Eine Lübecker Familie, kinderreich, konservativ, die Lindhorsts. 1890 kommt Marthe in dem weitläufigen Patrizierhaus in der Königstraße zur Welt. Um sie eine Schar älterer Brüder, deren Freiheiten nicht ihre sein werden. Und doch ist es ein Leben mit glänzenden Aussichten. Bis ein Bestsellerroman, verfasst vom Sohn eines verstorbenen Bekannten, den respektablen Lindhorsts klarmacht, dass sie für ihr Umfeld auch nach zwei Generationen noch immer «die Jüdischen» sind.
Unsereins ist der Roman einer Stadt und ihrer Gesellschaft, ihrer Bürger und Lohndiener, der Handwerker und, vor allem, ihrer Frauen. Ob Dienstmädchen, Hausfrau, Weißnäherin oder Schriftstellerin, ob manisch-depressiv wie Marthes Mutter, durchlässig wie Marthe selbst, die mit eigenen und fremden Erwartungen ringt. Inger-Maria Mahlke erzählt von Identität und Zugehörigkeit, von Geschlecht und Klasse, von Macht- und Liebesverhältnissen – von allem, was nicht nur den vormals «kleinsten Staat des deutschen Reichs», Lübeck, formte und zusammenhielt.
Der neue Roman der Buchpreisträ eine epische Familiengeschichte voll von Respekt, Humor und tiefer Einsicht.
Inger-Maria Mahlke ist eine deutsche Schriftstellerin. Mahlke wuchs in Lübeck auf. Ihre Schulferien verbrachte sie regelmäßig bei Verwandten auf Teneriffa. Sie studierte Rechtswissenschaft an der FU Berlin, wo sie am Lehrstuhl für Kriminologie arbeitete. 2018 wurde ihr Roman Archipel mit dem Deutschen Buchpreis-Hauptpreis als Roman des Jahres ausgezeichnet.
Wenn ich mich einer Woche lang einem solchen 500 Seiten Buch widme - anspruchsvoll, viele Perspektivwechsel, über einen langen Zeitraum gehend, sperrig - dann erwarte ich als Belohnung einen gewissen Payoff, das ich hier nur bedingt bekommen habe. Inspiriert von Buddenbrooks versucht Mahlke hier nicht nur eine Familienepos sondern auch ein Abbild einer Gesellschaft. Bücher so breit anzulegen ist immer ein Risiko. Auch hier. Die meisten Figuren haben mich nicht interessiert, nicht berührt und immer mal wieder war ich verwirrt, wer jetzt wer ist. Das Dienstmädchen Ida und der Junge Georg waren spannende Figuren - auf deren Erscheinen ich quasi beim Lesen immer gewartet habe. Aber leider blieb auch hier, so wie beim Rest der Narrative, die Spannung total auf der Strecke. Kann ein Buch gut geschrieben und trotzdem total langweilig sein, oder schließt sich das nicht aus?... Ich bereue es nicht gelesen zu haben, aber so wirklich hat sich die Arbeit am Ende nicht gelohnt. Es lies mich eher Schulter zuckend zurück.
Der Versuch einer Neuauflage von „Buddenbrooks“ ist gescheitert. Kurzmeinung: BruchstückTechnik: zu oberflächlich für mich. Auf fast 500 Seiten entwickelt die Autorin die Familiengeschichte der Lindhorsts, die so viele Kinder produzieren, dass Marie, die Mutter meint, es seien zu viele, um alle so zu lieben, wie es sich gehöre. Man schnappt nach Luft. Marie hat nämlich nichts zu tun und zwar so rein gar nichts. Es wäre nicht zu viel verlangt gewesen, die Kinderschar angemessen zu betreuen. Aber die feine Gesellschaft hat sich noch in dem Zeitraum der Romanhandlung, circa 1890 bis 1906, kaum um die Nachkommenschaft gekümmert. Das haben andere getan, Dienstboten. Selber trank man Tee, rümpfte die Nase über andere, verreiste, wobei andere die Koffer packten, machte Musik und die Männer konkurrierten um Rang und Ansehen und gingen fremd. Ja, sorry, so wars. Diese Schiene der feinen Lübecker Gesellschaft hat Inger-Maria Mahlke vortrefflich zu Papier gebracht. In ihrer Erzählung reitet sie freilich xmal zu oft auf dem Begriff des Kleinsten Staats im deutschen Reich herum und nervt damit.
Der Kommentar: Die Erzählung mäandert umher: der die Leser anfangs in Beschlag nehmende Junge Georg, der vom Großvater abgeschoben in ein Jungsinternat unter der unkreativen „Anstalt“ leidet, bekommt erst am Ende, nun als Erwachsener, einen weiteren Auftritt, wobei er resümiert, was aus ihnen allen, nämlich seinen Altersgenossen und den übrigen Zöglingen der Anstalt geworden ist. Einer wurde Schriftsteller und veröffentlichte ein berühmt-berüchtigtes Buch über seine Heimatstadt „Die Buddenbrooks“. Die Passagen, wie sich die Bürger Lübecks über „Die Buddenbrooks“ aufregen und skandalträchtig sich gegenseitig im Beschriebenen wiederzufinden suchen, sind allerdings nur mäßig interessant. Viel mehr hätte interessiert, was aus Isenhagen, dem Ratsdiener, mit seiner unglücklichen Liebe zu einer mit einem Schwulen verheirateten jungen Frau geworden sein mag und wie Ida, die Dienstmagd mit ihren mannigfaltigen Versuchen eines sozialen Aufstiegs und ihrem Scheitern fertig geworden ist. Warum ist sie keine Sozialdemokratin geworden zum Beispiel? Und warum hat die Autorin, Georg so völlig links liegen lassen, nachdem sie so viel Zeit darauf verwendet hat, ihn uns ans Herz zu legen, unsere Sympathie zu wecken, denn Georg ist so ziemlich die einzige Figur, mit der man sich hätte solidarisieren können. Zuerst trösten wir uns mit ihm jede Woche eine halbe Stunde lang im warmen Bad in einer öffentlichen Badestube, wo er seine Striemen behandelt, dann lässt ihn die Autorin fallen wie eine heiße Kartoffel. Leider ist das nicht die einzige Figur, die uns die Autorin nahe bringt und dann fallen lässt. Sie strickt und strickt und es könnte ein hübsches Muster entstehen, aber dann lässt sie absichtlich die Maschen fallen. Man kann diese Technik "Kunst" nennen, oder auch "Loch im Strumpf". Ich bevorzuge neue Strümpfe ohne Löcher. Allenfalls bei der Verfolgung der Familie Lindhorst lässt die Autorin so etwas Ähnliches wie einen roten Faden erkennen. Freilich ist die Problematik Judentum vollkommen ausgespart. Dass es sich um eine jüdische Familie handelt, ist im Roman kaum erkennbar, sie leben kein jüdisches Leben. Und sie reden auch nicht darüber, dass sie Juden sind. Oder gewesen sind. Die Männer reden sowie so wenig, wenn sie nicht in fremden Betten turnen, kommandieren sie herum. Der ekligen Schilderung der Syphilis wird dann wieder reichlich Raum gegeben.
Die Autorin kann schreiben und vorzüglich mit Sprache umgehen, keine Frage. Was indes fehlt ist Zusammenhang, zu viel bleibt liegen, zu viel Gewicht liegt auf den „gnädigen Herrschaften“ und auf den sexuellen Praktiken der jungen Herren. Statt das Problem der Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung vertiefend zu behandeln, verliert sich die Autorin in der Ausfeilung völlig unwichtiger Details. Details können Atmosphäre schaffen, aber in „Unsereins“ verschleppen sie den Roman; Innenansichten fehlen vollständig, man schaut drauf und fühlt: nichts.
Anmerkung zum Hörbuch: Normalerweise zieht ein Hörbuch einen Roman nach oben. Trotz der wunderbar eingelesenen Interpretation von Julia Nachtmann ist es diesem Roman dennoch nicht gelungen, mir mehr Sterne abzuringen: dies spricht für sich. Dem Hörbuch fehlt zudem das Verlesen des Personenverzeichnisses, was bei einem so sprunghaften Roman aber nicht unwichtig gewesen wäre. Was wirklich positiv zu Buche schlägt, ist die Hörbuchsprecherin selbst. Sie macht alles richtig.
Fazit: Dasselbe hat man schon oft gelesen. Auch wenn der Roman mit schönen Formulierungen glänzt und mit dem Erscheinen des Romans „Buddenbrooks“ von Thomas Mann jongliert, reicht dieser Spielzug meiner Meinung nicht aus, um literarische Bedeutung zu kreieren.
Kategorie: Anspruchsvolle Literatur Verlag: Für das Hörbuch: Argon, 2023 Sonst: Rowohlt, 2023
Wie eine ThomasMann- oder Buddenbrocks-Fanfiction. Oder ein SpinOff davon. Aber in gut! Sollte man auf jeden Fall möglichst an einem Stück lesen, sonst wird’s schwierig (wen wundert‘s).
„Unsereins“ ist ein Familienroman, bei dem nicht nur Familienmitglieder eine Rolle spielen, sondern jede Menge weitere Figuren in deren Dunstkreis eine eigene Entwicklung vollziehen, vom Dienstmädchen bis zum Wasserbaudirektor. Es ist nur vom „kleinsten Staat des Deutschen Reiches“ die Rede, ohne dass die Stadt je benannt wird, in der der Roman spielt. Ortskundigen wird womöglich auch ohne die Karten, die den Vorsatz des Buches zieren, klar, dass es sich um Lübeck handelt. Die Handlung spielt in einem Zeitraum zwischen 1890 und 1906. Bemerkenswert ist die dichte Erzählweise, die jedes noch so kleine Detail einer Situation in die Beschreibungen einfließen lässt. „Friedrich setzt sich mit einem Ruck auf, ohne an den Teller zu denken; der kippt nach vorne, die Möhren rutschen auf seine Hosenbeine, die Steppdecke, Erbsen kullern über den Bettvorleger.“ Für mich wirkte es oftmals, als würde ich durch ein Fenster zusehen. Ich hätte berichten können, welche Kleidung getragen, welche Gespräche geführt wurden. Der Blick in die Köpfe, das Nachempfinden der Gefühle, blieb mir jedoch meist verborgen. Womöglich ist es meiner eigenen Überforderung dabei, die Figuren auseinanderzuhalten, zu schulden, dass ich den Roman nicht vollumfänglich lobpreisen kann. Die Machart, die Authentizität der Darstellung der Zeit und die Sprache haben mir hingegen sehr zugesagt.
Unsereins ist inspiriert von dem Klassiker die Buddenbrooks. Nicht nur spielt der Roman in der gleichen Zeit und im gleichen Ort, auch der Autor Thomas Mann und sein Bruder werden in kleinen Nebenrollen erwähnt und in die Geschichte eingewoben. Generell hat mir der Roman gut gefallen. Ich mag den Stil und ich fand die Charaktere interessant. Das Ende war mir dann aber doch ein zu großer Sprung, da fehlten mir einige Schritte in den Lebenswegen. Alles in allem ein guter Roman - wenn man die Klassiker von Thomas Mann mag, wird man sich hier wahrscheinlich wohl fühlen. Mehr als drei Sterne hat es für mich jedoch nicht.
"Unsereins" von Inger-Maria Mahlke wirft einen detaillierten Blick auf das Leben in Lübeck Ende des 19. Jahrhunderts. Der Roman präsentiert ein breites Spektrum von Figuren, darunter Bürger, Lohndiener, Handwerker und vor allem Frauen in verschiedenen sozialen Rollen. Auch die Manns kommen vor, anders als bei Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ oder auch Heinrich Manns „Der Untertan“ wird am Beispiel der jüdischen Familie Lindhorst aber auch der Antisemitismus problematisiert. Für mich ist „Unsereins“ daher eine sinnvolle Ergänzung dieser Schullektüren.
Die Erzählung behandelt Themen wie Identität, Zugehörigkeit, Geschlecht, Klasse, Macht- und Liebesverhältnisse innerhalb der Lübecker Gesellschaft anhand von Ausschnitten aus dem Alltag der Figuren in der Kaiserzeit. Die episodische Erzählweise zeichnet so ein Panorama der Stadtgesellschaft, wobei die Perspektiven ständig wechseln und daher nur ab und zu tiefere Einblicke in das Leben der Figuren gewähren. Teilweise ist dabei bei mir auch der Eindruck von Zufälligkeit und Willkür entstanden.
Insgesamt präsentiert Mahlke eine solide Darstellung sozialer Strukturen und menschlicher Beziehungen, über die man während des Lesens beständig mehr erfahren möchte, als der Roman schließlich geben kann. Der Roman berührt daher zeitlose Themen, bleibt jedoch in seiner Gesamtwirkung möglicherweise etwas zurückhaltend.
Das war so langweilig! Ich konnte mich mit all den vielen Personen nicht identifizieren, sie teilweise nicht identifizieren und überhaupt. Nein. Leider nein.
"Unsereins" von Inger-Maria Mahlke wirft einen detaillierten Blick auf das Leben in Lübeck Ende des 19. Jahrhunderts. Der Roman präsentiert ein breites Spektrum von Figuren, darunter Bürger, Lohndiener, Handwerker und vor allem Frauen in verschiedenen sozialen Rollen. Auch die Manns kommen vor, anders als bei Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ oder auch Heinrich Manns „Der Untertan“ wird am Beispiel der jüdischen Familie Lindhorst aber auch der Antisemitismus problematisiert. Für mich ist „Unsereins“ daher eine sinnvolle Ergänzung dieser Schullektüren.
Die Erzählung behandelt Themen wie Identität, Zugehörigkeit, Geschlecht, Klasse, Macht- und Liebesverhältnisse innerhalb der Lübecker Gesellschaft anhand von Ausschnitten aus dem Alltag der Figuren in der Kaiserzeit. Die episodische Erzählweise zeichnet so ein Panorama der Stadtgesellschaft, wobei die Perspektiven ständig wechseln und daher nur ab und zu tiefere Einblicke in das Leben der Figuren gewähren. Teilweise ist dabei bei mir auch der Eindruck von Zufälligkeit und Willkür entstanden.
Insgesamt präsentiert Mahlke eine solide Darstellung sozialer Strukturen und menschlicher Beziehungen, über die man während des Lesens beständig mehr erfahren möchte, als der Roman schließlich geben kann. Der Roman berührt daher zeitlose Themen, bleibt jedoch in seiner Gesamtwirkung möglicherweise etwas zurückhaltend.
Inger-Maria Mahlke hatte mich mit Archipel damals so begeistert, dass ich mich auf diesen historischen Roman sehr gefreut habe. Leider hat sich die Autorin heillos übernommen: es waren zu viele Charaktere, die man leider als Leser*in nicht ausreichend kennengelernt hat. Ich hätte gern noch mehr vom denunzierten Homosexuellen gelesen, von seiner Frau. Zudem wurden so viele Fäden angefertigt, die leider nicht miteinander verwoben wurden. Am Ende habe ich mich gefragt, warum ich keinen so recht in Erinnerung behalten habe. Sprachlich macht sie es schön- das Beschriebene war sehr eindrücklich und die Stadt erschien vor meinen Augen. Alles in allem: zu viel gewollt. Ich würde mich freuen, wenn sie sich auf eine Familie fokussieren würde und nicht 25 Charaktere einführt, die zum Teil irrelevant bzw. Nicht weiter verfolgt werden.
Schon lange nicht mehr habe ich ein Buch mit so viel Freude, Genuss und Überraschung gelesen wie dieses. Damit ist eigentlich schon (fast) alles gesagt, was als Leseempfehlung verstanden werden könnte und auch unbedingt sollte.
Unsereins ist ein gekonnt gestaltetes Abbild einer großen, sehr großen Lübecker Familie, den Einwohnern des "kleinsten Staates im Reich" und den sonstigen Protagonisten.
Zu wissen, dass es mit der weltberühmten Lübecker Familie der Buddenbrooks verglichen werden würde, war zunächst zumindest für mich eine Bürde, an deren Umsetzung ich zumindest Zweifel hatte. Ich habe die Buddenbrooks mehrmals gelesen, mich intensiv mit Thomas Mann und der ganzen Familie beschäftigt, daher hatte ich eine Art "Abklatsch" befürchtet. Ist es doch eine große Herausforderung, sich von den langen Schatten eines Meisterwerkes zu entfernen und einen Nobelpreisträger nicht literarisch abzumalen.
Der Autorin ist es jedoch bravourös gelungen, sich von Werk und Autor zu lösen und ein ganz eigenes literarisches Highlight zu entwerfen. Dabei spart sie natürlich nicht mit Anspielungen (die sich im Fall von Lübeck wohl auch kaum vermeiden ließen) und schafft ein Buch, eine Geschichte, die ihr Eigenleben entwickelt.
Sprachlich gesehen ist es mir eine außerordentliche Freude gewesen, den großartigen Wendungen zu folgen. Manchmal wirkt die Sprache leicht antiquiert, aber keineswegs überholt, sondern vielmehr kunstvoll entwickelt.
Inger-Maria Mahlke beschwört in ihrem umfangreichen Lübeck-Roman ein lebendiges Gemälde der Hansestadt in der Vorkriegszeit herauf. Sie führt durch die Viertel des „kleinsten Staates des deutschen Reiches“ und verwebt private, fast intime Alltagszenen geschickt mit Kapiteln über politische und gesellschaftliche Ereignisse. Die Figuren stützen sich in vielen Fällen auf reale Personen der Vergangenheit, was den Roman unheimlich spannend und realistisch macht. Ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie Ida, das Dienstmädchen der Lindhorsts, durch das große Haus an der Königstraße eilt oder Georg, ein Mitschüler eines gewissen Thomas Mann, sich über eine Statue auf der Puppenbrücke amüsiert. Ein Roman, der Geschichte erlebbar macht.
REZENSION – Schon ihrem mit dem Deutschen Buchpreis 2018 ausgezeichneten Roman „Archipel“, der Geschichte mehrerer Familien über fünf Generationen hinweg auf Teneriffa, wurde damals eine Nähe zu Thomas Manns „Buddenbrooks“ nachgesagt. Einen direkten, diesmal von Inger-Maria Mahlke (46) sogar gewollten Bezug erkennt man nun in ihrem im November beim Rowohlt Verlag erschienenen Roman „Unsereins“. Darin beschreibt die in Lübeck aufgewachsene Schriftstellerin nicht nur das gesellschaftliche Leben des hanseatischen Großbürgertums sowie deren Hauspersonals, der Lohndiener und Handwerker in den Jahren zwischen 1890 und 1906 in Lübeck, dem „kleinsten Staat“ des deutschen Kaiserreichs. Ganz konkret erscheint in ihrem Roman sogar der junge Thomas Mann als Autor eines damals in der Lübecker Gesellschaft Aufsehen erregenden Familienromans. Dennoch sollte man „Unsereins“ völlig losgelöst und frei von dieser literarischen Bürde lesen – als eine Familiengeschichte, die mir in ihrem modernen Stil sowie in ihrer historischen Authenzität und Komplexität der Handlung ebenfalls preiswürdig erscheint. Im Vordergrund dieses inhaltlich üppigen Gesellschaftsromans steht vor allem das Leben der kinderreichen Familie von Friedrich Lindhorst - „protestantisch, konservativ, kaisertreu“ - und dessen Ehefrau Marie, Tochter des „berühmtesten Dichters aller Zeiten“, deren jüngste Tochter Marthe als deren achtes Kind im Jahr 1890 im großen Patrizierhaus in der Königstraße geboren wird. Schon Friedrich Lindhorst ist als Rechtsanwalt in gewisser Weise ein Außenseiter seiner Kaufmannsfamilie, folgten doch seine Brüder, der Senator Achim und der Konsul Heinrich Lindhorst, noch der beruflichen Familientradition. Doch der gesellschaftliche Umbruch jener Zeit wird weitere Veränderungen bringen. Der Patrizierfamilie gegenüber stellt Mahlke die Handwerker und Lohndiener wie Charlie Helms oder Ratsdiener Isenhagen und das Hauspersonal der Lindhorst-Familie, allen voran deren Dienstmädchen Ida. Wir begleiten Ida von ihrem Dienstbeginn im Hause Lindhorst, erleben mit ihr die schrittweisen Veränderungen jener Jahre, die auch an der Familie Lindhorst ihre deutlichen Spuren hinterlassen bis hin zum Tod des an Syphilis erkrankten Sohnes Cord und der manischen Depression seiner Mutter Marie. Es braucht Jahre bis sich Ida aus ihrem Dienstmädchen-Leben zu befreien versucht, heimlich Steno und Schreibmaschine lernt, um ein selbstbestimmtes Leben führen und als Büroschreibkraft arbeiten zu können. „Ich werde nicht in Diensten sterben“, hämmert sie immer wieder in Großbuchstaben als Mahnung an sich selbst in die Maschine. Mahlke beschreibt in „Unsereins“ ein beeindruckend komplexes Gesellschaftsbild um die Wende ins 20. Jahrhundert, die auch vor der konservativen Hansestadt nicht Halt macht. Wir erfahren, wie festgefügte Rollen und damit verbundene konservative Erwartungen an Politik und gesellschaftlichen Stand aufbrechen und Hoffnungen auf Veränderung zu keimen beginnen. Zwar zwingt die Vielzahl von Mahlkes Protagonisten anfangs mehrmals zum Zurückblättern auf die im Vorspann zum Glück eingefügte Liste handelnder Personen, zumal verschiedene Handlungsstränge sich erst später zum komplexen Gesellschaftsbild fügen, doch bald gewinnt man dann doch den Überblick, kann die Figuren jeweils zuordnen und vollends in die Geschichte und ihre Zeit eintauchen. Man lebt mit Mahlkes Figuren und bedauert schließlich das Ende der Geschichte, die sich auch gut verfilmen ließe. „Aber vielleicht ist dies nicht das Ende, sondern nur der Anfang“, lautet Mahlkes letzter Satz im Buch. Damit kann das weitere Leben ihrer Protagonisten gemeint sein. Der Satz kann aber auch Mahlkes doppeldeutiger Hinweis auf eine Fortsetzung ihres Romans „Unsereins“ sein.
Wenn Friedrich und Marie Lindhorst im Lübeck der Kaiserzeit von ihren Kindern erzählten, teilten sie sie gern die „die Ältesten, die Mittleren und den Jüngsten“ auf. Das waren jedoch erst sechs, ihre beiden Töchter zählten offenbar nicht als Kinder. Im Lübeck der Kaiserzeit arbeitete Friedrich Lindhorst als Anwalt; er war Vorsitzender des Bürgerausschusses im Lübecker Stadtrat und wird für einen Sitz im Berliner Reichstag kandidieren. Als einer von drei Brüdern unterliegt er u. a. Familieninteressen, seine politische Karriere beruht eher auf Quoten als auf Kompetenzen und ist für einen beruflich Selbstständigen wirtschaftlich ein Verlustgeschäft. Die Stadtgeschichte Lübecks zeigt sich von der Lage an zahlreichen Gewässern geprägt, von der Konkurrenz mit Hamburg, aber auch von der (Un-)fähigkeit seiner Städtväter, die Weichen für die Herausforderung der Zukunft zu stellen.
Marie Lindhorst spielt die klassische Rolle bürgerlicher Frauen der Epoche, die eheliche Pflichten um den Preis zu verrichten hatten, entweder von Tuberkulose dahingerafft zu werden oder bei der xten Entbindung im Kindbett zu sterben. Die bipolare Marie hält sich zwischen Sanatoriums-Aufenthalten jedoch aufrecht mit der Planung üppiger Festlichkeiten, die u. a. der Anbahnung standesgemäßer Verbindungen dienen. Wie lange Lindhorst einen Haushalt mit 23 Zimmern finanzieren kann, habe ich mich nicht nur einmal gefragt.
Im Privatleben erleben wir die Lindhorsts geprägt von einer Klassengesellschaft, in der sie ohne Dienstpersonal weitgehend hilflos wären und in der Heiraten in erster Linie der Sicherung geschäftlicher Verbindungen dienen. In einer Familie mit sechs Söhnen sollten theoretisch die unterschiedlichsten Talente heranwachsen für kaufmännische, militärische, theologische und wissenschaftliche Karrieren. Doch wie viele standesbewusste Familien jener Zeit nehmen die Eltern Lindhorst weniger die Talenten ihrer Kinder wahr als ihre Defizite – und von talentierten Töchtern ist sowieso keine Rede.
Mit Focus u. a. auf Dienstmädchen Ida, Leih-Diener Helms und Ratsdiener Isenhagen lässt Inger-Maria-Mahlke ihre Leser:innen hinter bürgerliche Kulissen blicken. Ida und der auswärtige Schüler Georg stehen für Menschen, die durch einen Schicksalsschlag aus ihrer sozialen Schicht fallen, zunächst ohne Aussicht, sich aus eigener Kraft wieder hochzuarbeiten. Mahlkes Focus liegt betont auf der Rolle der Frauen und des Dienstpersonals. Zu kurz kommen für meinen Geschmack die Töchter Lindhorst, denen ihre Mutter leider wenig fürs Leben mitgeben kann. Wasserbau-Direktor Schilling wäre ich zu gern an seinen Arbeitsplatz gefolgt, da ich die Infrastruktur einer Stadt wie Lübeck für interessanter halte als Maries Einkaufsorgien.
Fazit Sorgfältig recherchiert und liebevoll wie spöttisch erzählt, gibt Inger-Maria Mahlke Einblick ins Lübeck der Kaiserzeit. In „Unsereins“ vergeht die Zeit, indem die Kinder heranwachsen. Der Roman hat m. A. keinen roten Faden, sondern kartiert die Beziehungen zwischen Menschen, die aus ihren gewohnten Netzen geworfen werden oder sich selbst heraus kämpfen. Insgesamt ein Roman, den ich mit seiner Detailfülle mit Begeisterung gelesen habe.
Die "Buddenbrooks" mal aus einer ganz anderen Perspektive betrachten - das ermöglicht Mahlke in ihrem Roman, der zwischen 1890 und 1906 in Lübeck (im Roman stets nur als "der kleinste Staat des Deutschen Reiches" bezeichnet) angesiedelt ist, Entstehungszeit und -ort von Manns Roman. Und, ja, auch er selbst wird porträtiert, tritt auf als Tommy "der Pfau" Mann, vielversprechender Schüler, beobachtet durch die Augen seines Mitschülers Georg. Dieser wiederum kann nicht verstehen, was an der Zukunft als Kaufmann so toll sein soll, und fühlt sich selbst kaum aufgenommen in dieser für ihn neuen Stadt.
Doch Mahlkes Roman bietet viel mehr als nur die Nacherzählung eines Klassikers von der anderen Seite, denn es herrscht geschäftiges Treiben im kleinsten Staat des Deutschen Reiches; jede*r hat hier etwas zu erzählen. Da wären zum einen zwei Familien, die Schillings und die kinderreichen Lindhorsts, zum anderen deren Bedienstete und Bekannte; nicht immer ist es leicht, zwischen all diesen Namen und Perspektiven die Orientierung zu behalten, wobei einige - etwa Ratsdiener Isenhagen - für mich auch deutlich herausgestochen haben.
Es ist ein komplexes Sittenbild, das Panorama einer Stadt, das Mahlke hier in ihrem Roman zeichnet. Persönliche Sorgen stehen neben familiären Uneinigkeiten und politischen Wendungen, Schüler neben Senatoren und Hausmädchen (und Bäckermeister Bannow, der gar kein Bäcker ist). Und obwohl es da so viel zu entdecken gibt in Mahlkes Worten, ist stets auch all das besonders präsent, was nicht explizit erzählt wird, was nur zwischen den Zeilen steht oder sich hinter dem ungezwungen mitschwingenden, lockeren Humor verbirgt. Vieles erschließt sich erst im Nachhinein, und man braucht ein gewisses Durchhaltevermögen, um hier dranzubleiben; beziehungsweise eher den Willen, das Geflecht an Figuren und Handlungen zu durchdringen, denn "durchhalten" ist eigentlich das falsche Wort - dafür liest sich der Roman viel zu spannend. Aber aufmerksam lesen sollte man schon, wenn man die Feinheiten der zwischenmenschlichen Beziehungen und politischen Anspielungen mitbekommen möchte, die Mahlke in ihrem Roman versteckt.
"Unsereins" ist für mich ein Roman, der wirklich Spaß macht. Ja, er ist komplex und manchmal auch etwas verwirrend durch die vielen Figuren und Perspektiven. Aber ich mag Romane, in denen auf diese Weise viel los ist, in denen man plötzlich zu einer anderen Figur springt und sich denkt "Ah, die wieder!" und dann gespannt darauf ist, wie der entsprechende Handlungsstrang weitergeht, bevor man dann zur nächsten springt. Natürlich mag man dabei immer die ein oder andere Figur etwas mehr oder weniger, aber für mich ist es das Gesamtbild, das sich daraus ergibt, das das große Ganze ausmacht. "Unsereins" ist ein Roman, der sich beim Lesen sehr lebendig anfühlt, in dem immer etwas los ist und der die unterschiedlichen Figuren durch alle Gemütslagen begleitet (und dabei auch nicht an Tiefe vermissen lässt). Auch, wenn sich am Ende nicht alles klärt, ist der Roman für mich vollständig und ich habe sehr unterhaltsame Lesestunden damit verbracht. Mag ich!
Das Cover und der Klappentext von «Unsereins» von Inger-Maria Mahlke haben mich neugierig gemacht, die Buddenbrooks-Atmosphäre der Geschichte hat ein besonderes Flair. Angefangen hat auch erstmal alles gut: Im Lübeck des 1890 lernen Leser:innen nicht nur einzelne Protagonisten, sondern gleich viele (grosse und kleine, gutsituierte und weniger wohlstehende) Figuren kennen, denen gleichermassen eine Bühne geboten wird. Im Zentrum der Handlung steht die Familie Lindhorst.
Was den Reiz von «Unsereins» für mich ausmacht ist die Raffiniertheit mit der Inger-Maria Mahlke die Perspektive wechselt. Die detailreiche und feinfühlige Zeichnung der Charaktere geben nicht nur Einblicke in das Leben einzelner Personen, sondern plaudern gleich aus dem Nähkästchen einer ganzen Gesellschaft. So ertappen Leser:innen das Dienstmädchen dabei, wie sie sich wünscht ganz eine andere Rolle zu spielen und verlieben sich gemeinsam mit dem Ratsdiener Isenhagen, der seine Avancen nur auf äusserst drollige Weise zu vermitteln weiss. Oder was hat das richtige Giessen einer Pflanze mit der ersten Verabredung zu tun?
Mahlke hat zweifelsohne einen Sinn fürs Detail, sie erstellt nicht nur liebevolle Figurenportraits, sondern lässt auch ihre sprachliche Finesse an mehreren Stellen durchblitzen. Jedes Wort hat seinen sorgfältig ausgewählten Platz, jeder Satz liess Bilder in meinem Kopf wach werden. Trotzdem komme ich nicht umhin zu sagen, dass die Lektüre für mich alles andere als einfach war.
Historisch und soziologisch interessierte Leser: innen kommen wohl bei diesem Buch auf ihre Kosten, jedoch ist ein nicht kleines Mass an Konzentration für die Lektüre notwendig. Sonst gestaltet sich das Leseerlebnis eher zäh und langwierig. Zu meinem grossen Glück findet man am Anfang ein Personenverzeichnis, das zumindest einen kleinen Überblick bietet.
Leider habe ich dennoch während der ersten 300 Seiten vergeblich den roten Faden gesucht, bevor ich mich dann nach und nach besser auf das Buch einlassen konnte. Da man jeweils nur sehr kurz bei den einzelnen Charakteren bleibt, sind sie mir nur stellenweise wirklich nah gekommen. Die schön gezeichneten Portraits hatten für mich nicht selten die Optik eines Wimmelbilds, das ich nur mühsam zu entziffern vermochte.
Eine Autorin, die schon so einiges an guten Büchern vorgelegt hat, kommt nun mit dieser imposanten Familiengeschichte um die Ecke. Inger-Maria Mahlke schreibt unverwechselbar gut. Wir tauchen ab nach Lübeck um die Jahrhundertwende. Und ja, da klingelt doch was! Da gibt es schon ein Epos, dem wir alle schon begegnet sind. Thomas Manns Buddenbrooks. Wie ein Roman aus einem anderen Blickwinkel erzählt Inger-Maria Mahlke über die gleiche Zeit in der gleichen Stadt, Lübeck, nimmt aber eine andere fiktive Familie ins Rampenlicht: die bürgerliche Familie Lindhorsts. Stets kaisertreu und bis ins Mark konservativ. Es ist ein Familienroman über Generationen hinweg mit all ihren Vorteilen im Patrizierhaus und auch all ihren Nachteilen für die weiblichen Mitglieder des Clans. Und genau hier liegt der Fokus des Romans: auf der weiblichen Seite. Seine es Dienstmädchen oder Marthe, die Tochter des Hauses, oder andere weibliche Figuren. Es geht auch um den Vater, Friedrich Lindhorst, der wie ein Tyrann die Familie führt, arbeitet als Anwalt; war außerdem Vorsitzender des Bürgerausschusses im Lübecker Stadtrat und kandidierte für einen Sitz im Berliner Reichstag. Die Mutter, Marie Lindhorst, ist psychisch krank. Heute würde man von einer bipolaren Störung und Depressionen sprechen. Sie ist das Rückgrat des Haushaltes und macht ihren Job bis zum Erbrechen. Was muss das muss. Für die Zukunft werden die sechs Söhne herangezogen, was sie selbst können oder wollen, ist den Eltern egal. Die Mädchen werden ohnehin nicht beachtet. Mir hat die Szenerie wie sie Inger-Maria Mahlke beschreibt, gefallen. Wie die damaligen Umstände waren und wie in bürgerlichen Schichten gelebt und auch gedacht wurde. Auch die Gemengelage zwischen Lübeck und Hamburg wird trefflich aufgegriffen. Mir scheint der Roman basiert auf fundierten Recherchen, wirken die einzelnen ausgeleuchteten Momente, die wir hier erleben sehr real und nachvollziehbar, auch wenn sie unserem heutigen gesellschaftlichen Verständnis von einem Miteinander widersprechen. Ein guter Roman, wobei es keine klassische erzählte Geschichte ist, eher eine Ausleuchtung von gesellschaftlichen Dynamiken und einer standesgemäßen Lübecker Familie um 1900 im Mittelpunkt.
Häufig frage ich mich, wenn ich durch Lübecks Straßen, Gassen und Gänge laufe, was diese alten Häuser wohl für Geschichten zu erzählen hätten. Dieser Gegensatz von prunkvollen Fassaden an den Hauptstraßen und den sehr einfachen Hinterhäusern fasziniert mich schon lange und lässt mich spätestens seit Svealena Kutschkes Roman „Stadt aus Rauch“ nicht mehr los. Natürlich könnte ich an dieser Stelle auch Thomas Manns „Buddenbrooks“ erwähnen, doch dieses Buch reizte mich nie, generell habe ich für Geschichten von Adligen und bessergestellten Familien nicht so den Nerv, war es doch häufig nur Zufall in jene angesehene Familien hineingeboren zu sein und ihre Taten, die mehr auf sich, ihren Ruf und Ansehen bedacht waren… nun ja. Die wahren Überlebenskünstler sind dann doch die einfachen Leute, eben jene aus dem Hinterhaus oder die Bediensteten der anderen. Und so freute ich mich wirklich sehr auf Inger-Maria Mahlkes Roman „Unsereins“ der diese Menschen in den Fokus rückt, die alles am Laufen hielten… die einfacheren Menschen, die Köchinnen, Dienstmädchen und Lohndiener, die Bediensteten und Kaufläute.
„Unsereins“ ist dabei mehr so ein kaleidoskopartiger Roman, der nicht mal unbedingt so einen mitreißenden Plot hat, geschweige denn braucht. Das Herz sind diese unterschiedlichen Charaktere, die lose miteinander verknüpft sind. Familienmitglieder, Freunde, Bekanntschaften - diese liebevollen Figuren mit ihren Erlebnissen und Geschichten umringt von ihren Pflichten und Diensten. Mit jeder Seite kommt man ihnen näher, lernt sie lieben oder sie lernen es zu lieben, amüsiert sich über skurrile Situationen oder ist bewegt von der Armut und den Zuständen um 1890. Ich habe diesen Roman wahnsinnig geliebt, finde dieses Gegenstück zu den Buddenbrooks wirklich großartig und ja, ich wollte ehrlich gesagt gar nicht, dass dieses Buch jemals ein Ende findet. Ein große Empfehlung, für alle die historische, atmosphärische Romane lieben und mehr über das Damals und die nur selten erwähnten Lebensgeschichten und -realitäten lesen mag. Ich hoffe sehr auf eine Fortsetzung… denn, wie der letzte satz so schön heißt: „vielleicht ist dies nicht das Ende, sondern nur der Anfang.“
„Was Georg hier im kleinsten Staat will? Die Übergabe eines Ölzweigkranzes überwachen und sich vor Celia blamieren. Falls der morgige Abend wie erwartet verläuft.“
Für ihre Publikation „Archipel“ wurde Inger-Maria Mahlke 2018 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Das Familienepos „Unsereins“ kann sich ebenfalls sehen lassen, die Rechercheleistung Mahlkes ist beachtlich, die Erzählung ist formal in 15 Teile gegliedert. ‚Die Buddenbrooks‘ lassen grüßen. Der Roman ist zeitlich im langen 19. Jahrhundert (und zu Beginn des 20. Jahrhunderts) angesiedelt, ein auktorialer Erzähler führt durch das Geschehen. Im Zentrum steht eine Lübecker Familie, die eigentlich alle Kriterien erfüllt, die es sozial zu erfüllen gibt: Die kinderreichen Lindhorsts sind ebenso kaisertreu wie konservativ. Als Juden werden sie dennoch Außenseiter bleiben. Handlungsort ist der Stadtstaat Bremen, und die Geschichte ist in ihrem Kern eine Milieustudie und zugleich ein Gesellschaftsporträt, eine Erzählung über Ständeunterschiede im Kaiserreich. Upstairs, Downstairs. Angesichts der Fülle der handelnden Personen habe ich mich sehr über das Personenverzeichnis gefreut, auch die Karte zu Beginn des Buches war hilfreich. Bei der Betrachtung des historischen Romans sollte man aber nicht nur in der Kategorie „Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ denken. Die Autorin Inger - Maria Mahlke legt das Augenmerk vor allem auf die Frauen und geht der Frage nach, inwiefern Emanzipation in den engen gesellschaftlichen Grenzen möglich war, auch das Geschlecht war natürlich ein Faktor, welcher der Selbstverwirklichung im Wege stand. Man kann definitiv etwas Lernen, das Sittengemälde bietet aber mehr als eine flache Faktensammlung. Der Ton ist ironisch-distanziert, zynisch ist er jedoch nicht. Mir hat es gut gefallen, dass die Vergangenheit hier weder verteufelt noch glorifiziert wird; während der Lektüre kam keine Langeweile auf. Man sollte als Leser dennoch geduldig sein – „Unsereins“ ist keine Geschichte, die in einem Rutsch gelesen ist.
Bildhaft erzähltes Familienporträt um die Jahrhundertwende
"Unsereins" von Inger-Maria Mahlke ist ein bildreich erzählter Familienroman, in dessen Mittelpunkt die bürgerliche und kinderreiche Familie Lindenhorst steht. Der Roman spielt um die Jahrhundertwende in Lübeck. Man folgt der Familie, ihren Bediensteten sowie Bekannten und Freunden über mehrere Jahre und wird so Teil ihres Lebens und Schicksals.
Der ruhige erzählte Roman erinnert mit seiner Handlung und Setting an "Buddenbrooks" von Thomas Mann, der in Form des Autors auch Eingang in "Unsereins" findet.
Kurze Kapitel bzw. Abschnitte sorgen gemeinsam mit dem flüssigen und bildreichen Schreibstil dafür, dass ein überzeugendes und glaubwürdiges Bild der damaligen Zeit entsteht. Mit feiner Beobachtungsgabe taucht man in die Welt der Lindenhorsts, des Dienstmädchen Ida und des Ratsdieners Isenhagen ein und bekommt so einen Eindruck der damaligen Gesellschaft. Man wird Zeuge von gesellschaftlichen Auf- und Abstiegen und wie die Frauen des Romans versuchen aus ihren gesellschaftlichen Rollen auszubrechen bzw. sich Freiräume zu schaffen.
Es ist ein Roman, der detailverliebt und mit einem leicht spöttischen Ton erzählt wird. Erzählt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven, die in ihrem Erzählstil die Persönlichkeit des jeweiligen Charakters widerspiegeln, wird zwar ein plastisches und umfassendes Figurenbild gezeichnet, macht es aber vor allem anfangs auch etwas verwirrend. So muss man erst einen Überblick über die handelnden Personen und die verschiedenen Handlungsschauplätze gewinnen, um sich ganz auf die Geschichte einlassen zu können.
Leider geht jedoch ab etwa der Mitte des Romans der rote Faden verloren. Zudem wirkt er etwas sprunghaft, wodurch die anfängliche inhaltliche Tiefe an Schärfe verliert.
Trotz der schwächeren zweiten Hälfte des Buches kann "Unsereins" begeistern. Der Roman ist ein gut herausgearbeitetes und bildreich dargestelltes Familien- und Zeitporträt, der vor allem durch seine ausdrucksstarke Sprache überzeugen kann.
Eine Familiengeschichte aus dem Deutschen Kaiserreich
„Unsereins“ ist ein historischer Familienroman der Autorin Inger-Maria Mahlke.
Die Handlung beginnt im Januar 1890 und ist in Lübeck angesiedelt. Alles dreht sich um die Familie Lindenhorst. Friedrich und Marie haben acht Kinder, eine Haushälterin und leben sehr konservativ. Die Kinder wachsen unter den besten Umständen auf. Bis ein Roman - den ein Sohn eines verstorbenen Bekannten herausbringt und der sich zum Bestseller entwickelt – ihnen ihre Herkunft deutlich macht.
Inger-Maria Mahlke hat mich mit ihrem Schreibstil zeitlich direkt zurückversetzt und die Atmosphäre der vergangenen Zeit lebendig werden lassen. Ich hatte die Bilder von Lübeck von vor über 100 Jahren direkt vor Augen. Sie beschreibt die Gesellschaft mit ihren Bürgern, Dienstschaften und Handwerkern lebendig und verwendet in ihren Dialogen eine angemessene Sprache.
Die Anzahl der Charaktere ist hoch und ich habe gerne auf das vorangestellte Personenverzeichnis zurückgegriffen. Die Familie Lindenhorst und ihr Familiengefüge mit dem Vater, der das Sagen hat und der manisch-depressiven Mutter, die sich um Haushalt, Kinder und Personal kümmert, wirkt authentisch. Auch die übrigen Charaktere - mit zum Teil ihren aus heutiger Sicht verwerflichen Gedankengängen - werden gelungen dargestellt.
Mir hat dieser Roman gut gefallen. Ich fand es interessant in vergangene Zeiten einzutauchen. Aber es ist kein Buch, das sich leicht liest, sondern eines, das ein wenig Zeit erfordert, deren Einsatz sich lohnt.
"Unsereins" von Inger-Maria Mahlke ist ein Roman, der durchaus beeindruckende Elemente aufweist, jedoch mich nicht vollständig überzeugen konnte. Die Passagen, in denen sich die Bürger Lübecks über "Die Buddenbrooks" aufregen und skandalträchtig versuchen, sich im Beschriebenen wiederzufinden, erschienen mir leider nur mäßig interessant. Obwohl dies einen interessanten Einblick in die soziale Dynamik der Charaktere bietet, konnte mich diese Thematik nicht vollständig fesseln.
Ein Aspekt, der mir besonders auffiel, war die Figur Georg. Die Autorin investiert viel Zeit darauf, ihn dem Leser nahezubringen und Sympathien für ihn zu wecken. Es war bedauerlich zu sehen, dass Georg im Verlauf der Geschichte nicht weiterentwickelt wurde und scheinbar keine entscheidende Rolle spielte. Dies stellte für mich eine gewisse Enttäuschung dar, da er eine der Figuren war, mit der man sich hätte solidarisieren können.
Positiv hervorzuheben ist definitiv der Schreibstil von Inger-Maria Mahlke. Die Art und Weise, wie sie mit Sprache umgeht, ist beeindruckend und verleiht dem Roman eine gewisse literarische Qualität. Trotzdem konnte der Roman insgesamt nicht das Maß an Fesselung erreichen, das ich mir erhofft hatte.
Insgesamt vergebe ich vier Sterne für "Unsereins". Obwohl mich einige Aspekte nicht vollständig überzeugen konnten, muss man anerkennen, dass die Autorin ein Talent für Sprache besitzt und literarisch anspruchsvoll schreibt. Der Roman mag zwar nicht jeden Leser packen, könnte jedoch für Liebhaber eines subtilen Erzählstils durchaus ansprechend sein.
Ich habe etwas gebraucht um mit dem Buch warm zu werden.
Inger-Maria Mahlkes Werk "Unsereins" wirft einen umfassenden Blick auf das Leben in Lübeck gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei präsentiert der Roman eine vielfältige Palette von Charakteren, einschließlich Bürgern, Lohndienern, Handwerkern und insbesondere Frauen, die verschiedene soziale Rollen einnehmen. Im Unterschied zu Werken wie Thomas Manns "Die Buddenbrooks" oder Heinrich Manns "Der Untertan" wird durch die Darstellung der jüdischen Familie Lindhorst auch der Antisemitismus problematisiert.
"Unsereins" erscheint mir somit als eine sinnvolle Ergänzung zu den traditionellen Schullektüren. Die Erzählung behandelt zentrale Themen wie Identität, Zugehörigkeit, Geschlecht, Klasse sowie Macht- und Liebesverhältnisse innerhalb der Lübecker Gesellschaft, indem sie Ausschnitte aus dem Alltag der Figuren während der Kaiserzeit präsentiert. Durch die episodische Erzählweise entfaltet sich ein Panorama der Stadtgesellschaft, wobei die Perspektiven kontinuierlich wechseln und nur gelegentlich tiefere Einblicke in das Leben der Figuren gewähren.
Teilweise entsteht bei mir dabei der Eindruck von Zufälligkeit und Willkür. Insgesamt liefert Mahlke eine solide Darstellung sozialer Strukturen und menschlicher Beziehungen, die während des Lesens den Wunsch nach vertiefterem Einblick weckt, als der Roman letztendlich gewähren kann. Der Roman berührt zeitlose Themen, wirkt jedoch in seiner Gesamtwirkung möglicherweise etwas zurückhaltend.
Zum Inhalt: Es geht im Wesentlichen um die Familie Lindhorst, die kinderreich, konservativ und kaisertreu sind. Wir begleiten sie durch die Jahre 1890 bis 1906. Die Familie lebt die damaligen sozialen Umstände und so bekommt man ein Bild der Zeit. Zusätzlich zur Familie gibt es natürlich noch andere Figuren wie zum Beispiel Dienstkräfte, die das Bild abrunden. Meine Meinung: Das Buch, dass ich als Hörbuch genossen habe, legt den Finger auf die Umstände der damaligen Zeit, in der es besonders die Frauen schwer hatten. Sie hatten ein bestimmtes Bild zu erfüllen und ihnen wurde der Zugang zu Bildung eher erschwert. Je niedriger der Stand, desto schwerer das Leben. Auf der anderen Seite hatten die "besseren Söhne" es relativ leicht wenn sie denn die hohen Erwartungen erfüllten. Unterschwellig ist immer wieder der Antisemitismus zu spüren. Gelesen war das Hörbuch sehr gut, das Personenverzeichnis, dass im Buch vorhanden ist, hätte im Hörbuch sicher einiges leichter gemacht, weil schon reichlich Personen vorkommen. Fazit: Interessant
Lübeck ist 1890 zumindest nach eigener Auslegung der kleinste Staat des Deutschen Reichs, auch wenn es in puncto Fläche und Einwohnerzahl kleinere gibt. Doch mit dem Titel zweitkleinster Staat kann sich die stolze Hansestadt nicht zufriedengeben. Hier also spielt der aktuelle Roman von Inger-Maria Mahlke, der ein Gesellschaftsroman allererster Güte ist. Wir folgen Hausmägden, Ratsdienern, Pennälern, Senatoren auf ihren Wegen, ihren Intrigen und Geschäften. Und ganz besonders natürlich der Familie Lindhorst. Sie haben es zu etwas gebracht, sind eine einflussreiche, protestantische, kaisertreue Hansefamilie und trotzdem lässt man sie am Ende nicht vergessen, dass sie auch nach zwei Generationen noch den „Makel ihrer Herkunft“ tragen, also Juden sind. Der Antisemitismus des Kaiserreichs schlägt voll zu. Maßgeblich wird das Stigma vom Roman einen jungen Bekannten befeuert - des später bekanntesten Autors der Stadt Thomas Mann.
Mahlke hat einen furiosen Roman geschrieben, der den Leser zurückversetzt und mitnimmt. Ich wurde bis zuletzt gut unterhalten
Das Buch "Unsereins" hat mich enttäuscht. Vom Leseeindruck her hatte ich ein Buch erwartet, das ich nicht mehr aus der Hand legen würde. Das Gegenteil aber war der Fall. Ich musste mich fast zwingen weiterzulesen. Irreführend waren die Protagonisten und die Einteilung des Romans. Wer ist wer? und Wo gehört er/sie hin? Auch wenn die Geschichte so angelegt war, dass eine fortlaufende Story nicht sein sollte, musste man höllisch aufpassen um nicht den Faden zu verlieren. Etwas auf früherer Zeit zu erfahren, ist teilweise möglich. Die Sprache und Ausdrucksweise der Verfasserin ist gewöhnungsbedürftig. Masn kann aber nach einer gewissen "Einlesezeit" damit zurechtkommen. Das Cover gefällt mir nach wie vor recht gut, sowohl farblich als auch von der Einteilung her. Schade, aber ich kann das Buch nicht wirklich weiterempfehlen.
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Eine Handlung hätte dem Buch gut getan. Phasenweise gelingt es der Autorin, das Lübeck um die vorige Jahrhundertwende lebendig werden zu lassen. Allerdings ist mir nicht klar, was sie mit dem Buch eigentlich erreichen will. Die Buddenbrooks von einer anderen Seite erzählen? Falls das beabsichtigt war, verhebt sie sich hier deutlich. Zudem wimmeln die zahlreichen Figuren dafür viel zu wirr durch das Buch. Die Geschichten verlaufen dazu irgendwann im Sande. Jedes Kapitel, das sich auf einzelne Personen konzentriert, endet irgendwann in einem Cliffhanger, der nicht aufgelöst wird. Der kitschige letzte Satz - sinngemäß: vielleicht war das gar nicht das Ende, sondern der Anfang - soll offenbar darauf hindeuten, dass wir hier nur einen Ausschnitt der ganzen Leben sehen. Das konnte nur leider überhaupt nicht mein Interesse wecken.
Sprachlich großartig, aber durch permanente Satzverkürzung und Vorwissen voraussetzende Schreibweise sehr anspruchsvoll und mühsam zu folgen. Inhaltlich viele schöne Handlungsstränge, die dann aber zuweilen lieblos fallen gelassen werden: ob der an der Schule leidende Georg zu Beginn, der gehemmte Isenhagen, der der sich offenherzig anbietenden Ehefrau des schwulen Lohndieners Charlie Helms nichts zu entgegnen getraut. Das Dienstmädchen Ida Stuermann, das ihrem Dienstverhältnis durch Stenografie-Kurse zu entfliehen sucht. Breiten Raum nimmt die Familie Lindhorst ein mit ihren acht Kindern. Dieser Handlungsfaden war für mich allerdings der uninteressanteste.
Mahlke never makes it completely easy for the reader, with each new scene she keeps you guessing: where are we right now? What happened since last time? But the stories and characters emerge and keep pushing the story forward, keep surprising you, keep you engaged. I liked this more than "Archipel", maybe because I read it in German, but maybe because, surprisingly enough, I have more empotional connection to the Lindhorsts of Lübeck around the 1900's than to some family in Teneriffa. The cameos by Tomy (Mann) and his family made me smile.