysteriös. Manchmal kommt es mir vollkommen immanent vor, als eine grausige Erinnerung an dem Tod vom Standpunkt des Zeitlichens, der ohne Mitleid oder Diskriminierung Alles zerstört. Zu anderen Zeiten konzentriere ich mich hauptsächlich auf das transzendente Aspekt, als die Animation vom Tod selbst. Manchmal sehe ich es als ein Zeichen von der gegenseitigen Durchdringung von Tod und Leben. Zu allen Zeiten erscheint es mir als geheimnisvoll und tiefgreifend.
Dieses Buch von Gert Kaiser enthält fünf volle Faksimile-Serien von mittelalterlichen Totentanz-Bildern und Versen, einschließlich “La Danse Macabre” aus Frankreich 1485, dem Baseler Totentanz, und dem berühmten Berner Totentanz von Niklaus Manuel. Alle Versen wurden auf klar Deutsch übersetzt, und die Qualität der Reproduktionen ist ausgezeichnet.
Am wichtigsten für mich war die lange Einleitung, die eine wertvolle und aufschlussreiche Analyse vom Motiv und seiner Geschichte beinhaltet. Kaiser überprüft die Geschichte vom Totentanz von seinem Ursprung während der Pestjahre bis zum frühen Neuzeit. Er glaubt, aus Gründen, die ich nicht vollständig verstehe, dass der Totentanz Holbeins einen Bruch mit der mittelalterlichen Tradition markiert.
Kaiser betrachtet mehrere historische und interpretative Aspekten vom Totentanz, z.B., seine möglichen Ursprüngen in früheren Kunst und Theater, die ändernde Beziehung zwischen dem Motiv und Einstellungen zur sozialen Hierarchie, und die Ambivalenz der Kirche gegenüber dem ganzen Phänomen. Kaisers nachdenkliche und wissenschaftliche Analyse vertiefte mein Verständnis und Wertschätzung des Motivs.