In den Paulusbriefen finden sich je nach Zahlung mehrere Hundert Bezugnahmen auf die heiligen Schriften Israels. Er entwickelt seine Theologie und Evangeliumsverkundigung aus diesen Schriften und deutet auch seine eigene Biografie in ihren Kategorien. Will man Paulus, sein Leben und Wirken verstehen und angemessen bewerten, ist daher die Auseinandersetzung mit seinem Schriftgebrauch und seiner Schrifthermeneutik unerlasslich. Cramer untersucht die Methodik, d. h. die Formen und Verfahren der paulinischen Schriftrezeption. Hierzu entwickelt er eine detaillierte Methodologie zur Analyse intertextueller Referenzen und wendet diese exemplarisch an.
Die Dissertation von Cramer schließt insbesondere im deutschsprachigen Raum ein Forschungsdesiderat. Sein Forschungsüberblick ist der detaillierteste, den ich bislang gefunden habe. Zugleich bietet die Arbeit überraschende Einsichten in die Methodologie der Intertextualität sowie in das Verständnis der einzelnen Begriffe. Durch die Einbettung des Paulus in seinen jüdischen Kontext und die Berücksichtigung verschiedener rabbinischer Schriftauslegungen erweitert Cramer den Forschungshorizont erheblich.
Cramers Dissertation entwickelt eine Methodik zur Analyse des paulinischen Schriftgebrauchs und zeigt an zwei längeren Beispieltexten aus Röm und Gal, dass Paulus im Rahmen frühjüdischer Auslegung bleibt und seine Argumentation stark schriftgebunden ist. Stärken sind der breite Forschungsüberblick, die akribische Methodik sowie die systematische Verbindung mit intertextualitätstheoretischen Ansätzen. Schwächer wirkt die Studie dort, wo Kontroversen im Forschungsstand zu glatt dargestellt werden, alttestamentliche Fachliteratur begrenzt einbezogen wird und wenn es um die paulinische Hermeneutik geht, die eigentlich kein Objekt der Studie bildet (wo z.B. Begriffe wie „transformativer Funktionstypus“, 119, unklar bleiben). Hinzu kommen ein paar formale Mängel und insgesamt wenig neue Ergebnisse über den bestehenden Forschungskonsens hinaus. Dennoch ein wichtiger methodologischer Beitrag zum Thema Intertextuailität in der Exegese sowie eine zukünftige Referenz in Sachen paulinische Theologie.