So. Ich hab jetzt erstmal Wolf gelesen, bevor ich mir irgendwo/irgendwie gebraucht die Büchergilde-Ausgabe von Möchte die Witwe... besorge (...wer möchte bitte ein 1-Jahres-Abonnement abschließen, wo man gezwungen ist jedes Quartal mindestens ein Buch zu kaufen?? Hilfe???). Wie auch immer, Stanišić never disappoints. Auch nicht mit seinem ersten Jugendbuch Wolf. Vom Stil, Setting und Charakteren hat es mich sogar tatsächlich ein gaaanz kleines bisschen an Herrndorfs Tschick (my love, always <3) erinnert.
In Wolf erzählt der junge Kemi von einer Woche, die er in einem Ferienlager im Wald verbringen muss. Seine Mutter ist alleinerziehend, arbeitet unheimlich viel und findet das Ferienlager sei eine tolle Option für ihren Sohn. Der sieht das natürlich anders und all' die tollen Argumente seiner Mutter – "Fast alle aus deiner Klasse kommen mit", sagt Mutter. "Fast alle aus meiner Klasse sind mir komplett egal", sage ich. – können ihn nicht überzeugen. Hilft aber alles nichts. Das Ferienlager ist bezahlt und da sitzt Kemi auch schon im Bus mit vielen seiner Klassenkameraden Richtung eines x-beliebigen Kaffs in Brandenburg.
Die Geschichte ist in typischer Stanišić-Manier geschrieben und daher unheimlich witzig. Ich habe wirklich unheimlich viel gelacht und in mich hinein geschmunzelt. Zudem sind die Illustrationen von Regina Kehn ein absoluter Traum und heben die Geschichte nochmal auf eine anderes Level. Insgesamt ist die ganze Aufmachung des Buches einfach toll und super hochwertig – da hat der Carlsen-Verlag ganze Arbeit geleistet!
Doch wie in so vielen Jugendbücher werden auch schwere, "wichtige" Themen behandelt. In Wolf sind das Klassenunterschiede, Alltagsrassismus und vor allem Mobbing und Othering (oder wie Stanišić es nennt: "andersiger gemacht werden"). Manches fand ich etwas on the nose und nicht wirklich der Geschichte als Geschichte dienlich, bspw. der Charakter Patrizia Bellmann, der lediglich entwickelt wurde, um sich an kultureller Aneignung und Alltagsrassismen abzuarbeiten. Das hätte man meiner Meinung nach etwas eleganter lösen können, als eine junge weiße Yoga-liebende Frau mit Dreadlocks auf die Horde Jugendlicher loszulassen (P: "Sinan, kennst du einen Song aus deiner Heimat?" S:"Aus Pinneberg?" P: "Aus der Türkei." S: "Meine Eltern sind aus Albanien.").
Aber vor allem die Themen rund um Klassismus und Mobbing hat Stanišić wirklich gut in die Geschichte hineingewoben, ohne Gefahr zu laufen, seine junge Leser*innenschaft bekehren oder belehren zu wollen. Kemis Mutter ist alleinerziehend, und die Dynamik zwischen ihr und ihrem etwas ungewöhnlichen Sohn ("Am Klettern mag ich vor allem das Klettern nicht." :D) ist einfach zuckersüß und herzzerreißend. Weil, klar is Mama ist doof, aber Mama ist auch toll, und Mama will man nicht verletzen, also schaut man sich die blöde "Ferienlager im Wald"-Broschüre doch nochmal an, als könnte einen da doch was interessieren. <3
Das Thema Mobbing wird vor allem rund um den Charakter Jörg, Kemis Klassenkameraden und absoluten Außenseiter, erzählt. "Jörg ist halt so einer, kennt jeder." And it's sad 'cause it's true. Unser Jörg hieß Florian. Und wo Florian aggressives Verhalten gegenüber anderen Klassenkameraden zeigte, ist Jörg einfach nur ein lieber, in sich gekehrter Junge, der ein paar "andersige" Hobbies hat, wie Wandern oder Zeichnen. Man schließt ihn einfach sofort ins Herz und möchte, dass seine Peiniger mit der Scheiße aufhören und von den Erziehern mal zur Rechenschaft gezogen werden.
Stanišić ist unheimlich gut darin, zu zeigen, wie schwierig es für Kinder ist, Mobbing outzucallen und ihren Freunden beiseite zu stehen. Kemi mag Jörg nämlich eigentlich ganz gerne, traut sich bloß nicht, Marko und seinen Freunden mal richtig die Meinung zu geigen. Es kostet halt auch einfach unheimlich viel Überwindung und als Kind hat man Angst, selber zum Opfer zu werden. Dass sich Kinder nicht immer auf Erwachsene verlassen können, zeigt der Roman ebenfalls gut. Klar gibt es sie, die Erwachsenen, die checken, was Phase ist (wie der Koch oder Frau Tribeska), aber die meisten Erwachsenen (Bella und die anderen Betreuer*innen) tun das Mobbing als halb so wild ab und haben keine Lust (oder keine Kapazität) genau hinzuschauen und hinzuhören. Und dann gibt's so Kids wie Benisha, die's einfach drauf haben und aufstehen, wo andere Kids einfach sitzenbleiben. Stanišić deckt das ganze Spektrum ab und ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch bei vielen Kindern Anklang finden wird.
Das Ende ist für mich nicht ganz rund. Ich hätte mir einfach noch mehr gewünscht (mehr Konsequenzen für Marko und die anderen Mobber, mehr Solidarität zwischen Jörg, Benisha und Kemi etc.) und es fühlte sich so an, als sei das Buch einfach von jetzt auf gleich vorbei. Ich sage nicht, dass das unrealistisch ist, nur, dass es sich für mich nicht ganz vollendet angefühlt hat.
Ich möchte die Rezension mit einer Auflistung jener Charaktere beenden, die absolutely ICONIC behavior während des Romans exhibited haben: die Betreuerin Zora (einfach Augenringe und fertig mit der Welt), der Koch (<3, wie der auch immer die Betreuer*innen eingenordet hat – I love it so much – "Was hast du denen gesagt?" "Dass sie betreuen sollen." Uff.), Jörg ("Danke für das Aufpassen beim Klettern."), Frau Tribeska ("Bis dahin mussten wir ohne Pause im Kreis durch die Turnhalle laufen, auch Jörg, und Frau Tribeska lief mit und hielt eine Rede. Sie redete über Teamgeist und Kameradschaft und Respekt - im Sport und im Leben. Dann muss ihr aber der Stoff so ein bisschen ausgegangen sein, und die letzte Viertelstunde redete sie über einen schönen Badeurlaub, 1967, am Schwarzen Meer."), die Oma-Försterin Beaaaate, & Kemi selbst natürlich, ist schon ein sweeter Junge!