Ein Buch so spannend wie ein Mafiafilm, exzellent recherchiert, hochaktuell und absolut süchtig machend
Nominiert für den Preis für das beste Wissenschaftsbuch des Jahres 2024
Wer Anfang des 19. Jahrhunderts in der westlichen Welt Drogen kaufen wollte, ging in die Apotheke. Wer Anfang des 21. Jahrhunderts in der westlichen Welt Drogen kaufen wollte, musste zu seinem Dealer. Wie es dazu kam, dass Medikamente zu Rauschmitteln, Rauschmittel zu Rauschgift und aus Rauschgift illegale Drogen wurden, erklärt uns Helena Barop in dieser fantastisch geschriebenen Geschichte der Drogenpolitik. Die Historikerin zeigt, wie vor allem die US-amerikanische Drogenpolitik ihren Weg nach Deutschland und in den Rest der Welt fand und Drogen vielerorts zu einem gesellschaftlichen Problem erklärte. Fesselnd schildert Barop, wie die Angst vor Drogen sich zuverlässig in politisches Kapital umwandeln ließ und lässt. Dabei räumt sie mit Vorurteilen und Halbwahrheiten auf und verdeutlicht an zahlreichen Die Geschichte der Drogenpolitik ist eine Geschichte der schillernden Ambivalenzen – und es ist an der Zeit, sie neu zu sortieren.
Dies ist ganz explizit keine Geschichte des Drogenkonsums, sondern die der Drogenprohibition, also des Verbots und der Kriminalisierung von Handel, Besitz und Gebrauch. Barop zeigt dabei sehr plausibel auf, dass hier weit weniger medizinische Überlegungen hinsichtlich der Schädlichkeit von Drogen eine Rolle spielten als vielmehr soziale Kategorien. Denn von Anfang an waren Drogenverbote Instrumente der rassistischen Diskriminierung, wenn etwa der Opiumkonsum chinesischer Minderheiten in den USA kriminalisiert wurde, nicht aber der Morphiumkonsum weißer Kriegsveteranen, solange Kokain Droge der Afroamerikaner war, wurde sie weit stärker verteufelt und ihr Missbrauch härter bestraft als in seiner Funktion als Aufputschmittel für weiße High-Performer. Wie immer bei einer dezidierten Law-and-Order-Politik diente Drogenprohibition immer als einfache Lösung für komplexe soziale Probleme, doch wesentliche These von Barops Buch ist, dass gerade die Prohibition viele Probleme in Zusammenhang mit Drogensucht überhaupt erst hervorruft: Die Propagierung totaler Abstinenz steht der Aufklärung über einen verantwortungsvollen Konsum im Wege, der Schwarzmarkt bietet verunreinigten Stoff, soziale Stigmatisierung der Konsumenten behindert notwendige Hilfe, illegaler Handel bedingt weitere Kriminalität... Die Kritik an der jahrzehntelang vorherrschenden Drogenpolitik v.a. in den USA, in deren Dunstkreis aber weltweit, erscheint mir in vielem berechtigt, doch neigt Barop leider etwas zu sehr dazu, die Wirkung von Drogenkonsum zu verharmlosen: Zwar stellt sie plausibel dar, wie die Suchtwirkung etwa von Heroin übertrieben wurde, um ein hartes Verbot zu rechtfertigen, doch schiebt sie den Schaden, den der Konsum anrichtet, gern auf den mangelhaften Aufklärungsstand der Konsumenten bzw. auf die schlechte Qualität der Schwarzmarktware. Der Schaden, den legale Drogen anrichten, lässt sich am Beispiel von Alkohol und Nikotin beobachten: Die schädliche Wirkung ist bekannt, wird aber, trotz allgegenwärtiger Aufklärung, von den Konsumenten verdrängt oder bewusst in Kauf genommen. Zwar geht Barop anfangs auf die Doppelmoral dieser scheinbaren Beliebigkeit hinsichtlich der Legalität ein, doch bleibt dieses Problem im Laufe ihrer Darstellung liegen. Letztlich krankt ihre Argumentation daran, dass sie rein vom sozialwissenschaftlichen Standpunkt ausgeht, den medizinischen aber vernachlässigt.
3,5 Sterne. Ein Lebenswertes und gut geschriebenes Buch. Allerdings ist der Titel etwas missverständlich, man darf keine umfassende Geschichte der globalen Drogenpolitik erwarten. Vielmehr fokussiert sich das Buch v.a. auf die (global maßgebende) Drogenpolitik der USA, endet dann aber quasi in den 70er Jahren und lässt die aktuelle Opiatenkrise ganz weg. Stattdessen bietet es eine spannend geschriebene (teils etwas oberflächlich) und sehr lesenswerte Gesellschaftsgeschichte, die es schafft, den Bogen in die Gegenwart zu ziehen und neben einer ausführlichen Betrachtung der Situation in Deutschland auch kurze Einblicke in andere Länder (Portugal/Niederlande) bietet.
Das Buch sollte jeder gelesen haben! Trifft den Nagel auf dem Kopf. Barop thematisiert die Geschichte der Prohibitionspolitik - von der Diskriminiering von Randgruppen, der Instrumentalisierung zur Erweiterung des politischen Spielraums/Macht bis hin zur Entstehung der Vorurteile gegenüber Konsumenten. Super spannend!
Changed my view on governments and their secret services. Reading This book feels like waking up out of your nice dream to be in a horrible world. It’s just eye opening.
Ich finde es sehr witzig dass das Buch mit dem Satz "Ein Buch so spannend wie ein Mafiafilm" beworben wird und dann im Text u.a dargelegt wird, dass viele Mafia-Mythen (besonders im Zusammenhang mit Drogenhandel) das Ergebnis von propagandistischen "Aufklärungen" und Kampagnen US-amerikanischer Behörden sind. Eben jene Mythen, die dann auch mit den urtypischen Mafiafilmen immer mehr kanalisiert und ins kollektive Gedächtnis verankert wurden.
Super gut recherchiert und sehr anschaulich erzählt. Interessante Ereignisse in der Weltgeschichte clever verknüpft ich hab das Buch ehrlich verschlungen.