Fürst Myschkin, von Epilepsie geplagt und für seine Naivität bekannt, wird von allen »der Idiot« genannt. Als er nach einem langen Sanatoriumsaufenthalt nach St. Petersburg zurückkehrt, wird der großmütige junge Fürst in eine Dreiecksgeschichte hineingezogen, aus der er nicht mehr herausfindet: Von nun an bestimmen ihn die Liebe zu Aglaja und das tiefe Mitleid mit Nastassja, in der er als Einziger nicht die Frau von zweifelhaftem Ruf, sondern den leidenden Menschen sieht. Myschkin ist Narr und Heiliger zugleich, ein Don Quijote der Liebe.
Nach Abschluss dieser ausgezeichneten Lektüre muss man wohl erkennen, dass der "Idiot" Fürst Myschkin, die Hauptfigur des Romans, im Grunde eine unrealistische - oder besser ausgedrückt: eine unmögliche, nicht existente - Figur insofern ist, dass es sich bei ihr um einen Unmenschen im Sinne eines Nicht-Menschen handelt. Myschkin ist demnach eine Idealfigur, die einen utopischen Menschheits- oder Menschlichkeitszustand beschreibt, sie ist deshalb unmenschlich, da ihre Wesenszüge das Menschliche dadurch übersteigen, dass sie es überwinden. Die vollkommene Gabe zur Vergebung und das Vermögen, ein Leben gänzlich ohne Hass zu führen, weisen auf die un- und übermenschliche Inspiration der Figur Myschkins hin - das ist Christus. Dostojewski bekennt selbst, in Myschkin eine Christus-Figur schaffen zu wollen.
Gleichwohl fleischgewordenes Ideal, ist Myschkin ein Bewunderter und zugleich Verstoßener, das Stigma des Aussätzigen - das ist das des Idioten - schwindet an keiner Stelle des Romans. Dass das kollektiv Menschliche auf jene Idealfigur reserviert reagiert, ist nur damit zu erklären, dass die Kluft der Unerreichbarkeit dieses Ideals zwischen Myschkin und der Gesellschaft liegt.
Man mag eine gewisse und dabei nicht geringe Sympathie zu Myschkin empfinden, jedoch ist auch dem Leser eine Identifikation mit diesem gänzlich unmöglich, steht doch die Frage unbeantwortet im Raum, ob dieser Gutmensch nun ein solcher seinem Wesen oder seiner Krankheit nach sei, worin freilich einige Bedeutung liegt. Zwangsläufig ist man dazu verleitet, letztere Annahme für die zutreffende zu halten, scheint doch Myschkin sich nur kurzzeitig von der Krankheit - der sog. Idiotie - zu emanzipieren, bevor er ihr wieder verfällt.
Überhaupt zeichnet sich das Werk durch einen ganz eigentümlichen Einschlag ins Grotesk-Bizarre aus, nicht etwa, weil es das Gesellschaftlich-Soziale dergestalt darstellte, sondern weil es glaubhaft zu machen vermag, dass es tatsächlich darin verwurzelt ist, dass also ein Sozialgefüge an sich zutiefst grotesken und widerrationalen Zwängen unterworfen ist, die so unglaublich irrsinnig erscheinen, dass man sie für unwahr halten könnte, wüsste man es nicht besser.
Wer ist also der Idiot des Romans? Selbstredend Myschkin, doch wohl in keinem geringeren Maße als alle anderen Figuren auch, die das Ideal des menschlich Besseren in keiner anderen als der verunglimpfend belächelnden Weise zu betrachten wissen. Sie begnügen sich nicht damit, rückständig zu sein, sondern betreiben darüber hinaus die größte Anstrengung, ihre Rückständigkeit in Rückschrittlichkeit kulminieren zu lassen, das heißt, den Rückstand anwachsen zu lassen.