Kaum jemand hat in den vergangenen Jahrzehnten das deutsch-russische Geflecht aus historischen Erfahrungen, machtpolitischen Interessen und ideologischen Fieberträumen intensiver erforscht als Gerd Koenen. Im Widerschein des neuen Krieges, der viele alte Fragen wieder aufwirft, begibt er sich auf eine Spurensuche, die uns von der zynischen Partnerschaft in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes bis zur Freund-Feind-Propaganda unserer Tage und von den Gründern von «Memorial» bis zu den Spin Doctors Putins führt.
Was hat Putin und die um ihn gescharte oligarchische Machtelite dazu getrieben, einen ebenso mörderischen wie selbstzerstörerischen Angriffskrieg zu beginnen? Welche langfristigen Ziele verfolgt Russland? Und warum hat sich zwischen ihm und seinen westlichen Nachbarn erneut ein tödliches Spannungsfeld aufgebaut, das ganz Europa in eine Gefahrenzone verwandelt? In seinem neuen Buch bündelt Gerd Koenen sein jahrzehntelanges Nachdenken über Russland zu einer ebenso differenzierten wie schonungslosen Bilanz.
Gerd Koenen is a German historian and former communist politician.
Koenen grew up in Bochum and Gelsenkirchen and studied Romance languages, history and politics in Tübingen. There, he joined the Sozialistischer Deutscher Studentenbund (Socialist German Student Association) in the wake of the shooting of Benno Ohnesorg by the police. In 1968 he moved to Frankfurt, where in 1972, he completed the state exam in history and politics.
In 1973, he joined the newly founded Communist League of West Germany (KBW). Under the influence of his party he gave up his 1974 doctoral dissertation, preferring instead to devote himself to the "revolutionary factory work" and from 1976 to edit the Communist People's Daily of KBW. As of 1982, Koenen distanced himself from KBW and was disillusioned with his study of the Polish antisoviet movement Solidarity. A number of Koenen's publications are devoted to the history of communism and its perception in Germany - a subject on which he finally received his doctorate in Tübingen 2003. From 1988 to 1990, he was editor of magazine 'Pflasterstrand' (Paved Beach) along with Daniel Cohn-Bendit).
Koenen's 2001 book 'The Red Decade' became well-known and due to the discussion of the radical leftist past of foreign minister Joschka Fischer, and the importance of the '68 movement in the history of the Federal Republic.
Unlike some other intellectuals with communist pasts, Koenen so far has not absolutely condemned all left positions in a reversal of position. In a 2001 edition of the Hans-Gerhart Schmierer-edited magazine 'Commune', Koenen inveighed against the "trial of the young seniors of the Free and Christian Democracy, a rhetoric of universal suspicion of their way of Resolute conformism as the only possible way of socialization ex post yet to establish".
Articles by Koenen also appeared in Der Spiegel, Die Zeit and many national newspapers. In addition, Koenen is author or co-author of several radio and television broadcasts. Koenen got his doctorate in 2003 from the University of Tübingen, with a thesis on the topic Rome or Moscow - Germany, the West and the revolution in Russia from 1914 to 1924. The work was published in a revised, supplemented and shortened form under the title The Russia-Complex. Together with the Russian philosopher Mikhail Ryklin, Koenen received funds totaling 15,000 euros as winner of Leipzig Book Prize for European Understanding at the 2007 Leipzig Book Fair. From 2008 to 2010, Koenen researched the history of communism in the Freiburg institute FRIAS.
Gerd Koenens Im Widerschein des Krieges - Nachdenken über Russland ist eine essayistische Auseinandersetzung mit Russland vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges. Der Krieg dient dabei weniger als Gegenstand eigener Analyse denn als Anlass, historische Tiefenschichten russischer Politik sowie den westlichen – insbesondere deutschen – Umgang mit Russland zu reflektieren.
Koenen schreibt aus einer klar anti-totalitären, post-ideologischen Perspektive. Er wendet sich entschieden gegen jede Form von Russophilie, die Verständnis in Entschuldigung überführt, und kritisiert politische wie intellektuelle Blindstellen gegenüber sowjetischen und russischen Verbrechen. In weit ausgreifenden historischen Rückblicken – von Rapallo über den stalinistischen Terror bis zu Snyders Bloodlands – deutet er den Ukrainekrieg unter anderem als Ausdruck eines postsowjetischen „Versailles-Komplexes“.
Seine Positionen trägt Koenen meist eloquent, gelegentlich polemisch vor. Die Zusammenstellung des Buches aus einzelnen Essays führt allerdings zu Wiederholungen, und der Blick bleibt stark auf das „große Ganze“ gerichtet.
In vielen Punkten ist Koenen überzeugend, insbesondere in der Ablehnung von Schuldumkehr und Relativierung. Skeptisch stimmen hingegen Passagen, in denen er implizit mit der Vorstellung eines russischen Nationalcharakters zu arbeiten scheint.
Wer mit der Materie bereits vertraut ist, wird wenig Neues finden; für Leserinnen und Leser mit historischem Grundwissen, die eine klare, pointierte Einordnung suchen, könnte das Buch dennoch lesenswert sein.
Rating: 4/5 Sprache gelesen: Deutsch Gelesen im Jahr: 2026