„Lyrik ist kein Luxus, Lyrik ist überlebensnotwendig“, schreibt Audre Lorde über die revolutionäre und befreiende Kraft von Dichtung. Diese Worte hallen im Debüt von Aaiún Nin, queere Schwarze Künstler*in, Dichter*in und Aktivist*in, wider. In „Denn Schweigen ist ein Gefängnis“ schreibt Aaiún Nin über Erinnerungen an die Kindheit und Familie in Angola, über Migrations- und Fluchterfahrungen, über Entwurzelung, Fremdheit und Zugehörigkeit. Es sind Gedichte gegen das lähmende Schweigen: Sie klagen Rassismus, Sexismus und Queer-Feindlichkeit ebenso an wie die Auswirkungen von (Neo-)Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung. Aaiún Nin findet klare Worte für die menschenverachtende Asylpolitik der europäischen Staaten: „Wer geflohen ist, wurde zurückgeschickt. Es ist inzwischen illegal, Zuflucht zu suchen. Die Black- and Brown-Quote in Europa ist erreicht. Das Mittelmeer ist ein Massengrab.“ Im Mittelpunkt steht der kolonisierte Körper, an dem Gewalt geübt wird, der von Grenzen durchzogen und fragmentiert ist. Wie lässt sich über Trauma dichten? Die Gedichte handeln vom Trauern, jedoch nicht als individuellem, einsamen Akt, sondern als kollektive Handlung, die (Ver-)Bindungen unter Betroffenen schafft. „Ich schreibe, weil ich verdammt wütend bin.“ Wut schafft Handlungsfähigkeit, ist Quelle von Widerstandskraft und Empowerment. Aaiún Nin bedient sich einer Sprache, die nichts beschönigt, die von Schmerz ebenso zeugt wie von Begierde, von der Schwierigkeit zu (Über)leben ebenso wie von der Lust am Lieben. Metaphorische, dichte Sprachbilder wechseln sich mit Zeilen ab, die sich wie anklagende Streitschriften lesen. Aaiún Nins Gedichte sind persönlich-politisch, sind Protest und Sichtbarmachung.