Prätentiös, so die vernichtende Kritik einer Freundin, der ich begeistert den Roman empfohlen habe. Ich weiß genau, was sie damit meint. Kunstkacke, könnte man vereinfacht diesem experimentellen Text abstempeln. Dass er bei mir voll ins Schwarze getroffen hat, dass dieser überspannte Tag(alp)traum mich erreicht, liegt wohl vor allem an der intensiven, eher lyrischen als erzählenden Sprache und der surrealen Anmutung der geschilderten Situationen.
Eine junge Ehefrau und Mutter hat einen Geliebten. Die Familie scheitert, auch die Beziehung zum Geliebten hat keine Chance mehr. Die Ich-Erzählerin mit den wechselnden Vornamen taucht ab in ein Gedankenkarussel: Was ist passiert? Warum? Wer trägt die Schuld? Wer bin ich? Wie kann ich, wie will ich weiterleben und wie ergeht es den anderen: Meinem mann, meinem Kind, Freunden … ? All diese Überlegungen überführt die Autorin in starke, oft rätselhafte Szenen, ein verbogenes Wunderland, schrullige Dialoge, eine Handlung, die vielmehr einer Traumlogik als realistischem Geschehen folgt. Ich war beim Lesen staunend gefesselt, auch wenn sich die ästetischen Kniffe im letzten Drittel etwas abnutzen.
„Jeder kann doch schließlich pfeifen, sag ich mir jetzt, als er wie ein seliger Erpel davonwackelt, jeder kann lieben, sich scheiden lassen, kann morgens aufstehen, Zöpfe flechten, den Fernseher anschalten, Honig lecken. Was also stimmt nicht mit mir?
Ich pflückte einen Apfel und setzte mich unter den Baum. Schon lang hab ich mir nicht mehr eine so schwierige Frage gestellt. Das Wichtigste sind die Eltern, erin. nere ich mich. Wenn deine Eltern dich deformiert haben, bist du deform. Wenn sie dich fertiggemacht haben, bist du fertig. Wenn sie dich gekocht haben, bist du gekocht, wenn sie dich geschrumpft haben, bist du schrumpf. Wenn sie dich aufgeblasen haben, bist du eine Blase. Wenn sie dich engeln, bist du Engelchen. Wer, verdammt noch mal, hat ihnen diese Macht gegeben? Als du klein warst, waren sie um dich herum. Jetzt, wo du groß bist, hocken sie dir in der Seele. Du wirst sie nie mehr los.
Andererseits, sage ich mir, erklärt das auch gar nichts.
Jeder hat doch Eltern, was also stimmt nicht mit mir?“