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Sinkende Sterne

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Ein einsames Haus in den Bergen und eine Naturkatastrophe, nach der ein Schweizer Kanton sich plötzlich lossagt von unserer »Sinkende Sterne« ist ein virtuoser, schwebend-abgründiger Roman, in dem eine scheinbare Idylle zur Bedrohung wird und der uns tief hineinführt in die Welt der Literatur selbst.

Thomas Hettche erzählt, wie er nach dem Tod seiner Eltern in die Schweiz reist, um das Ferienhaus zu verkaufen, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Doch was realistisch beginnt, wird schnell zu einer fantastischen, märchen-haften Geschichte, in der nichts ist, was es zu sein scheint. Ein Bergsturz  hat das Rhonetal in einen riesigen See verwandelt und das Wallis zurück in eine mittelalterliche, bedrohliche Welt. Sindbad und Odysseus haben ihren Auftritt, Sagen vom Zug der Toten Seelen über die Gipfel, eine unheimliche Bischöfin und Fragen nach Gender und Sexus, Sommertage auf der Alp und eine Jugendliebe des Erzählers.

Grandios schildert Hettche die alpine Natur und vergessene Lebensformen ihrer Bewohner, denen in unserer von Identitätsfragen und Umweltzerstörung verunsicherten Gegenwart neue Bedeutung zukommt. Im Kern aber kreist die musikalische Prosa dieses großen Erzählers um die Fragen, welcher Trost im Erzählen liegt und was es in den Umbrüchen unserer Zeit zu verteidigen gilt.

209 pages, Kindle Edition

First published September 7, 2023

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About the author

Thomas Hettche

27 books8 followers
Thomas Hettche is a German author.

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Displaying 1 - 15 of 15 reviews
Profile Image for Kingofmusic.
273 reviews54 followers
November 13, 2023
Viele (ungelöste) Fragezeichen ansprechend verpackt

Manchmal sollte man einfach seiner (ersten) Intuition folgen und eine Pause machen. So war ich fest gewillt, mich nicht zur Leserunde von Thomas Hettche´s neuen Roman „Sinkende Sterne“ (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch) anzumelden. Nun, diese Rezension zeugt von meiner Inkonsequenz *g*.

Herr Hettche macht es seinen Leser:innen aber auch von vornherein nicht gerade leicht „Nein“ zu sagen – weiß er doch sowohl sprachlich als auch bildlich sein „Publikum“ von Beginn an zu erreichen und abtauchen zu lassen in die ganz eigene Welt des Ich-Erzählers Thomas Hettche. Dabei konnte ich nicht unterscheiden, ob der Roman-Thomas von dem Real-Thomas „abweicht“ oder ob Hettche hier wirklich „seine“ schwierige Vater-/Sohn-Geschichte aufarbeitet und sie mit dystopischen und phantastischen Elementen zu einem in weiten Teilen berührenden Text verbindet. Letztlich spielt es auch keine Rolle.

Der Ich-Erzähler Thomas fährt in das Dorf seiner Jugend, um nach dem Tod des Vaters das Haus zu verkaufen. Malerisch gelegen im schweizerischen Kanton Wallis oberhalb des Rhonetals, dass durch einen katastrophalen Bergsturz nun unter der Wasseroberfläche eines Sees liegt. Doch wie es oft im Leben spielt: meistens kommt es anders als man denkt. Denn Thomas will bleiben – warum auch nicht, hat er doch gerade seinen Job als Dozent an der Uni Berlin verloren. Dass er bleiben will, sorgt nicht überall für Wohlwollen…

Soweit die Ausgangslage. Hier entspinnt sich nun mit fortschreitender Lektüre eine Geschichte, bei der sich „Wirklichkeit“ und Phantasie die Klinke fließend die Hand geben. So kommt es zu außergewöhnlichen Szenen, die mich als Leser ziemlich ratlos zurück gelassen haben; manche Kommentare und Interpretationen meiner Leserundenpartner:innen konnten zwar den ein oder anderen „Knoten“ auflösen und doch hatte ich selten so viele Fragezeichen nach dem Ende eines Buches wie hier. So wird mir wohl nichts Anderes übrigbleiben als dem Roman, hinter dem sich (wahrscheinlich) so viel verbirgt, dass man ganze Aufsätze darüber schreiben könnte, irgendwann eine zweite Chance zu geben, um dann hoffentlich (nicht nur) die von Thomas Hettche teils fantastischen Sprachbilder wertschätzen zu können, sondern evtl. auch die Metaebene des Romans erreiche. Denn eins habe ich trotz Fragezeichen und Knoten im Kopf herausfiltern können: schreiben kann er, der Herr Hettche.

Und so komme ich denn auch auf 4* und gebe all jenen eine Leseempfehlung, die mehr als Oberflächlichkeit und 08/15-Literatur lieben und zu schätzen wissen.

©kingofmusic
Profile Image for Alexander Carmele.
488 reviews466 followers
November 14, 2023
Unausgewogener Mischmasch aus Kulturessay, Polemik, Fantastik und Bauernromantik. Eine Glosse ohne Pointe.

Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Thomas Hettches Roman „Sinkende Sterne” spielt in der Schweiz, dient als Sprachrohr eines mittelalten Junggesellen, eines Hagestolz, der in das Haus seiner Eltern, ins Wallis fährt und dort zwischen den Erinnerungen an die guten alten und schlechten neuen Zeiten herumschwankt, während ihn Krankheit und Enteignung drohen und plagen:

Spinnen hatten ihre Netze in den Türsturz gewebt, zusammengebackener goldgelber Flor aus Lärchennadeln im windstillen Schatten der Schwelle. Ich schloss die Augen. Im Wagen, wusste ich, tickte noch der heiße Motor von der Fahrt herauf, doch er würde leiser werden und kalt und schließlich verstummen, und dann würde es sein, als hätte der Wagen immer schon hier gestanden, auf diesem Parkplatz am Rande des Lärchenwaldes hoch über dem Tal der Rhone.

Was episch, fantastisch anfängt, einen groben, wohlgezimmerten Plot ankündigt, in welchem ein Gebirgstal, abgeschottet durch einen Gesteinssturz, plötzlich nationale Gefühle und Separatismusgedanken hegt, stürzt alsbald als eine verkappte literaturwissenschaftliche Arbeit über Homer und die Odyssee, über Rilke und die Geschichten von Tausendundeiner Nacht und Sindbad ab. Leider, wie so oft, unentschieden, dümpelt der Text zwischen allen Textformen und gereicht sich selbst zur Satire, weil er zu viel will, aber zu wenig bietet:

Mit klopfendem Herzen drehte ich mich um und erschrak. Eine junge Frau trat geschmeidig durch die Glastür des Lettners. Das Klappern ihrer Pantoffeln auf dem Stein. Über ihrer violetten Soutane wehte ein weißes, spitzenbesetztes Rochett, darüber wiederum eine violette Pelerine. Sie trug eine FFP2-Maske in derselben Farbe, golden verziert mit den gekreuzten Schlüsseln Petri, und auf dem kahlgeschorenen Kopf ein Birett, dessen vier Hörner nach allen Seiten stachen. Ich konnte nicht anders, als sie anzustarren, während sie auf mich zukam. Sie war wunderschön und groß, und sie war schwarz.

… und entpuppt sich später als Mann. Mit jähen Diskursfetzen jagt Thomas Hettche durch den Zeitgeist und erinnert in Setting und Klang, nur nicht im Humor, an Christian Krachts Selbstpersiflage Eurotrash. In seinen besten Passagen verarbeitet es Max Frisch Der Mensch erscheint im Holozän, dort, wo ein älterer untrainierter Mensch den Berg hinauf schwankt, atmet, mit rasendem Herzen die Landschaft betrachtet und sich klein und unbedeutend fühlt. In seinen schwachen Passagen wird es wirr wie Martin Mosebachs Das Beben, sobald Hinterzimmer in kleinen Wohnungen zu reinsten Spiegelkabinetten werden und irrste Komplotte zu schmieden erlauben.

Thomas Hettches „Sinkende Sterne“ fängt gut an und endet wirr und unentschieden, will eine Allegorie sein, aber erscheint als Lose-Motiv-Sammlung einer möglichen Romanidee, die sich aber während des Schreibens scheinbar verdünnisiert hat. Trotz seiner vielen guten Worte, seiner oft geschliffenen und fein-austarierten Sprache bietet „Sinkende Sterne“ ein Paradebeispiel dafür, dass gutes Schreiben mehr als nur gute (obgleich heutzutage sogar rar gesäte) Sprachkenntnisse erfordert. Es bedarf vor allem einer Schreibidee, die in Thomas Hettches Roman völlig fehlt. Es bleibt eine Glosse ohne jede Pointe.
Profile Image for Great-O-Khan.
473 reviews129 followers
September 13, 2023
Es gibt im Roman "Sinkende Sterne" nur gelegentlich konkrete Erlebnisse. Einen großen Teil nehmen Naturbeschreibungen und Erinnerungen ein. Allein der Name des Baumes Lärche taucht in dem nicht sehr dicken Roman vierundzwanzig mal auf. Ein Buch, in dem ein Baum genauso wichtig ist wie der Protagonist, ist nicht wirklich meine Welt. Allerdings ist da auch diese wunderbar elegante Sprache des Autors. Allein wegen dieser gab es nie die Versuchung abzubrechen, auch wenn ich eigentlich stärker handlungs- oder charaktergetriebene Romane bevorzuge.

Die Handlung ist in diesem Roman recht dünn. Der Ich-Erzähler Thomas Hettche fährt in die Schweiz, um das Haus seines verstorbenen Vaters zu verkaufen. Aufgrund eines Naturunfalls - einem Felssturz - wohnen fast keine Leute mehr in dem Ort. Nur seine Kindheitsfreundin Marietta und ihre Tochter Serafine sind noch im Ort und betreiben den Kaufmannsladen. Es herrscht eine bedrohliche Atmosphäre. Hettche erfährt, dass er enteignet und das Haus versteigert wird. Er fühlt sich seiner Kindheit beraubt. Er bleibt länger als geplant.

Hettche schafft es gegenwärtige Themen wie Klima oder Political Correctness ungezwungen in den Text zu integrieren. Die essayistischen Passagen übersteigen gelegentlich meinen Horizont. Es ist sicherlich hilfreich, wenn man sich mit Odysseus, Nietzsche, Judith Butler, Godard, Dante, Carl Schmitt usw. besser auskennt als ich. Wenn Hettche beispielsweise von Malapartes Roman "Haut" und "einer sogenannten Sirenide" schreibt, bin ich draussen. Einige der Reflexionen über Literatur und Kunst sind aber doch brilliant.

Am Ende ist "Sinkende Sterne" ein Roman, der mir hohen Respekt abverlangt, aber berühren konnte er mich nicht.

Am 15.9. wird der Roman im "Literarischen Quartett" besprochen.
Profile Image for Marie.
186 reviews14 followers
October 17, 2023
"Jeder, der liest, ist Opfer eines Sirenengesangs, einer feindlichen Übernahme seiner Körpers und seines Geistes durch den Text."

Der Ich-Erzähler mit dem Namen Thomas Hettche fährt mit dem Auto in Wallis, einem ehemaligen römisch-katholischen Kanton in der deutschsprachigen Schweiz. Dort steht das Ferienhaus der Eltern, in dem beide zuletzt auch gelebt haben. Nun ist der Vater gestorben und der Sohn soll entscheiden, was mit dem Haus passiert. Dem kommt die Reise ins Ausland ohnehin gelegen. Hat man doch an der Uni sein Seminar wegen fehlender Weltoffenheit von der Liste gestrichen, den einzigen Studenten gebeten, eine andere Veranstaltung zu wählen. Doch im Wallis angekommen sind zwar viele Dinge noch so, wie Hettche sie aus den Kindheitsferien in Erinnerung hat, doch irgendwie scheint das Tal noch weiter in die Vergangenheit zurückgerutscht zu sein, seit ein Staudamm gebrochen und Teile vom Rest der Welt fast abgeschnitten hat. Hier herrscht wie einst der Kastellan, eine Art Landvogt, der ihm auf den Kopf zusagt, dass Hettche nicht bleiben kann, das Elternhaus zwangsversteigert wird. Doch Thomas bleibt trotzdem, steigt mit seiner Kindheitsfreundin, einer Sennerin, auf die Alm und hört von den Sagen und Märchen rund um das Tal und die Berge. Ob er nicht doch eher hierher gehöre als in seine Wohnung in der Stadt?

Viele Teile in Hettiches Roman bleiben auch nach dem Lesen rätselhaft, gerade zu unzugänglich. Andere, gerade die essayistischen Passagen, verbergen kraftvolle Aussagen über die Literatur, das Erzählen und die Geschichte selbst. Hier wird deutlich, dass der Autor mit dem Roman eine Art Zwischenbilanz seines schriftstellerischen Lebens ziehen möchte, wie er einst in einem Gespräch zum Buch sagte. Und tatsächlich kann man diese Rückschau an vielen Stellen im Roman nachvollziehen, etwa dann, wenn er die ungelesenen eigenen Werke im Bücherregal der toten Eltern findet. Am Ende bleibt dann die Frage, welchen Stellenwert die Kultur hat und ob sie es ist, die uns Menschen zu Menschen macht. Oder ob sie sich - ganz im Gegenteil - gar nicht von der Natur unterscheiden muss.

Was das Buch dennoch etwas mühsam zu lesen macht: Der Ich-Erzähler hat alles andere als stringente Gedankengänge. Jeder Windung, jeder Assoziation muss der Leser folgen, manchmal ohne auf das Vorwissen der Figur zurückblicken zu können. So kommt es, dass erst gut fünfzig Seiten später eine Textstelle ihre Sinn entfaltet oder eben bis zum Ende des Romans offen und unerklärt bleibt.
Profile Image for Wandaviolett.
472 reviews66 followers
October 7, 2023
Ein Stern kann nicht sinken, nur sterben.
Kurzmeinung: Eine Hommage an die berauschende Bergwelt des Wallis - und noch viel mehr!
Der neueste Roman "Sinkende Sterne" (2023) von Thomas Hettche könnte den geneigten Leser in die Irre führen oder aufs Glatteis, je nach Gusto. Es ist wahrscheinlich ein Roman, den der Autor in allererster Linie für sich selbst geschrieben hat. Diese Hinwendung auf sich und Wegwendung von der Galerie ist nicht das schlechteste, was einem Roman passieren kann, jedoch kann man davon ausgehen, dass es sich bei solchen Werken nicht um gefällige Werke handelt. Und so liegt mit „Sinkende Sterne“ ein Roman vor, der vordergründig verschlossen bis provokant ist, für den Tieferschürfenden durchaus Metaebene bietet. Mit anderen Worten, dieser Roman ist interpretationsbedürftig. Auf alle Fälle ist er weit weg von bloßer Unterhaltungsliteratur.

Vordergründig begibt sich der Autor himself, also eine Person namens Thomas Hettche, auf eine Reise. Dessen Vater hat tief in den Bergen des Wallis (Schweiz) ein Häuschen hinterlassen. Dies soll er verkaufen, wie ihm die Verwaltung des Wallis schriftlich mitteilt. Und genau das will Thomas Hettche tun. Er will das Haus verkaufen, aber als er ankommt, brechen alte Erinnerungen auf, denn Thomas Hettche hat seine Kindheit im Wallis verbracht. Der Roman "Sinkende Sterne" hat autobiografische Anteile, er ist aber keinesfalls mit einer Autobiografie gleichzusetzen. Wo also der Autor Thomas Hettche seine Kindheit verbrachte, geht nicht aus diesem Roman hervor.

Der Kommentar:
Die Naturschilderungen Hettches, der vom Frühling bis zum Winter die Jahreszeiten in der walliser Landschaft beschreibt, suchen ihresgleichen, sie sind grandios. Die Landschaft, die Ortschaft, das sind die eigentlichen Protagonisten. Der Autor setzt sowohl der Schönheit wie auch der Eigenart des Wallis ein Denkmal. Die Landschaft ist überwältigend, zuweilen bedrohlich; die Bergwelt ist von Sagen und Mythen durchwirkt, zum Beispiel vom Durchzug der armen Seelen, einer Totenwanderung, der man am besten nicht begegnet, weil sie genau das ist, todbringend. Thomas Hettches Roman ist eine Erzählung vom Heimkommen und vom Sterben und dem, was dazwischenliegt, dem Erzählen.
Dem Erzählen per se, seinem Entstehungsprozeß, dem Sinn der Erzählens, ja, dem Sinn der Kunst, widmet der Autor sich in vielen mehr oder weniger klugen Gedanken, es werden frühere Denker zitiert, reflexiv angerissen und zueinander in Beziehung gesetzt. Für einen Erzähler ist es legitim, dass er über das Erzählen nachdenkt, es ist schließlich sein Metier. Er darf freilich nicht davon ausgehen, dass seine fragmentarischen Gedanken dazu die Leserschaft in den gleichen Taumel der Begeisterung versetzt. Man möge es mir/uns verzeihen, dass uns manches von Hettches Philosophierereien einfach langweilt. Möglicherweise verraten wir uns hier als Kulturbanausen. Mit Dantes Göttlicher Komödie und seinen Höllenkreisen kann ich jedenfalls nicht viel anfangen, bzw. ich kann dem nicht viel abgewinnen.
Trotzdem bleiben viele lohnenswerte Sätze übrig, selbst wenn sich Hettche für meine Begriffe etwas zu viel in die Sage des Odysseus und in die Sindbad des Seefahrers vertieft und auch Sheheredzade aus TausendundeineNacht hat ihren Auftritt. Aber hat der Autor nicht Recht, wenn er meint: „Jeder, der liest, ist Opfer eines Sirenengesangs?“ oder wenn gesagt wird „nie ist die Macht des Erzählens größer als wenn es abbricht“. Das Erzählen, also im weitesten Sinne die Literatur und noch weiter gegriffen, die Kunst selbst, ist das, was zwischen Geburt und Tod liegt, das Erzählen ist ein Mittel, das den Tod aufhalten soll. An Sheheredzade wird dies natürlich überdeutlichst sichtbar; sie lebt nur dann weiter, wenn der sie missbrauchende König neugierig auf eine weitere Geschichte ist, die sie am nächsten Abend erzählt. So hält Sheheredzade den Tod auf Abstand!

Hettche ist ein Meister der Verkürzung, auch ein Meister der Provokation. Es gibt cirka in der Mitte des Romans eine verstörende, obszöne Szene mit einer Genderfrau, einer Bischöfin. Hier versagt beinahe die Interpretation. In einer Szene verdichet ein Säbelhieb gegen die ganze zeitgenössische Aufgeregtheit! Antirassismusdebatte, Genderdebatte, Diversitätsgerangel, Kirchenfrömmigkeit, Mittelalter. Oder doch latente Homosexualität? Don’t know. Aber diese Szene ist die Aufregung nicht wert, letztlich geht es um das Eigentliche in Hettches Roman, um das Sterben, denn wir enden im Winter, im Kalten, im Fieber und im Schmerz (des Abschieds), der im Herbst (des Lebens) schon zutiefst spürbar ist: „der stechende Schmerz des Herbstes“. Wunderschön auch diese Abschiedsformel „Der Himmel war jetzt meist von einem so tiefen Blau und so klar, als sollte man sich alles noch einmal für den Winter einprägen“.

Nostalgie, die Sehnsucht nach dem Alten, dem Fortwährenden, also dem Ewigen ist ebenso in dem Buch zu finden. Vom Friedhof, auf dem der Dichter Rilke liegt (der Dichter besucht den Dichter, was für ein Bild!) wird gesagt, dort herrscht „die alte Ordnung aus Holz und Marmor“. Das Alte mit seinem nur langsamen Voranschreiten, dem Tempo, bei dem die Seele noch mitkam, war vielleicht gar nicht so schlecht. Jedenfalls setzt der Fährmann über den See. Und wenn das kein Sinnbild für den Tod ist, dann reiche man mir einen Besen zum Fressen. So viele Bilder weisen auf den Tod, auf ausgelebtes Leben hin: Eine Seilbahn beginnt sich zu bewegen, was ist das Leben anderes? Aber die Gondeln sind leer. Denn das Leben ist ausgelebt, es bringt nichts Neues. Dann steht die Seilbahn folgerichtig still!
Die Serafine(n) verweisen weiter auf Rilke, in dessen Duineser Elegien sie eine Rolle spielen. Sie haben eine dienende Funktion, geben göttliche Hinweise oder sind Hinweise auf das Vorhandensein des Göttlichen. Ein junges Mädchen mit Namen Serafine hat mehrere Auftritte. Nach anfänglicher Irritation denke ich, es ist nicht Serafine als Person gemeint, sondern es sind die Serafinen, also Engel. Mehrmaliger Auftritt gleich Mehrzahl. Auch die anderen surrealen Szenen sind bloße Imagination des Dichters, der unter seiner Arve sitzend, nachdenkt – und dann zu seinem Stift greift. Hier unter der Arve, im Erinnerungshaus des Vates, fließen nun Dichter und Dichter zusammen, der, der den Roman schreibt (aber weiterlebt) mit dem wesensgleichen Dichter, der im Roman stirbt. Die Tatsache, dass ein Stern nicht sinkt, sondern stirbt, mag meine Interpretation betonen.

Fazit: Thomas Hettches Roman ist eine Erzählung vom Heimkommen und vom Sterben und dem, was dazwischenliegt, dem Erzählen. Es ist kein gefälliger, aber ein vielschichtiger Roman. Ein Roman, der provoziert und sicherlich kontrovers diskutiert werden wird. Ich mag seine Vielschichtigkeit, würde mir aber als nächstes einen leichter zugänglichen Roman von Thomas Hettche wünschen. Nun ja, (fast) alle seine Romane sind schwer zugänglich, es wird wohl bei einem frommen Wunsch bleiben.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag: Kiepenheuer und Witsch, 2023
Profile Image for Leselissi.
414 reviews58 followers
October 10, 2023
Irgendwie weiß ich nichts anzufangen mit diesem Buch...
Worauf will der Autor hinaus?
Diese langatmige Sinniererei über Kunst und Schönheit, die Odyssee und Sindbad den Seefahrer... und was soll dieses Ende?
Im Grunde mag ich ja surreale Geschichten, in denen sich Wahrnehmungen vermischen, aber das hier ist mir dann doch zu viel. Oder zu hoch.
Wahrscheinlich bin ich zur Zeit auch einfach nicht in der richtigen Verfassung, um mich genauer damit zu befassen.
Zu einer anderen Zeit, und mit mehr Geduld, hätte mir dieses Buch womöglich besser gefallen.
Profile Image for Andrea.
1,264 reviews160 followers
September 9, 2023
2.5 Sterne. Glaube ich...

Ich weiß immer noch nicht so genau, was ich da gelesen habe. Da ich bis jetzt nur Herzfaden von dem Autor kenne (und liebe), kann ich auch nicht einordnen, ob seine Bücher alle etwas seltsam sind.

Das Buch fängt damit an, dass der Autor (oder doch nur der Erzähler?) in das Schweizer Haus seines verstorbenen Vaters fährt. Ab da fängt es an, etwas abenteuerlich zu werden, und ich für meinen Teil kann mich nicht entscheiden, ob alles, was nach seiner Anlunft passiert ein Traum oder Rausch ist (das würde das ganze jedenfalls einfacher erklären). Unter wirklich schöner und gut zu lesener Sprache (was auch der einzige Grund ist, warum ich das Buch nicht schlechter bewerten möchte, obwohl ich wirklich nicht verstanden habe, was ich da lese) ist eine Diskussion über Wirkung und Funktion von Literatur und Kunst. Aber mehr kann ich beim besten Willen nicht sagen. Es ist definitiv ein seltsames Buch. Ich kann mich nur nicht entscheiden, ob ich es gut seltsam oder einfach nur seltsam seltsam fand...

*Leseexemplar vom Verlag via NetGalley erhalten*
50 reviews
August 18, 2024
Grundsätzlich interessant,auch spezieller Schreibstil. Die Geschichte hat mich nicht abgeholt und ich bin nicht reingekommen...Buch abgebrochen
Profile Image for Andi.
71 reviews39 followers
November 14, 2023
Sinkende Sterne hat mir besser gefallen als Herzfaden. Die Sprache war schön und ich konnte die Einsamkeit in den Bergen spüren und die vergangenen Familien, wie sie je nach Jahreszeit zwischen den Höhen hin- und hergezogen sind, vor mir sehen.

Auch wenn mir ihr Zweck nicht ganz klar ist, fand ich Serafine eine interessante und mysteriöse Figur.

Einzig die Stelle mit der "Bischöfin" wirkte arg konstruiert und überflüssig. Und das Ende fand ich auch nicht so gelungen, dafür muss man wohl mehr vom Werk des Autors gelesen haben.

Aber alles in allem war es ein schaurig-schönes Leseerlebnis.
Profile Image for Katrin Bongard.
Author 44 books26 followers
November 9, 2023
"Sinkende Sterne" von Thomas Hettche

Es ist mein zweites Buch von Hettche. "Die Pfaueninsel " war ein großer Publikumserfolg und als Berlinerin, die ganz in der Nähe der Pfaueninsel aufgewachsen ist, hätte es mich interessieren können, doch damals hat mich die umständlichen Erzählweise und das langsamen Erzähltempo aus dem Lesefluss geworfen. Doch - vielleicht war mein Leben damals einfach zu voll mit anderen Dingen. Für das Lesen von Hettche-Büchern muss man sich Zeit nehmen. Sich Zeit lassen. Nicht nur für seine (historischen) Romane, sondern auch für seine essayistisch-erzählerischen Erkundungen, mit denen er - wie es sein Verlag nennt - seine intellektuelle Autobiografie fortschreibt.

Hettche denkt viel und genau nach. Er sieht zweimal hin und verlangt das auch von der Leser:in. Wir reden gerne davon, dass die Welt sich verändert, dass eine Klimakatastrophe droht, das alles anders werden muss - aber was bedeutet das genau? In "Sinkende Sterne" entwirft Hettche eine auf den ersten Blick realistische Situation, die aber immer absurder und fiktiver wird. Ist das unserer Zukunft? Oder ein (Alb)-Traum? Auf jeden Fall bringt es unsere eingefahrenen Gedanken durcheinander und macht uns offen für neue Denkansätze. Lesen heißt bei Hettche mehr Mitdenken als sich berieseln zu lassen. Und das schätze ich.

Die Handlung ist eine interessante Mischung aus Erinnerung und Fiktion.

"Thomas Hettche erzählt, wie er nach dem Tod seiner Eltern in die Schweiz reist, um das Ferienhaus zu verkaufen, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Doch was realistisch beginnt, wird schnell zu einer fantastischen, märchen-haften Geschichte, in der nichts ist, was es zu sein scheint. Ein Bergsturz  hat das Rhonetal in einen riesigen See verwandelt und das Wallis zurück in eine mittelalterliche, bedrohliche Welt. Sindbad und Odysseus haben ihren Auftritt, Sagen vom Zug der Toten Seelen über die Gipfel, eine unheimliche Bischöfin und Fragen nach Gender und Sexus, Sommertage auf der Alp und eine Jugendliebe des Erzählers. "(Quelle: Verlag)

Schreibstil

Um es gleich zu sagen, Hettche Schreibstil ist nicht meins. Langsames Erzähltempo, eine antiquierte Sprechweise, lange Sätze. Aber es ist ein guter Stil und daher kann ich es genießen. Eine andere Sprachwelt, auf die ich mich einlassen muss und die mein Lese- und Lebenstempo erst einmal herabsetzt. Vielleicht gar nicht so schlecht, mit Hettche alles ein wenig langsamer anzugehen. Genauer hinzusehen, die Gefühlen, die manchmal unaufgefordert hervorpoppen ein wenig gründlicher zu untersuchen. Das ist ganz besonders der Fall, wenn man sich seine eigene Kindheit ansieht, wo alles einmal selbstverständlich war und im Rückblick manchmal unverständlich wird.

"Ich strich über das Lederläppchen, das der Vater eines Tages über das Schloss genagelt hatte, ich stand als Knabe dabei. Jetzt klappte ich es hoch, und es brach mürbe um die verrosteten Nägelchen herum ab. Das ist der Beweis, dachte ich. Beweis wofür? Dass es mich gibt? Vorsichtig steckte ich den Schlüssel ins Schloss, das tatsächlich nicht verstopft war und sich schließen ließ, als wäre ich nur kurz weggewesen und nun wieder zurück." ("Sinkende Sterne", S. 7)

Der Autor

Thomas Hettche ist 1964 am Rand des Vogelsbergs geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft und lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin und in der Schweiz. Thomas Hettche ist Mitglied des PEN und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Fazit

Nicht meins, aber ein Buch, für das mir sofort Leser:innen in meinem Bekanntenkreis einfallen. Ein Buch, das sich - wie alle Hettche-Bücher - leicht empfehlen lässt, denn es ist ein "Markenprodukt". Es hat den Hettche-Sound und Stil und ist mit Sorgfalt geschrieben. Seltsam, dass mir das zu einem Buch einfällt, aber ich glaube, das trifft es gut.
Profile Image for Ein_lesewesen.
83 reviews7 followers
September 23, 2023
Der namensgleiche Protagonist in Thomas Hettches neuem Buch hat seinen Job als Hochschullehrer verloren und macht sich auf ins Wallis, wo das Haus seiner Kindheit steht. Erinnerungen und Vergänglichkeit erwarten ihn im Chalet seiner verstorbenen Eltern. Doch im Ort ist man ihm nicht wohlgesonnen. Als Deutscher habe er kein Bleiberecht mehr, sein Haus würde in einer Kürze versteigert und er müsse das Land verlassen.
Irgendwie ist alles noch so, wie es war, aber eigentlich ist doch nichts mehr so. Vor einiger Zeit hat es einen massiven Bergrutsch gegeben, der die Rhone zu einem See angestaut hat und dabei etliche Dörfer versenkt hat. Alte Machtstrukturen haben sich wieder etabliert, nachdem sich das deutschsprachige Wallis vom französischsprachigen separiert hat.
Doch Hettche bleibt. Vielleicht ist auch seine alte Jugendliebe Marietta der Grund. Eine der wenigen, die geblieben ist, und nun in alter Tradition das Vieh im Sommer in die Berge treibt. Ihr folgt er für ein paar Wochen in die karge Welt der Hochalpen, wo er ihr wieder näherkommt, bei der Käserei hilft und Serafine, Mariettas Tochter, ihm Mythen der Berge erzählt.

Hettche hat mich mit seiner bildgewaltigen Sprache und kraftvollen Naturbeschreibungen durch die erste Hälfte des Buches getragen. Auch seine Erinnerungen an seine Gespräche mit seinem letzten Studenten Dschamil über die Odyssee und Sindbad mochte ich gern folgen. Etwas abgefahrener war da schon das Treffen mit einer etwas seltsamen Bischöfin. Aber dann hat er mich langsam verloren.

Auch wenn ich der Suche und dem Irren des Protagonisten oft folgen konnte, seine Zweifel an der immer schneller werdenden Zeit, die alles infrage stellt, verstehen konnte, verlor sich seine anfängliche Handlung in ausschweifenden, essayartigen Reflexionen. Immer wieder bezugnehmend auf Literatur und Kunst hätte ich wahrscheinlich unzählige Werke lesen müssen, um die Essenz dahinter zu verstehen. Ich fand es äußerst mühsam, seinen Gedanken und Ausführungen zu folgen, und habe gleichzeitig auf den Fortgang der Handlung gehofft. Doch anfänglich aufgeworfene Konflikte versanden, der Protagonist versinkt in einem Fieberwahn und schreibt lieber über Rilke.
Ich bin halt nur eine Durchschnittsleserin, und mich interessiert keine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreibprozess oder wenn er über Wittgenstein, Proust oder Lukrez doziert. Sollen sich die Literaturkritiker daran erfreuen, ich bin raus. So wurde nach anfänglicher Freude das Buch für mich leider zur Enttäuschung.
123 reviews1 follower
October 17, 2024
„Es tut mir leid, Herr Hettke, aber ich muss Sie davon in Kenntnis setzen, dass Ihre Parzelle entsprechend der gültigen Verordnung zum Umgang mit den Ausländern enteignet wird.“
 
Hettche beschreibt in seinem Roman eine Zukunft, die gar nicht so weit entfernt zu sein scheint und jede Menge Stoff zum Nachdenken liefert. Keine einfache Lektüre, sondern ein Buch zum langsamen Lesen, mit vielen Fragezeichen und Anmerkungen und auch das Gefühl es geschafft zu haben, wenn man auf Seite 224 ist.
Aus der Ich-Perspektive erzählt, erfahren wir, dass Hettke seine Dozentenstelle in Berlin verloren hat (nur noch einen Studenten) und sich im Elternhaus in der Schweiz aufhält. Sein Vater ist verstorben und er hat ihn wohl lange nicht besucht und war auch nicht auf seiner Beerdigung. Das Haus im Schweizer Kanton Wallis, welches seine Eltern vor 40 Jahren gekauft haben und in dem der Erzähler aufgewachsen ist, scheint ihm jedoch am Herzen zu liegen. Eine Naturkatastrophe (Bergsturz) hat das Tal überflutet und alle Zufahrtswege blockiert. Der Erzähler entdeckt alte Wege und verliert sich in Naturbeschreibungen der Schweizer Alpen (sehr poetisch). Fast trotzig weigert er sich, das Elternhaus zu verkaufen, obwohl alles zusammenfällt und ihm die Behörden Steine in den Weg legen. Figuren aus der walisischen Sagenwelt tauchen auf, Odysseus und Sindbad, historische Verweise bis hin zur Frage der Männlichkeit. Lauter „Sinkende Sterne“ , die ein dystopisches Bild idealisieren, in der die Vergangenheit als heile Welt dargestellt wird. Die Geschichte wird immer absurder, die Sätze länger und die Sprache antiquierter. Nur die Gedanken über die Kraft von Kunst und Literatur geben etwas Hoffnung, dass nicht alles verloren ist oder ist das ein Trugschluss? „Jeder, der liest ist Opfer eines Sirenengesangs, einer feindlichen Übernahme seines Körpers und seines Geistes durch einen Text.“ (S.148)
Fazit: Meine Leseempfehlung für einen vielschichtigen Roman, der Diskussionsstoff bietet.
Profile Image for Esther.
Author 3 books50 followers
July 22, 2025
Die Idee, dass die Rhone nach einem Erdrutsch das Rhonetal zu einem gewaltigen Stausee aufstaut, fand ich gerade vor der aktuellen Katastrophe im Lötschtal irgendwie erschreckend realitätsnah und sehr faszinierend aufgebaut.
Dann gab es aber in der Geschichte den ein oder anderen Sprung, bei denen ich erst dachte, ich hätte im Hörbuch etwas verpasst (und konnte es eben nicht wie in einem Buch mal eben zurückblättern und nachlesen). Als ich dann aber das Ende so überhaupt gar nicht mehr verstanden habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass auch die Sprünge gewollt waren und so einige Fragen offen und Fäden unvollendet blieben - was mich persönlich leider nicht überzeugt hat.
Profile Image for Blitzsche.
84 reviews1 follower
August 27, 2024
Altherrengeplapper. Gewisse Gedankengänge durchaus interessant, Ausflüge in die Literaturgeschichte. Aber mehrheitlich unfertig und teils nah an der Peinlichkeit (die konstruierte Liebesgeschichte, die Domina in der Kirche, die Nähe zum Mädchen und dem syrischen Studenten). Interessant ist die Grundkonstellation: das Wallis wird überschwemmt, das halbe Tal ist verschwunden, die alte Ständegesellschaft lebt wieder auf. Aber das wird nicht gut ausgeführt. Stattdessen zu viele, längliche Naturbetrachtungen, Möchtegern-Schlaues. Wer hat redigiert? Hat überhaupt jemand?
17 reviews
July 31, 2025
Souveräner Umgang mit der deutschen Sprache, aber was will der Autor uns sagen? Alles bleibt im Ungewissen, im Vagen. Schade.
Displaying 1 - 15 of 15 reviews

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