Warum der Abwechslung halber nicht einmal am (Buch)Ende beginnen?
---Achtung, Spoiler---
Wenn wir also Paul, den Protagonisten dieses Kurzromans, auf Seite 182, der letzten des Buches, verlassen, befindet er sich auf einem Friedhof; glücklicherweise immer noch über der Erde, obwohl er uns im ersten Satz des Romans bereits mitgeteilt hat, dass er „Stück um Stück“ stirbt. Eine geheimnisvolle Krankheit ist es, die ihn da quält, und Paul begnügt sich mit der sonderbaren Auskunft seines Arztes, ein Organ in ihm würde sich auflösen und müsse daher erneuert werden.
Ohne, dass Paul sich fragt, welches Organ eigentlich des Austausches bedarf, besucht er auf Anraten des Arztes einen sonderbaren Organ-Pool, in dem die unterschiedlichsten Organe friedlich vor sich hin plätschern. Anstatt sich eines auszusuchen, und die Auswahl ist beileibe (!) groß, verliebt er sich stattdessen sofort in die wunderschöne Emily, die als Organpflegerin im Pool schwimmt und dafür sorgt, dass die Stimmung unter den Organen gut ist (abgestorbene werden natürlich gleich aussortiert). Es scheint zumindest, dass Paul sich in Emily verliebt. Sofern wir uns an die Tatsachen halten, wäre die sachlichere Auskunft wohl zutreffender, dass er sofort und mehrfach Sex mit Emily hat und sie fortan nicht mehr vergessen kann.
Kehren wir zum Ende des Romans zurück, denn hier ist die Sicht unverstellt, und wir sehen, dass Paul zwar immer wieder an Emily gedacht hat, nachdem er sie am Pool geliebt hat, doch dass es dreimal sieben Jahre braucht, bis er sie wieder trifft (plus/minus ein Jahr).
Zunächst führt ihn das Schicksal, wenn man es so nennen möchte, mit einem Teppichreiniger namens Leo, den Paul nur sehr flüchtig kennt, nach Island. Hier stirbt Leo, dafür lernt Paul Greta (richtig, fünf Buchstaben, genau wie Emily) kennen, heiratet sie, hat mit ihr zwei Kinder, und verliert schließlich die ganze Familie durch eine isländische Schneelawine. Nach sieben Jahren in Island kehrt er nach Amerika zurück, wo er seiner Intuition vertrauend sich auf die Suche nach Emily macht, stattdessen aber für die nächsten sieben Jahre in einer eigenwilligen Piano-Kneipe namens „Calypso“ strandet und sich in die Wirtin Sally (muss ich die Buchstaben vorzählen?) verliebt, die drogenabhängig ist. Der Versuch, das Geld für die Befriedigung ihrer Sucht aufzubringen, befördert Paul dann für weitere sieben Jahre ins Gefängnis, bevor er dann endlich Emily wiedertreffen kann, die inzwischen ein Zoogeschäft hat.
Ob sie Paul wirklich geliebt hat und mit ihm zusammen leben wollte, wie sie es im Brief gleich nach dem ersten Treffen schrieb? Wir werden diese Frage nicht mit Sicherheit beantworten können, dafür aber Zeuge werden, dass sie Paul die Grabstelle verkauft, an der der Roman sein Ende findet.
---Spoiler Ende ---
Diese kurze Inhaltsangabe vorweg geschickt dürfte unschädlich sein, denn ICELAND ist vieles, aber bestimmt kein Spannungsroman. Es ist ein so eigenwilliges, schräg-schrilles skurriles absurdes Büchlein, dass ich kaum hilfreiche Vergleiche finde. Der erste fiel mir interessanterweise dann aus dem Bereich des Films ein. Guy Maddins Doku-Fantasie „MY WINNIPEG“ (Maddin ist einer meiner Lieblingsregisseure; wer auf schräge Filme steht und Maddin nicht kennt, sollte sich unbedingt bei Gelegenheit einen seiner Filme anschauen) kam mir in den Sinn, vielleicht um die liebenswerteren Elemente von SOUTH PARK bereichert. Murakami und Yoko Ogawa waren die ersten literarischen Namen, die mir in den Sinn kamen. Aber warum überhaupt Vergleiche? Aus schierer Hilflosigkeit, denn ICELAND ist ein so sonderbares Buch, dass eine sachliche Beschreibung nicht nur schwer, sondern auch wenig hilfreich wäre. Es ist stellenweise urkomisch, dann wieder ernüchternd depressiv; immer skurril und überquellend vor witzig-absurden Einfällen.
Als ich das Buch aus der Hand legte und mich fragte, was ich gerade gelesen hatte, wurde mir bewusst, dass sich hinter dieser über lange Strecken scheinbar oberflächlichen und linear erzählten Geschichte eine Frage verbirgt, die so alt und abgeschmackt ist, dass es ein genialer Schachzug von Jim Krusoe war, sie hinter einem scheinbar ziellos durchs Leben mäandernden Protagonisten zu verstecken, der noch dazu ausschließlich auf sich selbst fixiert und wenig liebenswert ist. Sie lautet: Was machen wir aus unserem Leben?
Was hat Paul aus seinem Leben gemacht? Er hat Schreibmaschinen repariert, und das hatte auch sein Gutes, hat es doch schließlich seinen Aufenthalt im Gefängnis verkürzen können (und wo vorhin schon von Filmen die Rede war: gerade gestern habe ich wieder Cronenbergs „NAKED LUNCH“ gesehen. Wie hätte Bill seine Berichte aus der Interzone verfassen sollen, wenn er nicht immer wieder an eine neue Schreibmaschine gekommen wäre bzw. eine alte hätte repariert werden können?). Überhaupt gibt es in diesem Buch eine Ansammlung seltener Berufe. Leo verbringt seine Berufszeit auf Händen und Knien, er ist Teppichreiniger. Greta macht Führungen auf isländische Vulkane (gleich bei ihrer allerersten Führung stirbt Leo und sie bekommt ein lebenslanges Berufsverbot); Sally ist Pianisten, hat aber eine krankhafte Angst, öffentlich aufzutreten. Emily kümmert sich erst um Organe, dann um Kleintiere.
Pauls Obsession ist Emily, die er wiedersehen und mit der er leben will; eine Obsession, der er eigentümlich umschweifig nachgegangen ist, so dass ich zu sagen geneigt bin, dass er sie bei jeder denkbaren Gelegenheit aus den Augen verloren hat, um später wieder auf sie zurück kommen zu können. Paul ist ein passiver Held (gibt es solche Helden?), dem sein Lebenslauf bzw. Schicksal immer wieder zuhilfe kommt, um selbst nicht allzu aktiv werden zu müssen. Paul fügt sich in das und begnügt sich mit dem, was sich auf seiner Suche nach Emily ergibt. Dabei gelingt es ihm nicht, aufrichtiges Interesse an anderen Menschen zu entwickeln und an das alltägliche Leben anzudocken. Überhaupt scheint mir unklar, in welchem Maße er auf sein Leben Einfluss nehmen möchte. Wieviel steckt von Bartleby in ihm, dessen Verweigerungshaltung vor nichts halt macht?
Pauls Ziellosigkeit und sein Desinteresse sind schmerzhaft und werden durch die Skurrilität der Geschichte erst erträglich.
ICELAND ist unterhaltsam und kurzweilig, und doch wirft es Fragen auf, die erst dann ihre volle Kraft entfalten, wenn das Buch schon zugeklappt ist und der Leser sich fragt: Was habe ich da gerade gelesen?