Seit Sommer 2020 lässt die feministische Vernetzung »Claim the Space« in Wien keinen Femi(ni)zid mehr unbeantwortet und fordert damit kontinuierlich eine öffentliche Auseinandersetzung ein. Als Teil davon und anknüpfend an feministische Kämpfe in Lateinamerika und der Karibik diskutiert das österreichische Autor*innenkollektiv die Analysen von Femiziden und Feminiziden für den deutschsprachigen Raum. Dabei dient Femi(ni)zid als politischer Begriff der Benennung und Bekämpfung eines breiten Kontinuums patriarchaler Gewalt gegen Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, trans und agender Personen (FLINTA). Das Buch thematisiert die strukturellen und intersektionalen Gewaltverhältnisse, die den Morden zugrunde liegen. Die Autor* innen nehmen Bezug auf historische und transnationale Protest- und Erinnerungsformen sowie in diesem Kontext angestoßene Debatten und diskutierte Begriffe wie Femi(ni)zid-Suizid oder Transizid. Somit werden Möglichkeiten eines kollektiven, solidarischen Kampfes gegen patriarchale Gewalt – nicht trotz, sondern aufbauend auf unterschiedlichen Erfahrungen – ausgelotet.
Ein sehr akademisches Buch, das ein wichtiges Phänomen beleuchtet und definitiv einige breite Annahmen aufbricht (was damit losgeht, Femizid nicht als Mord an Frauen wegen ihres Geschlechts zu begreifen). Den Ansatz diverser kollektiver Praktiken, aus Lateinamerika zu lernen und die Verbindung feministischer Kämpfe, ist gut nachgezeichnet und die Chancen werden herausgestellt. Ich hätte mit vielleicht noch ein bisschen mehr marxistische Perspektive gewünscht, gerade, was den Aktivismus angeht (obwohl betont wird, dass das ganze materialistisch hergeleitet wird).
Nicht zufällig erschien genau am 8. März, dem Internationalen Queer*feministischen Kampftag, „Femi(ni)zide“ von Judith Goetz, Cari Maier, Kyra Schmied und Marcela Torres Heredia. Gemeinsam bilden sie das Autor*innenkollektiv BIWI KEFEMPOM (Bis Wir Keinen Einzigen Femi(ni)zid Mehr Politisieren Müssen) und sind Teil von Claim The Space, das als autonomes feministische Bündnis seit 2020 auf die Gewalt gegen FLINTA und die anhaltend hohe Zahl an Femi(ni)ziden in Österreich aufmerksam macht. Femi(ni)zide, allgemein verstanden als Mord an FLINTA, sind dabei als Teil eines Kontinuums vergeschlechtlichter Gewalt zu sehen, zu dem auch das binäre hierarchische Geschlechterverhältnis als solches zählt. Die Autor*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen des Buches begreifen Femi(ni)zide als theoretische und analytische Perspektive sowie als politischen Begriff, mithilfe dessen patriarchale Gewalt und gesellschaftliche Strukturen, die diese Gewalt hervorbringen und fortsetzen, sichtbar gemacht werden kann. Die Politisierung von Femi(ni)ziden nahm ihren Ausgang in feministischen Bewegungen in Lateinamerika und breitete sich von dort auf der ganzen Welt aus; mit dem Buch wollen die Autor*innen einen Blick auf den deutschsprachigen Raum, insbesondere Österreich, werfen. Dabei ermöglicht ein konsequent intersektionaler Zugang, Ungleichheitsverhältnisse und Gewaltformen differenzierter zu betrachten und Rassismen, ebenso wie Klassismen, Queer-Feindlichkeit und Ableismus in der Debatte um femizidale Gewalt aufzudecken. Es wird diskutiert, wie feministische Raumeinahme - ganz im Sinne von Claim the Space – gelingen, wie vielfältig Protest gestaltet sein, und wie die Verwobenheit von Körper, Emotionen und Kollektiven gedacht werden kann. Feministische Theoriebildung und aktivistische Kämpfe werden dabei stets als miteinander verbunden angesehen. „Femi(ni)zide“ klärt auf, macht Mut auf die Straße zu gehen, sich zu verbünden und solidarisch zu handeln – und ist jetzt schon ein wichtiges Stück queer*feministischer Gegenwartsgeschichte!