Echt jetzt? Ein hymnisch gefeierter Roman? Also das muss ich zumindest damals komplett verpennt haben oder die Hymnen waren alle auf Norwegisch.
Wie auch immer, heute mehr als 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen lese ich da ganz was anderes und das geht in etwa so:
Es war nie leicht für die meisten Männer, sich von ihren Frauen versorgen zu lassen, als Hausmann zu arbeiten, ohne konkrete Perspektive selbst einmal zum Haushaltsbudget beitragen zu können. Die Frau ist nicht so wahnsinnig glücklich, aber fügt sich und gibt vor, an ihren Mann und seine Träume zu glauben. Schließlich wünscht sie sich einen selbstbewussten Mann und kein von Selbstzweifeln zerfressenes Wrack. Er ist Schriftsteller oder möchte es sein. In dieser heiklen Situation, er ist bereits Anfang 30, versucht er mit wachsender Verzweiflung ein Thema zu finden, auf das er sich selbst einlassen möchte, das sich aber auch verkaufen lässt. Lange Zeit ist seine Suche erfolglos, der Druck in der Ehe wächst, unausgesprochen zunächst und schließlich immer offener. Er müsse der Realität ins Auge blicken, ein Brotjob steht als Vernichtungsschlag am Horizont. Aber noch ist er nicht bereit aufzugeben, sucht Zuflucht in der Literatur, zunächst in der Glück- und Erfolgversprechenden Esoterik, am Ende aber landet er bei der Bibel, öffnet sich für Gott und einen Hinweis, was er machen soll. Und siehe da, Gott muss sich gar nicht mehr zu Wort melden. Die Bibel selbst ist die Antwort. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, denn was ihn immer wieder bereits in der Esoterik fasziniert, sind die vielen Bücher über Engel und nun findet er sie gemeinsam mit anderen himmlischen Geschöpfen auch in der Bibel wieder. Bald entsteht ein Romankonzept in seinem Kopf. Er muss seine Erkenntnisse in einen Roman einbetten, denn er will ja kein Sachbuch schreiben, also erfindet er einen mittelalterlichen Engelsforscher, der die Erkenntnisse des Autors als die eigenen ausgibt. Der Autor stattet ihn auch mit weiteren Eigenschaften seiner eigenen Persönlichkeit aus. Die Verbissenheit mit der er sein Projekt verfolgt, er setzt dabei alles aufs Spiel, die Ehe wird später in die Brüche gehen, aber die Zerrüttung ist bereits in vollem Gange. Die fast wahnhafte Sturheit mit der an dem Engelsprojekt über die Jahre arbeitet, stößt immer mehr Menschen in seinem Umfeld ab. Ein Buch über Engel? sagen sie und wenden sich innerlich ab, die freundlichsten Reaktionen sind eine Art verunsichertes Belächeln, er muss das ironisch meinen.
Er selbst ahnt, dass er keinen Erfolg damit haben wird. Aber er verbeißt sich weiter wütend und außer sich wie eine Bulldogge im Teddybären.
Er entwickelt die Geschichte beginnend mit Kain und Abel, als die Engel noch als stolze Cherubim ein Leuchtfeuer hoch oben am Berg bildeten, über Noah, denn Gott war dem Treiben der Menschen und Engel auf Erden überdrüssig (sie schwängerten Menschenfrauen, die daraufhin die riesenhaften Zwitterwesen Nephilim gebaren), bis zu dem fiktiven Engelsforscher, Antinous Bellori, der im späten 16. Jahrhundert Engel mit eigenen Augen sieht und beseelt von dem Drang, sie wiederzusehen, jahrelang auf der Suche ist wie die Suche nach dem heiligen Gral. Und tatsächlich wird er fündig. Bellori findet heraus, dass die Engel in der Epoche des dritten Reichs (die seit Jesu Tod andauert), durchwegs gefallene Engel sind, die nicht mehr in den Himmel zurückkehren können, weil Gott, der in Jesus eingeflossen ist, mit dessen Tod auch gestorben ist. Es gibt massenhaft Engelssichtungen, aber sie werden von Hunger gequält, sie nehmen kleinere Gestalt an (Putten), machen sich aufgrund ihrer Unersättlichkeit unbeliebt und werden überall verscheucht, bis sie ihre Gestalt weiter ändern und zu einer neuen Möwenart werden, nämlich jener, die sich dem Menschen ungeniert nähert und ihn umkreist um sich die Essensabfälle zu sichern.
Und nach mehr als 2 Jahren Arbeit erscheint endlich das Werk, er bekommt Anerkennung, aber die Verkaufszahlen bleiben sehr überschaubar. Man gratuliert ihm zu dem Achtungserfolg, aber die meisten belächeln ihn weiterhin. Dennoch fühlt er sich bestärkt, denn er hat gelernt, ja ich kann schreiben, auch das ganz breite epische Format und er beginnt mit einem autobiografischen Konzept, das am Ende 2-3 tausend Seiten umfassen wird. Und nun hat er den gewünschten Erfolg, wenn auch an unerwarteter Stelle.
Das Engelsthema lässt ihn trotzdem nicht los, er ist besessen davon, es in einem neuerlichen Anlauf zu dem Erfolg zu führen, den es seiner Meinung nach haben muss. Ich zeige es euch Lächlern allen noch. Jawohl! Aber es muss über die Vergangenheit hinaus gehen, die Menschen wollen wissen was kommen wird, ja und wenn schon, dann noch einen Schritt weiter, stell dir vor, wenn der Tod überwunden wird.
Wir sehen was wir wissen sagte sein Engelsforscher, und wenn wir wissen dass es Engel gibt, dann sehen wir sie auch, wenn wir wissen dass es sie nicht gibt, sehen wir sie nicht.
Aber nun gibt es einen weiteren Stern am Himmel.
Ähm, ich war eigentlich bei 3 Sternen, aber ich hab einen vierten rausgepresst, Knausgardbonus.