"Ich kann nicht leben, also schreibe ich. Obwohl ich das Schreiben hasse, weil es der Ausdruck meines Nichtlebens ist, und obwohl ich weiß, dass es für das, was ich zu sagen habe, keine Worte gibt."
"Der Fluss und das Meer" ist eine Sammlung von fünf Erzählungen, die mal acht, mal 50 Seiten lang sind. Vier davon wurden bereits in anderer Weise veröffentlicht und wurden für dieses Buch von der Autorin überarbeitet. Beim Lesen kam bei mir die Vermutung auf, dass Natascha Wodin von ihren eigenen Erlebnissen erzählt, und tatsächlich habe ich nach der Lektüre herausgefunden, dass es ein autobiografisches Werk ist.
Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber der Inhalt des Buches ist dunkler und weniger modern als das Buchcover vermuten lässt. Letzteres liegt zum einen daran, dass die Erzählungen im 20. Jahrhundert spielen, zum anderen am Schreibstil, der mich teils, warum auch immer, an meine damalige Schullektüre erinnert hat. Das meine ich nicht unbedingt negativ, denn das Buch lässt sich gut lesen.
Allen fünf Erzählungen liegt eine unheilvolle Grundstimmung zugrunde. Auch das kann ich schwer beschreiben, aber ich hatte teils das Gefühl einer unheimlichen Vorahnung. Und ja, worum geht es denn jetzt eigentlich in diesem Buch?
Es geht um psychische Erkrankungen, es geht um innere Kämpfe und die Suche nach einer Verbindung. Mal beobachtet die Autorin regelmäßig eine verwahrloste Nachbarin vom Fenster aus, mal schreibt sie Briefe mit einem Patienten in einer geschlossenen Psychiatrie.
Da ich jetzt weiß, dass es ein autobiografisches Buch ist, empfinde ich es als sehr mutiges Werk, da die Autorin hier ehrlich und ungeschönt von Episoden aus ihrem Leben schreibt. In gewisser Weise ist es auch ein Zeitdokument, denn Natascha Wodin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter*innen geboren, wuchs in einem Lager für Displaced Persons auf, verlor ihre Mutter an Suizid und litt unter der Gewalttätigkeit eines schweigsamen Vaters. So kommt sie in dem Buch auch zu der Erkenntnis, dass sie die Traumata ihrer Vorfahr*innen in sich trägt – und dass kaum über das Schicksal der sowjetischen Zwangsarbeiter*innen gesprochen wird.
An manchen Stellen haben sich die Erzählungen etwas gezogen, an anderen haben sie mich etwas verstört. Insgesamt finde ich es ein interessantes und wichtiges Buch und würde es Leser*innen empfehlen, die sich für die Autorin und/oder die angesprochenen Themen interessieren.
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