Nach Abitur und Ausbildung zum Elektromonteur studierte Erik Simon Physik an der TU Dresden. In dieser Zeit wurde er auch aktives Mitglied des später von staatlichen Stellen zerschlagenen Stanislaw-Lem-Klubs, wo er das Aktiv für Auslandsphantastik leitete, das Übersetzungen für die Klubbibliothek anfertigte und Veranstaltungen über ausländische Autoren vorbereitete. Hier wurden bereits zwei seiner Hauptinteressen deutlich: Science-Fiction und Sprachen. Parallel zu seinem Diplom als Physiker erwarb Simon den staatlichen Abschluss als Fachübersetzer für Russisch; er hat seither Science Fiction und Phantastik aus dem Englischen, aus mehreren slawischen Sprachen und aus dem Niederländischen übersetzt. Nach einer kurzen Tätigkeit als Ingenieur in einem Betonwerk wurde Simon 1974 Lektor im Verlag Das Neue Berlin, wo er hauptsächlich Science Fiction aus dem sozialistischen Ausland betreute. Dabei war ein besonderes Verdienst die Publikation der Werke der Brüder Arkadi und Boris Strugazki.
Durch seine Tätigkeit als Lektor, Herausgeber, Übersetzer und Science-Fiction-Theoretiker hatte er einen herausragenden Einfluss auf die Entwicklung der Science Fiction in der DDR. Als Herausgeber erlangte er – neben vielen Anthologien und Erzählungsbänden, die den DDR-Lesern beispielsweise die angloamerikanische und bulgarische Science Fiction näherbrachten – große Verdienste vor allem mit den Lichtjahr-Almanachen, in denen neben in- und ausländischen Erzählungen viele theoretische Arbeiten zur Science Fiction erschienen. Zusammen mit Olaf R. Spittel gab er 1988 das Lexikon Die Science-fiction der DDR. Autoren und Werke heraus, an dem auch Heinz Entner, Otto Werner Förster, Karsten Kruschel, Steffen Peltsch, Ekkehard Redlin und Karlheinz Steinmüller mitarbeiteten.
Als Science-Fiction-Autor bevorzugt Simon die kurze Form. Neben vielen Storys in Zeitschriften und Anthologien veröffentlichte er in der DDR die Erzählungsbände Fremde Sterne (1979) und Mondphantome Erdbesucher (1987), einen Gedichtband, zusammen mit Reinhard Heinrich den Erzählungszyklus Die ersten Zeitreisen (1977) und zusammen mit Olaf R. Spittel eine Broschüre über Science Fiction in der DDR (den Vorläufer des Lexikons). Seit der Verlag Das Neue Berlin Ende 1991 sein Science-Fiction-Programm einstellte, ist Erik Simon als freischaffender Übersetzer und Herausgeber tätig und veröffentlicht Artikel und Buchbesprechungen im Quarber Merkur und in dem Jahrbuch Das Science Fiction Jahr.
Neben Werken der Strugazkis hat er unter anderem auch Romane und Erzählungen von Andrzej Sapkowski und Vernor Vinge sowie den populärwissenschaftlichen Teil in den Bänden über die Wissenschaft der Scheibenwelt von Terry Pratchett, Ian Stewart und Jack Cohen übersetzt. Er hat auch fremde Übersetzungen redigiert, bearbeitet oder ergänzt, darunter Werke von Sergej Lukianenko und den Strugazkis, sowie darin vorkommende Verse nachgedichtet.
Er errang mehrfach den Kurd-Laßwitz-Preis sowie andere Science-Fiction-Preise. Bücher von ihm erschienen in bulgarischer, polnischer, schwedischer und tschechischer Übersetzung, einzelne Erzählungen und Essays in zwölf weiteren Fremdsprachen. Seine Werkausgabe Simon’s Fiction erschien 2002 bis 2014 im Berliner Verlag Shayol, seit 2017 (Band 6) wird sie im Verlag Golkonda fortgesetzt.
Dieser Band 1 von »Simon’s Fiction« (nur echt mit Apostroph!) enthält »Phantastische Erzählungen« und das Buch gehört zur neuen Werkausgabe von Erik Simon im Memoranda Verlag, es ist außerdem eine Neuausgabe des vor knapp zwanzig Jahren im Shayol Verlag erschienenen Buches. Die Werkausgabe ist bisher auf sechs Bände konzipiert, wobei sich die Bände 5 und 6 mit den »Werken in Einzelausgaben« von Angela und Karlheinz Steinmüller im gleichen Verlag überschneiden und dort als Band 7 und Band 8 schon erschienen sind. Unabhängig von der etwas komplizierten Editionshistorie, ist für mich eines wichtig: Genauso wünsche ich mir eine Werkausgabe, denn es sind schön gestaltete Bücher mit einem Vorwort (von Hannes Riffel), einer Einführung zum Autor (von Hans-Peter Neumann), Anmerkungen vom Autor zu den einzelnen Beiträgen und schönen Vignetten (von Dimitrij Makarow). Erik Simon hat großen Einfluss auf die Entwicklung der Science Fiction in der DDR gehabt, insbesondere als Lektor im Verlag Das Neue Berlin, als Herausgeber von Anthologien und auch als Autor. Ich als Westdeutscher habe davon nur hin und wieder Notiz genommen, insbesondere durch die Lektüre verschiedener Kurzgeschichten in diversen Magazinen und vor allem durch seine Übersetzungen, z.B. der Bücher der Brüder Strugatzki. Die Werkausgabe bietet nun die Gelegenheit, sich mit einem vielseitigen Autor ausführlicher zu beschäftigen. Das Buch ist in verschieden Abschnitte unterteilt und beginnt unter »Sternschnuppen 1« mit den ältesten Werken von Simon, die sich noch auf dem Niveau des gehobenen Fanzines bewegten. Es sind nette Pointengeschichten, die aber immer schon einen humorvollen Stil haben. Das Titelbild dieses Buches, »wo ein Mann am Rande der Weltscheibe unter der Kuppel des Firmaments hindurchkriecht und draußen das fremdartige Sphären- und Räderwerk des Universums erblickt« (S. 308) passt auf die Geschichte »Wissenswertes über den Planeten Ikarus«. Dies ist ein kurzer Bericht über eine faszinierende Zivilisation in einer Hohlwelt, die zerstört wurde. Besonders bemerkenswert ist, dass Simon in seinem Nachwort eine Parallele vom Bild zur Befindlichkeit der DDR-Bewohner zieht. Auch hier zeigt sich, dass die Bemerkungen des Autors wirklich interessante Ergänzungen darstellen. Der Abschnitt »Sterne« enthält eine Art »fiktive Chronik interstellarer Raumfahrt« (S.310) zusammengestellt aus unterschiedlichen Geschichten. Einen Teil dieser Chronik liefert die Einleitung zu »Der Bahnbrecher«, einer Geschichte um eine mögliche Begegnung mit Außerirdischen, die verschiedene Enden anbietet und offen lässt, ob die »heroische Folklore« richtig ist oder ob es sich doch alles anders zutrug. Gerade den Aspekt eines kritischen Verhältnisses der Gesellschaft zur Raumfahrt fand ich in der Chronik interessant. »Gespräche unterwegs« ist eine Generationenraumschiff-Erzählung in mehreren Ebenen, in denen jeweils die vorhergehende Ebene von der nächsten als Test entlarvt wird. Interessant fand ich Simons Anmerkungen, in denen er die gravierenden Änderungen erläutert, die er im Laufe der Zeit an der Geschichte vornahm. In »Die Sterne« wird ein Funkspruch einer interstellaren Expedition aufgefangen. Die Bürokratie im Alltag der Wissenschaftler und Ingenieure führt fast dazu, dass die Sendung ungehört verhallt. Auch in der nächsten Geschichte (»Clivia Nemann«) hält man lange Raumflüge für »sinnlos und unverantwortlich« (S. 173). Eine Frau hat sich einfrieren lassen, um ihren Mann wiederzusehen, der an einem langen Raumflug teilgenommen an. Die Geschichte endet tragisch, ist aber eigentlich zu kurz für eine tiefere Charakterisierung. Auch bei »Der Kundschafter« fand ich die Anmerkungen sehr interessant: man erhält einen kleinen Einblick darin, wie Simon Geschichten umschreibt und hier durch die Einbettung der Erzählung in einen größeren Rahmen eine tiefere Pointe erreicht. »Das Diorama« schließt die kleine Chronik der Raumfahrt ab, in der die Raumfahrer nicht immer angesehen waren und manche nach ihrer Rückkehr von jahrzehntelangen Flügen eben nicht als Helden empfangen wurden. Aus dem Abschnitt »Sternschnuppen 2 - SF über SF« gefiel mir »Neu bei Scifilis: Cave Martem!« besonders gut. Dies ist eine kurze SF-Parodie, die Besprechung eines Buches, das den »Krieg der Welten« von H. G. Wells auf eine Roboterzivilisation überträgt. Ausgerechnet mit »Spiel beendet, sagte der Sumpf« konnte ich leider wenig anfangen. Für diese Geschichte erhielt Simon den Kurd Laßwitz Preis als »Beste Kurzgeschichte 2002« und bezeichnet sie im Nachwort als »Fingerübung« (S. 312). Es ist eine Geschichte um abgegriffene SF-Sujets: »Erledigte Sujets werden erschossen, nicht wahr?«(S. 220), es gibt außerirdische Kinder, die im Spiel die Erde zerstören, und Zeitreisen, die den Verlauf der Geschichte ändern. Für mich passte es nicht zusammen. Simon schreibt auch SF-Gedichte und die Auswahl im Buch hat mir gut gefallen. Manche erzählen kleine Geschichten, manche sind witzig, manche ganz kurz, so wie »Fermis Paradox«: »Gäbe es Menschen jenseits des großen Wassers - warum senden sie keine Rauchzeichen? Warum hören wir nicht ihre Trommeln?« (S. 242). Oder die »Elementarsonette«, die jeweils einem der Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde gewidmet sind und eine durch dieses Element verursachte Katastrophe schildern. Ein Schwung Märchen, Märchenparodien und Balladen beenden den Band, der einen vielseitigen, abwechslungsreichen und stilistisch vielfältigen Autor zeigt, der die Science-Fiction und ihre Themen kennt und seine Geschichten oft mit einem angenehmen ironischen Unterton erzählt. Ein Buch natürlich für Simon und Steinmüller Fans, aber auch für andere, die ein Spiel mit der Sprache lieben und phantasievolle Erzählungen mögen.
Meine Rezension bei Erscheinen des Buches: In einer kleinen Auflage hat der Berliner Shayol-Verlag ein ambitioniertes Projekt gestartet. Sämtliche belletristischen Werke Erik Simons. Erik Simon braucht man dem Science Fiction-Leser nicht vorzustellen, wenngleich er der Mehrzahl nur als Herausgeber von Anthologien und Übersetzer bekannt sein dürfte. Erik Simon ist aber auch als Autor mit einer großen Anzahl von SF-Geschichten hervorgetreten, und wie der erste Band zeigt, hat er nicht nur Geschichten, sondern auch Märchen und (Science Fiction-)Gedichte geschrieben. Und nebenbei erwähnt gehörte Simon zu den wichtigsten Gestalten der Science Fiction-Szene in der DDR. Hinter all diesen Geschichten zeigt sich ein Schaffender, der auf Rationalität Wert legt, der nicht gewillt ist, den Verstand beim Lesen hinten an zu stellen, der kritisch die mitunter haarsträubenden Klischees der Science Fiction erkennt, und sie satirisch aufs Korn nimmt oder parodiert. Sein Umgang mit dem Genre ist souverän. Die Erzählweise ist eher verhalten, auch der Humor ist leise, doch beide sind prägnant. Den sehr informativen Nachbemerkungen kann man entnehmen, dass jeder Text von Simon noch mal „geprüft“ wurde, bevor er in die Sammlung aufgenommen wurde. Man erfährt auch, dass Geschichten oft von anderen Texten inspiriert und Ergebnisse eines oft langen Entstehungs- und auch Überarbeitungsprozesses sind. Und der Band zeigt, dass dies nicht zum Nachteil der Lesbarkeit geschehen ist. Kein Zweifel, das ist eine Liebhaberausgabe, hier wird Science Fiction als Literatur ernst genommen und gepflegt, ja fast schon liebevoll behandelt. Science Fiction nicht nur als Ware und Lesefutter für die Massen. Die deutsche Science Fiction-Landschaft braucht das, und es erfreut das Herz eines jeden Liebhabers. Es handelt sich meistens um Geschichten über Fremdkontakt und die Erforschung des Weltraums, Geschichten also, die in Ost und West auf Fortschrittsoptimismus gründen. Die Überwindung der unwirtlichen Weiten des Alls ist eben ideologisch geprägt. Simon entwickelt jedoch Gegenstrategien, sein Skepsis ist rational und humanistisch. Seine Plots lassen Tragik und Vergeblichkeit zu, seine Pointen lassen Ideologien ins Leere laufen. Vielleicht hat das die Anziehungskraft in der DDR ausgemacht, diese listige und auch unterhaltsame Verweigerung von verordnetem Pathos und sozialistischem Fortschrittsgläubigkeit. Der heutige Leser erfreut sich jedoch an den Pointen, die Simon zielsicher zu setzen weiß, und vermisst auf der anderen Seite emotionale Eindringlichkeit und womöglich auch eine große thematische Bandbreite. Ein gutes Beispiel ist die Geschichte „Der Kundschafter“. Ein wissenschaftlicher Kundschafter wartet auf einem unwirtlichen Planeten ohne Leben in seinem Raumschiff auf die Versorgungsrakete, die es ihm ermöglicht, zurückzukehren. Er ist froh darauf, zurückkehren zu können, denn die Erkundigung hat ihm die Leere des Weltalls offenbart. Er wartet und wartet, doch als der Nachschub kommt, ist alles anders, denn die Rakete verhält sich nicht so wie sie sollte. Simon schildert realistisch und unpathetisch den einsamen Kampf des Raumfahrers ums Überleben, so dass man sich wie er verloren im Weltall fühlt. Ein sehr melancholische Geschichte, wobei die Pointe den Eindruck noch verstärkt. Simons Geschichten sind immer auch Auseinandersetzungen mit dem Genre oder mit ganz bestimmten Texten daraus. Er spielt mit dem Genre, nimmt es nicht allzu ernst, das ist auch für den Leser vergnüglich. Das zeigt auch die Geschichte „Spiel beendet, sagte der Sumpf“, die Simon als Reaktion auf einen Katalog von Klischees geschrieben hat. Dieser Geschichte enthält natürlich alle aufgeführten „Klischees“: Sümpfe, die sich als denkendes Wesen erweisen; Zeitreisen mit dem Ziel der Ermordung eines Großvaters oder anderer Vergehen, Mutanten als letzte Bewohner der Erde, um Emanzipation kämpfende Roboter, usw.. Neben dem Geschichtenerzähler gibt es auch den Märchenerzähler Simon. So führt er in „Die Geschichte der unschuldig Verurteilten“ ein bekanntes orientalisches Märchen zu einem für europäische Leser wenig märchenhaftem Ende. In „Die drei Königinnen“ wirft er auf bekannte Märchengestalten einen ganz neuen Blick. Der Leser wird dabei an die Märchen aus seiner Kindheit erinnert, mehr sei hier nicht verraten, denn auch diese Geschichte hat eine Pointe. Der Dichter Simon ist den Lesern von Jeschke-Anthologien bei Heyne und von Alien-Contact bekannt. Hier sind sie nun gesammelt. Für den Rezensenten waren sie der angenehmste Teil, denn Science Fiction Gedichte findet man selten und was die Form der Gedichte anbelangt, ist Simon konservativ, er verwendet Reime und gebundenes Versmaß. Sie sind wie die Kurzgeschichten skeptisch bis pessimistisch, doch auch einfach schön. Und die Gedichte um Drachen sind humorvolle Persiflagen auf die Fantasy. Wegen der sorgfältigen und liebevollen Ausgabe gibt es einen zusätzlichen Punkt, also 4 insgesamt.