Leichtfüßig und lakonisch erzählt Daniel Wisser von einem Schelm inmitten der großen Krisen der Gegenwart. Erik Montelius existiert von Amts wegen nicht – diese Freiheit muss er nutzen.
Vor dreißig Jahren verstorben, bekommt der Computerentwickler Erik Montelius ein zweites Leben Als erster Patient weltweit wird er aus der kryonischen Konservierung geholt. Fortan sieht er sein Dasein nicht in Leben und Tod geteilt, sondern in erstes Leben, zweites Leben und Tod. Doch auch im zweiten Leben ist die Welt keine Seine Frau hat seinen Geschäftspartner geheiratet – der hat zudem Eriks Ideen geklaut. Die Menschen tragen Masken über Mund und Nase, wischen auf tragbaren Computern herum und haben die Visionen von einer gerechten und umweltfreundlichen Gesellschaft aufgegeben. Erik hat nichts, kein Geld, kein Zuhause, nicht einmal einen Ausweis. Aber er hat einen Verdacht, wem er seinen ersten Tod zu verdanken hat. Und er hat einen Buchvertrag und damit die Gelegenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen…
Nichts für ungut, aber für das Buch gibt’s bestimmt eine Zielgruppe… und ich bin es nicht. Mittelalter Mann lässt sich im Sterben in Kryoschlaf versetzen, um im Jahr 2021 wach zu werden und die ganze Zeit Chauvi Sprüche zu lassen oder sich zu wundern, dass er nicht mehr Z-Schnitzel sagen darf. Vielleicht schaffe ich das in diesem Leben noch ein Buch abzubrechen, wenn es mit nicht gefällt. In diesem Sinne und um es im Wortlaut des Protagonisten zu sagen: wo finde ich denn jetzt hier ein Bier?
Was wäre, wenn man 30 Jahre nach seinem eigentlichen Tod, plötzlich wieder erweckt wird? Wie kommt man mit den neuen Umständen zurecht? Und wie bereitet man sich auf seinen zweiten Tod vor? Ein interessantes Buch, das einige Fragen aufwirft und offen lässt, was aber dem Lesegenuss nicht sonderlich stört.
Habe das Buch innerhalb von 1 1/2 Tagen ausgelesen - unglaublich toll geschrieben, die Geschichte anders als erwartet mit einem spannenden Handlungsverlauf. Da ist Ihnen wirklich etwas gelungen, Herr Wisser!
WISSER, Daniel: „012“ München 2023 Wisser hat sich als Schriftsteller einen fixen Platz in der österreichischen Literatur erarbeitet. Das Buch „012“ zeigt einerseits viel mathematisches Wissen und Computerkenntnisse aus früheren Zeiten, die man von einem 1971 geborenen nicht erwarten würde. Aber seine Mathematikkenntnisse sind nicht abschreckend; im Gegenteil: auf über 400 Seiten versteht er es seine Leser bei der Stange, beim Weiterlesen zu halten. Es ist ein Lesen, das man gerne macht, denn es sprüht Humor und Leichtigkeit aus. Ein Lesevergnügen. Das Thema des Buches ist eines, das etwas an Sciences Fiction erinnert: ein Mann lässt sich einfrieren, weil er Krebs hat, den die Medizin vor 30 Jahren noch nicht heilen konnte. Mit dem Einfrieren konnte er hoffen später geheilt werden zu können. Nach 30 Jahren holt man ihn aus diesem Tiefschlaf. Aber nicht, weil die Medizin schon so weit fortgeschritten war, sondern weil die Nachfahren des Mannes die Kosten der Konservierung nicht mehr zahlen wollten. Sie sind auch nicht interessiert, dass der „Mann aus dem Eis“ wirklich ein zweites Leben beginnen kann, denn seine Ehefrau hat einen Freund und Kollegen geheiratet und sie haben die Computerpatente des Eingefrorenen zu Geld gemacht und sind reich geworden. Er sollte operiert werden. Man zahlt dem Chirurgen Geld, dass er die Operation ablehnt. Erik, so heißt der Mann kommt also zum Leben und zieht in seinem ehemaligen Haus ein. Seine Frau, von der er gar nicht geschieden ist - sie aber fühlt sich als Witwe - hat eben einen anderen geheiratet. Eine skurrile Situation für beide: sie ist rechtlich nun die Ehefrau von zwei Männern und er lebt in seinem eigenen Haus, das nun sein Nebenbuhler besitzt / erheiratet hat. Das konnte nicht gutgehen. Die Geschichte wird aber noch skurriler: Erik zieht zur Tochter seines Ehenachfolgers und bekommt mit ihr ein Kind. Er selbst wird berühmt und wird als erster wiedererstandener Mensch in allen Medien gezeigt. Das wirft auch gesellschaftspolitische Fragen auf. „Er ist 1991 gestorben. Und jetzt lebt er wieder. Stellen sie sich vor, mein Großvater wäre plötzlich wieder da. Meine Urgroßeltern. Das wäre ja schlimmer als eine Flüchtlingswelle, wenn die Friedhöfe wieder all diese Leute ausspuken würden.“ (Seite 55) Da der derzeitige Ehemann seiner Frau all seine Computerideen gestohlen hat, will er sich rächen. Manches von der Rache erledigen andere. Für ihn selbst ist aber ein Leben in Österreich ohne Papiere, ohne Reisepass unmöglich geworden. Er kann sich nicht impfen lassen (die Geschichte fällt in die Zeit von Covid), hat kein Bleiberecht und passt in keine Kategorie. Seine Ehefrau hat nach seinem Einfrieren alle Dokumente vernichtet. Geblieben ist nur der Totenschein. Da keine Behörde helfen kann, wendet er sich sogar an den Bundespräsidenten. Aber auch mit seinem Alter stößt dieser Mensch auf Probleme. Er, der 30 Jahre „eingefroren“ war wäre 70 Jahre. Auf Grund seines Wiederauflebens ist er aber 39 und sieht auch so aus. So tritt er seiner Ehefrau gegenüber, die 70 ist und er ist 39 geblieben. Auch dass er 30 Jahre nicht in dieser Welt war, hinterlässt eine große Wissenslücke, die sehr humorvoll abgehandelt wird. Sogar der Besuch eines Supermarkt stellt eine Hürde für ihn dar. In seinem ersten Leben vor 30 Jahren war das Angebot geringer. Er vergleicht das Warenangebot mit dem Satz „Die Eskimos haben vierzig Wörter für Schnee. Aber jetzt war es mit Milch und Bier und Butter nicht anders. … Ich sage: Die Neuzeitindianer haben vierzig Wörter für Milch.“ (Seite 342) Eine Richterin hilft ihm aus der Patsche. Sie empfiehlt ihm, sich als Migrant auszugeben. So konnte sie ihn in ein Flüchtlingslager einweisen, aus dem er dann ausbricht. Die Geschichte ist wie ein Tagebuch vom 1.7.2022 bis 23.8.2022 geschrieben. In kurzer Form wird der Status des Tages – das Zusammenleben von Erik mit der Tochter es ehemaligen Kollegen – beschrieben und dann folgt, wie eine eigene Biografie die Beschreibung des Hergangs. Das erste Leben von Erik, seine Krankheit, seine Abwesenheit im Labor und das Wiedererwecken und letztlich zweite Leben mit Medien und Freundin. Der Autor weist sich auch als guter Kenner der Texte aller Beatles Lieder aus und zitiert an vielen Stellen daraus. Vieles ist sehr detailgenau beschrieben, wie etwa das Leben in einem Flüchtlingsheim südlich von Wien, wo er einige Zeit untertaucht. Ein nettes Buch, das abwechslungsreich und unterhaltsam ist. Das Spritzige an den Texten sei mit diesem Beispiel belegt: Bei einem Interview wird er vom Journalisten gefragt „Wenn sie drei Wünsche äußern könnten, die sofort in Erfüllung gehen, welche wären das? Also der erste Wunsch wäre, dass ich nach Erfüllung des dritten Wunsches wieder drei Wünsche offen hätte.“ (Seite 315)