Voller Überraschungen
Um ehrlich zu sein, ist es nur einem Zufall zu verdanken, daß ich Jules Vernes Roman „Keraban, der Starrkopf“ überhaupt gelesen habe, denn normalerweise lassen mich Vernes Romane eher kalt, vielleicht weil ich weder das Interesse an Technik noch den Fortschrittsdünkel des französischen Autors teile. Doch nach der Lektüre dieses Buches werde ich meine eher gleichgültige Haltung gegenüber Verne vielleicht nochmals überdenken.
Dieser Roman, der aus dem Jahre 1883 datiert, erzählt die Geschichte des türkischen Tabakhändlers Keraban, der ein ausgemachter Dickschädel ist und sich beharrlich allem Neuen verweigert. So würde er niemals auf der Eisenbahn reisen, und auch Telegramme, Dampfschiffe und Absagen an die traditionelle Kleidung wie der Fes sind ihm ein Greuel. Als Keraban in Konstantinopel seinen Freund und Geschäftspartner, den Holländer Jan Van Mitten, der infolge eines Ehestreits vor seiner Gattin in die Türkei geflüchtet ist, zu einem Abendessen in Scutari, dem asiatischen Teil der Stadt, einlädt und gerade mit ihm den Bosporus überqueren will, wird er Zeuge, wie ein Polizist eine neue Steuer verkündet: Jeder, der die Meerenge überqueren will, muß pro Fahrt 20 Para zahlen. Keraban ist empört über diese neue Steuer der ihm verhaßten Jungtürkenregierung und fest entschlossen, dieses Geld nicht zu entrichten. Da er aber an der Seekrankheit leidet, muß er Van Mittens Plan, Scutari über einen Umweg über das Schwarze Meer anzusteuern, verwerfen und kommt auf den Gedanken, den Landweg einzuschlagen, um seinen Landsitz auf dem asiatischen Festland zu erreichen. Daß er dabei viele Wochen unterwegs sein und ein Vielfaches der Steuer ausgeben wird, schert den Dickkopf dabei nicht, und da Van Mitten der Einladung bereits zugesagt hat, muß auch er mit seinem Diener Bruno sich der Reise anschließen, da er nicht das Gebot der Gastfreundschaft verletzen will. Auf der Reise geraten die Männer in allerlei Gefahren und absurde Situationen, und Van Mitten sieht sich zu seinem Entsetzen mit der Aussicht auf eine Zwangsheirat mit einer kurdischen Amazone konfrontiert.
„Keraban, der Starrkopf“ ist ganz sicher kein bedeutendes literarisches Werk und wird auch kaum ein differenziertes und authentisches Bild vom zeitgenössischen Leben in den verschiedenen Schwarzmeerregionen vermitteln, doch besticht es durch seine witzigen Figuren – wie beispielsweise den um seine Leibesfülle besorgten vorlauten Diener Bruno, den händelsüchtigen und starrsinnigen Keraban und den unentschlossenen Van Mitten – sowie durch manch einen kuriosen Einfall des Autors. Man denke beispielsweise an den Vorfall, in dem eine Ziege herausfinden soll, wer des Nachts in das Zimmer der Kurdin Sarabul eingedrungen ist. Auch wurde mir Keraban, der stets bestrebt ist, sich gegen die Neuerungen der Zeiten und gegen die Vernunft seiner Mitreisenden zu stemmen, mit jeder Seite sympathischer, wenngleich – das muß ich zugeben – ich ihn wohl nicht gerne als Reisegefährten gehabt hätte.
„Keraban, der Starrkopf“ zeigt eine ganz andere Seite des Autors Jules Verne und war somit für mich nicht nur sehr gelungene, kurzweilige Unterhaltung, sondern auch eine kleine Überraschung.