Roland Schimmelpfennig wirft einen modernen Blick auf die Antike und auf die großen griechischen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides. Seine Übersetzungen sind von sprachlich unvergleichlicher Klarheit, seine Überschreibungen radikal, seine neuen Texte führen die Leser und das Theaterpublikum zurück zu den Ursprüngen des europäischen Theaters. Und ganz nebenbei schließt Roland Schimmelpfennig mit seiner eigenen Version des »Laios« eine zweitausendfünfhundert Jahre alte Lücke.
In »Anthropolis. Ungeheuer. Stadt. Theben.« sind die Neuübersetzungen, Überschreibungen und Neudichtungen »Dionysos«, »Laios«, »Ödipus«, »Iokaste« und »Antigone« zu finden.
"Wer kann denn so was wissen, man kann doch nicht einmal wissen, wie heute in einem Jahr alles sein wird, wie soll man denn mit so etwas leben."
Ist ein sehr passendes Zitat für mich zu der Anthropolis. Am 4.5.2025 habe ich angefangen es zu lesen und bin jetzt, am 3.5.2026 fertig. Wie viel dazwischen passiert ist, wie viele Filme ich gesehen, Bücher gelest, Musik gehört und Theaterstücke besucht habe. Und irgendwie bin ich doch immer wieder zu diesem Werk zurückgekehrt.
"Was bist du bloß für ein geborener Schwätzer."
Es ist einfach fantastisch. Die Mischung aus "alter" Sprache und einem neuen Witz darin ist nicht nur amüsant zu lesen, sondern bringt so viel mehr Tiefe herein, indem Elemente aus unserer heutigen Zeit, Erfindungen oder Worte, mit eingebunden werden. So leicht entstehen Bilder im Kopf zu den einzelnen Charakteren und Schauplätzen. Und zwischen den komplizierten Charakterbeziehungen zueinander, findet man auf jeder Seite so viel Wahrheit über den Mensch, über deren Leben und über einen Selbst. Auch wenn die Anthropolis ganz schön viel Stoff ist, macht es immer wieder Spaß einzusteigen und vor allem fällt es auch nicht schwer, hauptsächlich durch die Individualität der Schreibweise, der Wortwahl und der Charaktere.
"die Zukunft kennt keiner. Niemand. Es gibt sie nicht- und deshalb muss man sie erfinden."
Laios ist mein Schatz. Das ganze Stück hat mich in einer Inszenierung komplett abgeholt und seltsamerweise finde ich in dieser geschriebenen Version, auf der die Inszenierung basierte, außerordentlich viel Komfort. Ich höre sowohl die Stimmen der Schauspieler:innen im Kopf, sehe das Bühnenbild und rieche den Nebel. Ich könnte das ganze Ding hier als Zitat aufführen, da es so schön ist.
"An was sollen wir glauben, und was wird aus uns werden? Was sollen wir tun? Was ist richtig? Was ist falsch? Und wer bestimmt unser Schicksal?"
"Was darf man sagen? Was darf man nicht sagen? Was muss man benennen, aussprechen, weil es da ist und weil es immer da sein wird, gerade, wenn man es nicht benennt?, und was darf man nicht benennen, weil es nur dadurch, dass man es benennt, weiter in der Welt ist?"
Und dass es auf diese Fragen keine klare Antwort gibt, setzt mich sowohl in eine sehr unschöne, aber auch in so eine interpretative Stimmung. Die Antwort zu diesen Fragen ist alles und im ganzen Werk wird so viel mit diesem interpretativen Freiraum gespielt, weshalb es so viel Spaß macht, über all das nachzudenken.
"Wer mehr will, als er kann, wird niemals glücklich. Das Leben ist zu kurz; sehen wir, was der Tag bringt - wer mehr will, sieht nicht, was vor ihm liegt."
"Wer nichts verstehen will, wird nichts verstehen."
Ein sehr passendes Zitat zu der Anthropolis. Irgendwann muss man aufhören zu versuchen alles zu verstehen, jede Charakterbeziehung, damit man anfangen kann zu verstehen.
"Alle träumen von Macht und Geld, auf tausend Menschen kommen tausend Hoffnungen. Manche erfüllen sich, andere nicht- Nur der ist glücklich, der Tag für Tag nur für den Tag lebt, Tag für Tag und immer so fort."
"Allein sind wir nicht."
Dass das "Allein" allein in der Zeile steht, ist perfekt.
"Weil sein Vater an nichts glaubt, nicht einmal an sich selbst. Das Einzige woran sein Vater denkt, ist, dass er nicht das ist, was er immer werden wollte, für seinen Vater gibt es nichts anderes als Erfolg und Macht und Regeln."
"er greift nach seinem Blut, will danach greifen- er will die Zeit umdrehen, und dann stürzt er in die Tiefe. Ich stürze in die Tiefe."
"Wer fliehen muss, wer alles hinter sich lassen muss, weil er sonst stirbt, lebt wie ein Sklave, er ist der Sklave der Zeit. Ihm gehört nichts, ihm gehört nicht einmal nach gelungener Flucht sein Leben."
"Wenn du am Boden bist, wovon kannst du dann leben, außer von dem, was du am Boden findest."
"Komm, lass und würfeln, und ich gewinne. Denn ich gewinne immer, und wenn ich gewinne, beiße ich dir einen Finger ab."
Und unter all den tiefen Themen ist dann doch noch so eine Stelle zu finden. Kakegurui würde den Ziegenbock lieben.
"wir können dem Schicksal nicht entkommen-" "Das Schicksal, dein Schicksal erschaffst du doch erst selbst-"
Es ist einfach Peak Literatur.
"Aber das ist kein Traum."
"Wir sind blind, auch wenn wir sehen können."
"Und was ist mit den Kindern, mit den Söhnen? Sind sie tot?" "Nein, nein, sie leben." "Aber? Was willst du mir verheimlichen?" "In diesem Augenblick bringen sie sich gerade gegenseitig um."
An so vielen Stellen einfach pure Gänsehaut.
"du irrst mit deinem Weg, aber in deiner Liebe irrst du nicht."
Antigone ist es einfach.
"Wie furchtbar, wenn einer glaubt, dass er allein im Recht ist, und dabei als Einziger das vollkommen Falsche glaubt."
Kreon ist doch auch einfach Ragebait.
"Gewaltig ist vieles, dich nichts ist gewaltiger als der Mensch."
"einzig dem Tod wird der Mensch nie entkommen. Seine Kunst, sein Wissen und sein Erfindungsreichtum übertreffen alles, und das kann ihn zum Bösen führen, genau wie zum Guten."
"Und ganz sicher bin ich im Leben nicht für Hass geboren, sondern um zu lieben."
Wo ist Antigone jetzt? Wir brauchen sie.
"Keines Menschen Leben vergeht ohne Unglück."
"In ihrer Seele tobt heulend immer noch derselbe Sturm."
"Wie entsetzlich, was weiß ein Mensch, er weiß nicht, dass er nichts weiß-"
"verliert ein Mensch alles, was im Leben Freude bedeutet, dann zähle ich ihn nicht mehr zu den Menschen, lebt er auch noch, so ist er trotzdem schon tot, Mag einer noch so reich und mächtig sein, ohne Freude im Leben ist das für mich nicht einmal so viel wert die der Schatten eines Rauchs."
"Die Zukunft ist die Zukunft, wir können nur tun, was die Gegenwart von uns verlangt, alles andere entscheiden nur die, in deren Hand es liegt."
"Warum hört sie nicht auf, über der Stadt zu singen, sagen sie, sie ist in unseren Köpfen, sie singt, was wir denken, sie singt, was wir sind, aber das sind wir nicht, wir sind nicht, was wir denken, wir sind, was wir tun-"
Und das sind nicht mal die Hälfte der Wahrheiten in der ganzen Anthropolis.