Fredi Thieles Novelle "daseyn" ist eine bildreiche, poetische Auseinandersetzung mit der Erfahrung, sich ganz einem anderen Menschen verschrieben zu haben, der einen dann verlässt - und der Not, sich dann wieder selbst finden zu müssen. Thieles poetischer Werkzeugkasten ist dem Josef Winklers insofern ähnlich, als dass beide nahezu im Sinne des Mayröckerschen Proems Sinneseindrücke, (pop)kulturelle Verweise und Emotionen zu schlagkräftigen Absätzen verbinden, die nicht immer, sogar selten, tatsächlich eine Handlung vorantreiben, sondern viel eher immer weiter um Ausdruck ringen. Thieles Ich-Erzähler*in ist ein*e Wander*in - Nomad*in -, auf der Suche nach einem Ort, wo es ein Zu-sich-selbst-Finden geben kann. Zwischen der zerstörerischen Trennung und einer beginnenden Heilung sehnt sich diese Figur phasenweise nach dem Tod (auch darin Winklers Ich-Erzählern nicht unähnlich), hungert, schläft mit anderen Männern, um den einen, den sie nicht aufhören kann zu lieben, wenigstens momentan zu vergessen. In diesem Kreisen um dieses Ich bleibt es erstaunlich wenig fassbar, ist fast nur eine Gemengelage an Gefühlen mit ganz wenig biografischen Details - ja, es gibt oder gab Eltern, es gibt Freund*innen, es gibt Jobs, aber alles verschwimmt und bleibt diffus. Darin untergräbt der Text auch Erwartungen, die man mittlerweile an queere Autofiktion hat - "daseyn" verweigert sich bewusst dieser Interpretationsmöglichkeit, was erfrischend ist. Eine schnelle, ungewöhnliche Lektüre, die durch Poesie besticht und durch akkurate Herzschmerzbeschreibungen unter die Haut geht.