persönliche Befangenheitserklärung
Eigentlich nur zufällig aufgeschlagen und gleich als Reiselektüre in Anspruch genommen. Mexiko hat mich auf Anhieb stärker in seinen Bann gezogen als jeder andere Michener. Bin zwar alles andere als ein Afficionado, aber die Stierkampfpartien sind fünf Sterne wert, im Nachhinein habe ich sogar allerlei Eindrücke, die als Jugendlicher in Arles und Gerona gewonnen habe, zuordnen können. Die seltsame Entstehungsgeschichte hat mich zusätzlich angespitzt.
Mexiko ist eine Art Zwitter, da das Manuskript verloren ging und längere Zeit verschollen blieb. Nach dem Wiederauftauchen bildete das Fundstück den idealen Anschluss an Karibik. Denn die zuletzt entstandene Saga einer Region verabschiedete sich mit Cortez Eroberungszug und dessen Erfolgsgrundlagen in andere Anrainer und auf die zahlreichen Inseln. Die Gegenwartshandlung, um die Rückkehr eines verlorenen Sohnes anlässlich des Ixmiq-Festivals 1960, dürfte den Fans des früheren Michener besser munden als den Anhängern der mehr und mehr auf politisch korrekt getrimmten Epen um einen Bundesstaat oder eine Region. Obwohl der Zinn-Impact (1980ff), bereits bestehende Tendenzen eher massiv verstärkte, was ein wenig auf Kosten der Balance ging.
Als klassischer Machismo-Roman in den frühen 1960ern begonnen, bedient sich das Buch zunächst des Verfahrens das Michener bis zu den Kindern von Torremolinos anwandte, ehe er seine Sinfonien einer Landschaft (weiter) entwickelt. Als Gesamtkompositionen sind Centennial/Colorado-Saga und Chesapake/Die Bucht dem früher begonnenen und später vollendeten Roman überlegen, die Intensität ist beim Selbstfindungsroman alten Stils höher, nicht nur weil echte Enttäuschung über einen Hoffnungsträger in den Anfangskapiteln mitschwingt.
Der Plot und seine Konfliktlagen
Liberaler Mann um oder jenseits der Fünfziger, der schon allerlei Desillusionierungen erleben musste, aber den Glauben an die gute Sache und eine bessere Zukunft noch nicht verloren hat, wird von seiner Illustrierten in die Heimat geschickt, um seinen Biss wiederzufinden. Sein Vater hat ein Standardwerk über die Geschichte der Stadt geschrieben und soll mit einem Denkmal geehrt werden. Norman, einst mit einem spanischen Teil der Palafox-Sippe verheiratet und über Vater und Opa mit beiden Blutlinien verschwägert, versteht sich gut mit allen Beteiligten, selbst wenn diese miteinandern verfeindet sind. In diesem Fall die Mexikaner mit unterschiedlichen Wurzeln und den Vertretern der beiden unterschiedlichen Stierkampflager, deren Kampf den Höhepunkt des Ixmiq-Festivals bilden soll.
Hauptheld Norman Clay war vor diesem Auftrag eine Art publizistischer Schlachtenbummler von Fidel Castro, ist aber von der Realpolitik des ehemaligen Rebellen ziemlich enttäuscht und auch sonst mit sich uneins, weshalb ihn der Chefredakteur seiner Illustrierten für eine Bildreportage in die alte Heimat schickt.
Beim Namenspatron des Festivals handelte es sich um den fiktiven Gründer des später in Toledo umbenannten Orts. Er ist auch Erbauer der ursprünglichen Pyramide und zudem Stammvater der indianischen Linie des Erzählers, in die sich noch ein bluttrünstiger Stamm eingekreuzt hat, der
alle Männer der trunkenen Erbauer getötet und die Frauen unterworfen hatte.
Als die nächsten Eroberer kommen, führt Grauauge, die längst mit den blutigen Göttern abgeschlossen hat, die Verhandlungen, nachdem ihre Krieger einem Unterführer von Cortez genug Respekt für einen Waffenstillstand und Erhalt der eigenen Kultur abringen konnte. Norman, dessen Südstaaten-Opa mit Alimpio eine Nachfahrin der legendären Anführerin geheiratet hat, während sein Vater eine spanische Nachfahrin zum Altar führte, verfügte damit über spanische und anglo-amerikanische Wurzeln. Über knapp 1000 Seiten arbeitet er seinen Stammbaum nach und nach ab. Bis zur Auflösung eines ganz großen historischen Rätsels aus der jüngeren Vergangenheit, bzw. der persönlichen Verwicklung in den Anschlag auf General Gurza. Einem Rebellen mit Lokomotive, der auf seinen Vormärschen und Rückzügen regelmäßig den Verkehrsknotenpunkt Toledo verwüstet. Sehr zum Leidwesen der Stierzüchter und Bergwerksbetreiber, zu denen auch der Vater des Erzählers gehört. Dessen Mutter, die schon als junges Mädchen im Bergwerk die Ausbeute zu Fuß über tausend Stufen nach oben schleppen musste, ehe sie aus diesem Schicksal weg geheiratet wurde, ist im Herzen immer Rebellin geblieben, weil sie die Leidensgeschichte ihres Volkes mit Landraub und Ausbeutung durch die „spanischen Vettern“ viel zu sehr verinnerlicht hat.
Aus eingefleischtem Klassenhass unterstützt Oma Alimpio den dicken Rebellen aus der Unterschicht, obwohl alle Einwohner von Toledo unter dessen Raub- und Vergewaltigungszügen leiden müssen. Auch wenn das Abschlachten einer Kampfstierzucht oder Raub des Silbers aus dem Bergwerk die Reichen da trifft, wo es ihnen am meisten weh tut.
Der Umstand, dass sie doch selbst den Sprung nach oben geschafft bevor sie zu alt wurde, um die tausend Stufen ans Tageslicht zu schaffen und ihr Mann/Sohn den Abbauprozess maximal mechanisiert haben, hat ihre Einstellung nicht grundsätzlich ändern können. Zwar sind im Schacht geborene Kinder oder letzte Atemzüge unter Tage kein Thema mehr, weil moderne Forderkörbe jede Schicht wieder heil zurück an die Oberfläche bringen, aber der Gewinn geht an Eindringlinge.
Ihr Sohn geht wiederum in die Vereinigten Staaten als die Regierung sämtliche Bodenschätze verstaatlicht. Und Norman verlässt seine Frau, um dem Papa zu folgen und verdient sich im Krieg die US-Staatsbürgerschaft. Dass der Alte ein Buch geschrieben hat, wie überholt es in manchen Teilen auch sein mag, macht den im journalistischen Tagesgeschäft alt gewordenen Norman schon zu schaffen.
Der Roman über das Wiederfinden des persönlichen Wegs bei einem Gelegenheitsauftrag ist für mich fünf Sterne wert. Die Art und Weise wie Michener möglichst viele Beteiligte darin einbezieht und ein künstlich hochgehyptes Duell der Matadore zum Kristallisationspunkt macht ist an sich schon großartig, aber die Schilderung der Kämpfe und die Vermittlung der Regeln ist einzigartig gelungen. Angelehnt ist der Zweikampf zwischen einem Familienclan mit langer Tradition und entsprechender Routine und einem Außenseiter, der viel mehr persönliches Risiko geht, an jenes von Ernest Hemingway (Gefährlicher Sommer) und Peter Viertel (Love lies bleeding/Fiesta Brava, sowie Gefährliche Freunde) geschilderte Zweikampf zwischen Luis Miguel Dominguin (Star-Matador mit kalkuliertem Risiko) und Antonio Ordonez (von Hemingway idolisierter Draufgänger).
Waren die Vorbilder miteinander verschwägert, so gestalten die Micheners das von einem Kritiker herbei geschrieben Duell auch hier zum Klassenkampf. Der tollkühne Stierkiller Gomez ist ein Indio, der eher zufällig zum Torero wurde und sich aus den untersten Klassen hochgekämpft hat und dabei allerlei Rückschläge wegstecken musste. Seine Fans sitzen auf den billigen Plätzen, deshalb tötet er seine Stiere in der Sonne, während Victoriano Leal, dem zwei Cousins und sein Onkel zuarbeiten, stets vor der Haupttribüne etliche elegante Wendungen wie seinen finalen Stich vollbringt. Die Leals repräsentieren im Stierkämpferlager jenen Zweig, der seine Bräute immer noch das Spanien mitbringt. Im Anschluss an eine Erfolgstournee im Mutterland, von der auch Gomez Geliebte träumt, eine Flamenco-Tänzerin, die im Mutterland ihren Marktwert erhöhen will. Aber dafür müsste ihr Torero das Duell in Toledo erst mal deutlich gewinnen. Und es gibt so allerlei Stiere, die auch den tapfersten Torero ganz schlecht aussehen lassen.
Und die Leals sind seit Kindertagen aufeinander eingespielt, die Rollen klar verteilt. Nur Victoriano bringt die passende Optik und Eleganz für den Matador mit, darf aber nicht ausfallen, weil dann die stattlichen Honorare ausbleiben. Deshalb lassen die finanziellen Rücksichten des Familienclans dem Star allerdings so gut wie keine Freiheiten persönliche Risiken einzugehen, um sich selbst zu beweisen.
Deshalb gilt Victoriano bei den Auskennern als eleganter Feigling, der geschickt seine Schwächen markieren kann. Onkel Veneno, der als Kind den Tod seines Vaters in der Arena ansehen musste, und seine Söhne Chucho und Diego schrecken dagegen vor nichts zurück, um auf jeden Fall zu gewinnen. Das Trio zerlegt seinem Matador die Stiere nicht nur mundgerecht in der Arena. Um eventuell riskante Stiere schon vor dem Kampf nachhaltig zu schädigen ist kein Manöver vor dem Kampf zu fies. Als Vertrauter des Clans wird Norman Zeuge von allerlei Gemeinheiten bei denen nicht nur militanten Tierschützern das Herz blutet.
Der Gegenwartsteil strotzt also keineswegs nur vor glänzenden Kampfszenen, denn die Stiere, ob geschädigt oder unterschätzt, spielen den Matadoren immer wieder Streiche wegen denen jegliche Rivalität schnell mal Nebensache wird. Insofern gibt es am Ende keinen Sieger im sportlichen Sinne, sondern einen Rückkampf im folgenden Jahr. Victoriano kann sich immerhin von der Diktatur seines Onkels befreien, Gomez seinen Ruf rechtfertigen, muss aber erst mal die Verletzungen aus dem Finale mit einem Stier auskurieren, der das vermeintlich gefährlichste Tier schon auf der Weide erledigt hat.
Fazit:
Damit bin ich bei meinen Gründen doch nur vier Sterne zu vergeben: Die Beiträge von Ehegattin und Co-Autorin Mari Yoriko Sabusawa sind eher dreieinhalb Sterne. Der Einfluss der von der Rechercheurin zur Co- oder allein verantwortlichen Autorin aufgestiegenen Gattin auf die Ahnengalerie von Norman, ist leicht daran zu erkennen, dass sich auf einmal starke und klügere Frauen durch die Vorgeschichte ziehen. Halt die typischen von Howard Zinns alternativem Geschichtsbuch „A peoples History“ inspirierten Ausformungen der späteren Michener-Sagas bei denen der jüngere Teil der literarischen Kooperation mehr und mehr die Oberhand gewann oder gar einen ganzen Roman, ohne Beteiligung des Altmeisters (Poland/Mazurka), veröffentlichte.
Im Vergleich zu den späteren Epen über eine Landschaft, bei denen in jeder Epoche eine andere Person/Familie in den Fokus rückt und die Nachfahren der Protagonisten aus vorherigen Kapiteln nicht immer als beste Freunde oder gute Menschen auftauchen, wirkt der komplette Stammbaum einer Person über knapp 1400 Jahre schon so ausführlich, wie es nur in einem Roman möglich ist. Oder wenn ziemlich viele Anführer dabei sind: von 600 (Ixmiq und Nachfahren), 1000 (Kriegerische Verdränger der trunkenen Baumeister) 1500ff (Flucht der Palafox-Söhne unter Cortez Fittiche bevor ihr Vater als Ketzer verbrannt wird. Beim Waffenstillstand heiratet der geistliche Anführer Palafox die Tochter von Grauauge, der jüngere Bruder die frühere Geliebte aus Spanien. Bildung von zwei Blutlinien, die Bischöfe haben immer Indio-Frauen, die Nachfahren der Krieger Bräute aus dem Mutterland.
Mit dem landlos gewordenen Rebellen Jubal Clay, der 1847 schon mal als Eroberer in Toledo war, kreuzt sich dann die letzte Ader ein und ein Ahnung von Fackeln im Sturm. Alimpios Begeisterung für General Gurza und ihr Versuch dem Enkel die andere Seite der Geschichte zu zeigen, ist so eine Art später Ausgleich mit pikanter Pointe. Denn das Geschenk einer Knarre an den Jungen bedeutet das Ende des Rebellen und seiner blutigen Heldenreise. Auch wenn der Beschenkte nur als Drehkreuz fungiert.
Wären Mari Yoriko Sabusawas starke Frauen nicht dermaßen vernutzt und als Charaktere auch nicht so rund wie frühere Beispiele, müsste ich schon wegen der Ironie dieses Handlungsstrangs fünf Sterne vergeben, aber die Bucht bleibt wohl das Maß aller Michener-Dinge.