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Himmel hilf!: Warum wir Halt in übernatürlichen Kräften suchen: Aberglaube und magisches Denken vom Mittelalter bis heute

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Warum wir Halt in übernatürlichen Kräften Eine neue Geschichte des Aberglaubens

Auf den ersten Blick wird unsere moderne Zeit von Vernunft und Wissenschaft geprägt. Doch angesichts multipler Menschheitskrisen und damit verbundener Ängste feiert zugleich der Glaube an übernatürliche Phänomene eine Auferstehung – das Spirituelle, die Esoterik und der Wunderglaube auch in Form von Verschwörungsmythen, das magische Denken. Tillmann Bendikowski zeigt, wie wir Menschen schon immer Halt und Trost bei übernatürlichen Kräften gesucht haben, aber auch, wie so manche Rituale verloren gegangen sind. Er unternimmt eine erzählerische Entdeckungsreise in die Welt des »Aberglaubens« seit dem Mittelalter, berichtet von Geistern, Engeln und Hexen und lässt Planetenleser, Wunderheiler oder Teufelsjäger zu Wort kommen. Dabei wird klar, warum wir auf der Suche nach Sicherheit Zuflucht bei magischen Ritualen fanden und warum in unserer Geschichte Krisenzeiten immer zugleich magische Zeiten waren.

382 pages, Kindle Edition

Published September 13, 2023

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Tillmann Bendikowski

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February 23, 2026
Tillmann Bendikowski – Himmel, hilf!

★★★★☆

Das Buch ist ohne Frage sehr gut recherchiert und historisch solide gearbeitet. Besonders positiv ist der konsequente Fokus auf Deutschland und seine Geschichte des magischen Denkens. Keine schwammige Europa-Erzählung, kein „alles überall gleich“, sondern eine klar nachvollziehbare Entwicklungslinie von vor-Luther- Deutschland bis in die Gegenwart der Bundesrepublik - bis Bertolt Brecht. Das macht die Analyse greifbar und verhindert billige Verallgemeinerungen.

Ich hatte zunächst etwas anderes erwartet.

Mehr Vergleich, mehr europäische Perspektive, mehr unterschiedliche Formen von Aberglauben. Stattdessen ist das Buch chronologisch-historisch aufgebaut, was an sich kein Fehler ist, eher im Gegenteil: Die historische Staffelung funktioniert gut und ist schlüssig. Der Weg vom religiös-magischen Denken des Mittelalters bis zur modernen Sinnsuche in unsicheren Zeiten ist sauber erzählt.

Was mir gefehlt hat, ist mehr kritische Reibung. Bendikowski beschreibt viel, ordnet ein, erklärt, aber hinterfragt selten tiefgreifender seine eigenen Schlussfolgerungen. Ich hätte mehr Tiefe gewünscht, mehr, als es schon gab. Denn analysiert hatte er.

Problematisch wird es vor allem im letzten Teil. Dort verknüpft der Autor Aberglauben, Verschwörungsdenken und psychische „Zartbesaitetheit“. Menschen, die an übernatürliche Zusammenhänge glauben, werden als leicht beeinflussbar beschrieben, als Personen, die hinter allem einen verborgenen Plan vermuten. Er kritisiert diese Denkweise, spricht von gegenseitige äm Respekt, den man einander in einer liberalen Demokratie zillen sollte. Diese Linie zieht er bis zu den Anti-Corona-Protesten, die er überwiegend mit Verschwörungsglauben und irrationalem Denken erklärt.

Das wirkt persönlich, zeitgebunden, und für ein historisches Sachbuch unnötig normativ. Zumal sich dieses Argument problemlos umdrehen lässt: Auch viele wissenschaftliche Außenseiter wurden historisch vom „System“ nicht anerkannt, weil dieses die Deutungshoheit behalten wollte. Hatte nichts mit ihrer Beschränktheit zu tun. Genau dieses Machtgefälle beschreibt Bendikowski selbst sehr gut und fällt am Ende doch ein Stück weit darauf zurück. Sobald vom Sozialismus und Brecht die Rede ist, ist es plausibel, aber als es um die Corona-Pandemie und Verschwörungen geht, nicht mehr.

Er betont zwar, man müsse Menschen mit Aberglauben respektieren und sie nicht moralisch bewerten. Gleichzeitig transportiert der letzte Teil jedoch eine klare Abwertung bestimmter Denkweisen. Das passt nicht ganz zusammen, finde ich.

Aber ansonsten ein stark recherchiertes, gut lesbares Buch mit überzeugender historischer Struktur. Der Stern Abzug geht nicht wegen der Fakten, sondern wegen des letzten normativen Schlenkers, der analytisch schwächer ist als der Rest des Buches. Trotzdem absolut lesenswert gerade für alle, die verstehen wollen, warum magisches Denken in modernen Gesellschaften nicht verschwindet, sondern sich nur verwandelt.

Und als Perspektivenerweiterung ist das Buch besonders stark dort, wo es deutlich macht, wie unfassbar alt dieses Denken ist und dass es sich nicht ausmerzen lässt (obwohl es oft versucht wurde). Magisches Denken verschwindet nicht im Laufe der Geschichte - es wechselt nur die Form, die Sprache und die Legitimation. Genau das führt Bendikowski historisch sehr sauber vor Augen.

Fast schon unfreiwillig komisch – und gleichzeitig entlarvend – ist der Abschnitt zur katholischen Kirche. Aus blanker monetärer Eifersucht schaltet sie magische Konkurrenz aus, obwohl sie selbst permanent Magie produziert. Blut, das sich in Wein verwandelt – hallo? Wenn das keine Hochmagie ist?

Der Punkt ist aber nicht Theologie, sondern Marktkontrolle. Magier, Heilerinnen und Wahrsager bekamen Geld direkt von den Leuten, Geld, das dann beim kirchlichen Zehnt fehlte. Ein zitierter Priester beschwert sich sinngemäß darüber, dass die Gläubigen nichts zahlen, aber „den Zauberern ihr Geld hinterhertragen“. Ergebnis: Dämonisierung, Kriminalisierung, Hexenverfolgung. Nicht aus Moral, sondern aus ökonomischer Panik. Sehr irdisch, banal, sehr menschlich.

Großartig, und ehrlich gesagt schreiend komisch, ist auch der Umgang mit Reliquien: Gebeine von Heiligen, zertifiziert natürlich, gegen Geld, versteht sich. Dass diese Praxis keine Skepsis, sondern religiöse Ehrfurcht auslöste, während „Volksmagie“ verfolgt wurde, ist ein Paradebeispiel für institutionalisierte Doppelmoral. Ich hatte kein Schmunzeln beim Lesen übrig, sondern regelrechte Schenkelklopfer🤣

Gerade diese Passagen zeigen, wie brüchig die Grenze zwischen „Aberglauben“, „Glauben“ und „anerkanntem Wissen“ eigentlich ist und wie sehr sie von Macht, Geld und Deutungshoheit abhängt.

Umso ironischer wirkt dann der moderne moralische Zeigefinger im letzten Teil des Buches, der mit Corona.
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