"Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" (ein historisch belegter Vorfahre Rainer Maria Rilkes), hätte genau so gut "Die Elegie der Sehnsucht" heißen können, denn das Wort "Sehnsucht" finde ich für die ganze Dichtung bezeichnend. Selbige bezieht sich auf den Türkenkrieg des 17. Jahrhunderts, genauer gesagt auf den vierten österreichischen Türkenkrieg, der in den Jahren 1663 und 1664 stattfand.
Anfangs zeichnet sich ein Bild des Jammers und Rainer umschreibt die psychologischen Auswirkungen des Elends im Krieg.
"Sein Nachbar, der kleine feine Franzose, hat erst drei Tage lang gesprochen und gelacht. Jetzt weiß er nichts mehr. Er ist wie ein Kind, das schlafen möchte. Staub bleibt auf seinem feinen weißen Spitzenkragen liegen; er merkt es nicht. Er wird langsam welk in seinem samtenen Sattel".
Schönes, Anmutiges wird mit dem Schrecken eines Krieges verbunden, so wie die Nacht den Tagesanbruch verschönert, die tröstende Kerze erst im Dunkeln volle Wirkung zeigt.
Bei den Soldaten tritt ein Abhandenkommen des Zeitgefühls auf ("So reitet man in den Abend hinein, in irgendeinen Abend"), der Überlebensmodus greift. Doch der menschliche Körper ist in der Lage Einiges zu erdulden, wie ein Schwarm Fische möchte er oft auseinander schwimmen, und doch bleibt er zusammen, weiß, dass er nur als Ganzes funktioniert. Die natürliche Intelligenz gebietet über alles, ist in sich stimmig und notwendig. Wo das Elend manche beinah todbringend belastet, fordert es große Geister heraus.
Wir schreiten weiter voran in der Dichtung, und sehen, dass Freundschaft sich im Übel mehr als im Schönen/Angenehmen verdichtet; Doch auch geistige Umnachtung und (un)willkürliche Brutalität und Rohheit bringt der Krieg und alles Trauma mit sich.
Am Anfang der Dichtung wird ein Rosenblatt von einem Marquis an den "von Langenau" geschenkt, als Glücksbringer und Tröster. Wir finden es im Verlaufe der Erzählung immer wieder erwähnt. Im Kriege wurden Rosen von Frauen als Talisman gereicht. Die Rose symbolisiert aber auch Liebe, Schönheit und Leidenschaft. All das, so abwegig es scheinen mag, ist auch im Krieg zu finden.
Wo manche Schriftsteller einen umfangreichen Roman abfassen um einen Krieg darzustellen, so benötigt Rainer nur wenige Seiten um eine glaubhafte Atmosphäre zu erschaffen. Das Grauenhafte wird in seiner typisch erhebenden Art zu Papier gebracht.
"Sie reiten über einen erschlagenen Bauer. Er hat die Augen weit offen und Etwas spiegelt sich drin; kein Himmel"
Oft frage ich mich, wie ein Geist auf solch wunderbare Umschreibungen kommt, wie zum Beispiel, an späterer Stelle, dass sich Sommerwinde in den Kleidern warmer Frauen finden.
Wir schreiten weiter voran und werden Zeugen von der Desorientierung und dem Verlernen der Realität/des "Normalen" der Soldaten. Neben ihrer zwangsläufig entstandenen Derbheit zeigt sich nun auch an mancher Stelle Verletzlichkeit.
"Einer, der weiße Seide trägt, erkennt, dass er nicht erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von Wirklichkeit".
Die Bürde der Kindheit wird zur Bürde des Erwachsenen:
"...das nur , weil das Kindsein ihm von den Schultern gefallen ist, dieses sanfte dunkle Kleid. Wer hat es fortgenommen? 'Du?', fragt er mit einer Stimme, die er noch nicht gehört hat. 'Du!' Und nun ist nichts an ihm. Und er ist nackt wie ein Heiliger. Hell und schlank".
Schnell kommt der Wendepunkt zum Ende, angefangen mit dem Satz: "Die Turmstube ist dunkel". Wieder offenbart Rainer seinen brillanten Geist, er schreibt unter anderem:
"Draußen jagt ein Sturm über den Himmel hin und macht Stücke aus der Nacht, weiße und schwarze. Der Mondschein geht wie ein langer Blitz vorbei..."
Der ewige Kreislauf des Lebens ist durch seine natürliche Notwendigkeit auch in dieser Dichtung, bezeichnet als "die eine Mutter" und "der eine Tod". Die Barbarei versucht sich am bitteren Ende hinter Schönem zu verstecken, doch sie ist zwangsläufig nur dies - Bestialität im Schafspelz.
"Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" geht tief, ist zwar schnell gelesen, haftet jedoch an. Es herrscht eine fast schon malerische Attraktivität in all der geschilderten Seelenpein.
Mir war die Dichtung natürlich schon bekannt, da ich alle Werke von Rilke bereits gelesen habe (ich bin eine glühende Verehrerin seiner Arbeit und Person), doch diesmal, im Gegensatz zum ersten Mal als die Neugier vorherrschte, genoss ich das Erlebnis wie ein köstliches Lieblingsmahl - Ich nahm es auf, kaute behutsam und schmeckte konzentriert. Ich wurde fokussierter Zeuge des gesamten Prozesses der Verdauung und bin nun bereichert von den Nährstoffen für Körper und Geist die sich aus einem für mich lebensnotwendigen Vitamin ergeben, dem "Vitamin R".