Als der älteste Sohn des Seewirts im Ersten Weltkrieg fällt, muss der jüngste Sohn das väterliche Erbe antreten. Der wäre lieber Künstler statt Gastwirt geworden. Da braucht es erst einen Jahrhundertsturm, der droht, Haus und Hof in den See zu blasen, damit aus ihm doch noch ein brauchbarer Unternehmer wird. Als ihn später sein eigener Sohn anfleht, ihm das katholische Internat zu ersparen, kann er ihn nicht verstehen. Zu sehr ist man in diesen Zeiten damit beschäftigt, das Vergangene vergangen sein zu lassen und die Geschäftsbedingungen der neuen Gegenwart zu studieren. Josef Bierbichler (Foto), der große Menschendarsteller im deutschen Theater und Film, erzählt hundert Jahre Deutschland. Ein Epos über Krieg und Zerstörung, alte Macht und neuen Wohlstand.
Ich musste bei der Lektüre immer wieder an das Buch "Akenfield: Portrait of an English Village" von Ronald Blythe denken, denn Bierbichlers Roman hatte für mich eine ähnliche Funktion: Durch die Erzählung der Familiengeschichte eines Land- und Gastwirts im fiktiven Ort Seedorf am Starnberger See vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis etwa in die 1980er erlebte ich grundsätzliche gesellschaftliche, technische, politische Veränderungen. Die Dynamik zwischen Familienmitgliedern war am Ende nicht mehr dieselbe wie vor 100 Jahren, ebenso wenig das Verhältnis zwischen Chefs und Angestellten, die Kirche spielte eine andere Rolle. Das transportiert Bierbichler in einer lakonisch kraftvollen und rhythmischen Sprache, die ich als authentisch empfand, weil sie sich mit meinen Erfahrungen ländlicher Gebiete in Oberbayern vor allem in der Vergangenheit deckte. In diese oberbayerisch gefärbten Mündlichkeit baut Bierbichler auch mal neue Wörter, um etwas besonders treffend auszudrücken. Mir gefielen die immer wieder durchscheinenden menschlichen Beobachtungen, sei es der Einfluss der Sommerfrischler*innen auf die Dorfjugend schon in den 1920ern, zur Entwicklung von Dorfgemeinschaften, zur Desillusion einer Elterngeneration, deren Kinder eigene Lebenswege gehen wollen, sei es die Stellung der Vertriebenen in der portraitierten Gesellschaft oder die Verdrängung schlimmer Erlebnisse, die Überleben erst ermöglicht. Erzähltechnisch bedient sich Bierbichler bei vielen Gattungen, seine im Ganzen lineare Geschichte setzt sich aus verschiedenen Flecken zusammen, mal blicken wir in die Gefühlswelt eines Internatsschülers, mal sehen wir in einem Sparkassenbüro der 1970er eine Szene wie im Bauerntheater. Sein Material hat Bierbichler aber immer im Griff, es ergibt ein stimmiges Gesamtbild.
Interessant finde ich, dass ich erst jetzt auch an Oskar Maria Grafs autobiografischen Roman "Das Leben meiner Mutter" denke, obwohl der mit seinen fast deckungsgleichen Schauplätzen und nur wenige Jahrzehnte früher angesiedelt als Vergleich näher läge.
Josef Bierbichler, der auch als markanter "Menschendarsteller" des deutschen Theaters, des Films und des Fernsehens bekannt ist, hat mit seinem Buch das Leben an einem Bayrischen See - genauer: einer Seewirtschaft - über drei Generationen beschrieben. Die genannten Verstrickungen und Erbstreitigkeiten sind nicht neu. Solche Themen wiederholen sich in den zahllosen bayrischen Heimatfilmen. Trotzdem: Eine richtig "urige" Geschichte, für die Josef Bierbichler das Treiben in seiner Heimat als Vorbild nahm.
mein Highlight 2011!muss ich glatt nochmal lesen...Seewirtschaft mit langer Geschichte über 3 Generationen und so wie ich Hr.Bierbichler als Schauspieler mag ist auch seine Erzählweise von Klarheit und durchschlagender Kraft gezeichnet.Viele beeindruckende Begebenheiten,sehr unterhalsam erzählt
Man fängt an zu lesen und denkt sehr lange, dass es eigentlich die Beschreibung des belanglosen Lebens von Menschen ist, die nach dem zweiten Weltkrieg irgendwie weiter leben (wollen) und entgegen der heutigen Gewohnheiten von Lesern oder Konsumenten, begleitet man die Figuren vor sich hin. Man überlegt, ob man durchhält mit dem Weiterlesen. Aber die Belanglosigkeit ist nur vermeintlich, sie ist der Deckmantel der eigentlichen Dinge, die erzählt werden wollen. Und die ergeben sich nach und nach in einem Crescendo, der einen immer mehr und mehr fesselt. Obwohl die Stimmung durchweg deprimierend und dunkel erscheint, trotz Darstellung von wunderschönen Landschaften, bleibt alles in einem düsteren, getrübte Rahmen. Und am Ende erfährt man auch, warum. Ein Buch das die Dinge kritisiert, die zu kritisieren sind: War schon immer so, macht man so, gehört sich so. Ich empfehle es, allerdings nicht, wenn es einem emotional nicht gut geht, es könnte einen runter ziehen. Dennoch großartiges Buch.
Das Buch hat mich gefesselt, aber ich kann nicht sagen, ob es mir gefallen hat. Ich wollte wissen, wie es mit den Figuren, dem Hof weitergeht. Die Interpretationen der Figuren im Text selbst, diese Erklärungen, was einzelne gerade denken, die fand ich oft unglaubwürdig. Nicht verstanden habe ich die vermutlich experimentellen Stellen im Text, wenn die Handlung plötzlich surreal wurde. Im Buch geht es darum, was Menschen anderen antun. Meist bewusst, manchmal aus Unachtsamkeit. Ausgiebig wird erzählt, welche Last, Unglück, Bosheit die Figuren erleben, und vielleicht hat mich das Buch nur deshalb gefesselt, weil ich erfahren wollte, ob eine Figur mit dem schlimmen Geschehen klarkam. Kam sie aber nie. Es wird immer nur ertragen, sich oder andere umgebracht oder gesoffen. Ein dunkles Buch. Wetter: Die Beschreibung des Wintersturms enthält so viele Ungereimtheiten, dass ich einen Punkt abziehe. Nur der Dramaturgie halber kann man doch nicht so einen Quatsch schreiben.
Eine Familiengeschichte, die sich vom ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart zieht, da gibt es bestimmt viel zu erzählen. Ja, der Autor hat in "Mittelreich" eine ganze Menge zu erzählen, leider in einem für mich sehr anstrengenden Stil und Rhythmus, dass ich es nicht ertragen habe, nach 10% konnte ich echt nicht mehr. Die Verfilmung mit dem Titel "Zwei Herren im Anzug" ist auch extrem anstrengend. Ohne die wunderbare Martina Gedeck hätte ich ihn sicher nicht bis zu Ende geschaut.
Alles in allem: ich bin froh, dass ich es zu Ende gelesen habe, aber es war ein hartes Stück Arbeit. Sowohl das Mundartliche als auch meine Leserrolle als ausstehende Beobachterin führte dazu, dass ich nicht gerne zu diesem buch nach Hause gekommen bin. Dennoch war es klar, dass ich es nicht abrechen werde, nicht nur, weil es ein Geschenk einer lieben Freundin war. Mir gefiel, dass nur das Leben der Seewirtsfamiilie chronologisch erzählt, oder besser erinnert, wurde; die assoziierten Lebensgeschichten der Bediensteten, Kameraden, Bauern, der Flüchtlinge kommen in Rückblenden vor, die jeweils am entscheidenden Punkt in die große Geschichte eingeworben werden, um sie dann auch wieder flink zu verlassen – mit vorwegerzählten Ende, und so die Neugier der Leser befriedigend.
Nach Beendigung des Buches habe ich den Anfang noch einmal gelesen. Allein wegen dieser Klammer lohnt sich das Buch und die Mühe mit ihm!
Das liest sich schon sehr schön, weil "kräftig" (also irgendwie auch das, was man dann erwartet vom autor, bzw. dessem öffentlichen bild) und anekdotenreich. obwohl die einzelnen anekdoten psychologisch nicht einleuchtend mit den figuren über die zeiten einhergehen, es einige albernheiten gibt (wie das so ist mit albernheiten: mal amüsieren sie, mal sind sie "nur" albern - vor allem dann, wenns so in richtung "magischer realismus" geht), bisschen erwartbar enden die anekdoten dann auch wie ich öfters fand - teilweise ins überflüssig drastische auserzählt.
ich hatte das buch als hörbuch gehört, vom autor großartig gelesen. sprachlich fantastisch, hintersinnig. bisweilen allerdings ziemlich explizit und zotig. bayern, der krieg, katholizismus, bigotterie, gastarbeiter, sudentendeutsche, mißbrauch, dorfleben, aufschwung, familie - alles drin.