»Wir werden die sein, die sich wundern«: Kathrin Rögglas Roman zum NSU-Prozess »Kein Schlussstrich!« Das war die Forderung vieler Stimmen aus der Nebenklage nach dem Urteil des NSU-Prozesses. Zu wenig wurde aufgeklärt, zu viel politisch versprochen. Was genau aber passiert mit einem Prozess, um dessen Grenzen so nachhaltig gestritten wird? Wer beobachtet die dritte Gewalt bei ihrer Arbeit, wenn es um rassistischen Terror und den Angriff auf unsere Demokratie geht? Kathrin Röggla erzählt nicht in der üblichen Vergangenheitsform von einem abgeschlossenen Fall, und sie nimmt die bewusst unprofessionelle Perspektive eines »Wir« ein, das oben auf den Zuschauerrängen sitzt. Doch wer sind »wir« eigentlich, wenn jedes »Wir« durch den Prozess in Frage gestellt wird? Mit großer Genauigkeit, aber auch mit erstaunlicher Komik und Musikalität erzählt Rögglas Roman von den Rollen und Spielregeln des laufenden Verfahrens, um zu einer radikal offenen, vielstimmigen Form der Aufklärung zu kommen. Es ist ein Buch über die aktive Teilhabe all der Menschen, die das Gericht zu einem lebendigen Ort der Demokratie machen.
Longlisted for the German Book Prize 2023 A novel about the almost five year long trial against the National Socialist Underground (a neo-Nazi domestic terror organization with approx. 100-150 people associated with it, which committed at least ten murders, three bombings, and 14 bank robberies until it was uncovered in 2011)? That sounds like relevant, timely literature - and it has already garnered Röggla the Heinrich Böll Prize. But IMHO, the whole thing is aesthetically abysmal: Told from the perspective of an imagined "we" entity, made up from the spectators who follow the trial in Munich - and was Röggla actually there, or did she read some transcripts? unclear! -, the text speaks with a resigned, arrogant voice, employs the clunkiest language I have read in a long, long time, and evokes no atmosphere or feelings at all.
Now you could say that that's an accomplishment, to write about fascist murderers who slaughter innocent people while the police not only stands by, but first suspects immigrants to be the perpetrators, and then readers get really pissed off not because of what happened with the NSU, no, they get extremely upset because the narrative voice is such a pain in the ass, so self-righteous, and refrains from giving the most important information. The novel yells: "Hello, I'm socially conscious literature, accusing your typical German Hans and Annegret of being too complacent." Ironically, it's the text that is too complacent in its simplistic worldview.
For comparison, let's take Carrère's V13 about the trial against the Islamist terrorists who were responsible for the Paris attacks: This author has also followed the proceedings for months, and he empathically tells the stories of the victims and their families, he portrays the defendants and their circumstances, plus finally, he questions what the purpose and function of the judicial system is. Röggla, on the other hand, gives page after page of condescending descriptions of a blogger, a grandma, and a person named Yildiz who follow the trial, she showers us with pseudo-cool remarks regarding the general attitude of the German public and the super-lame state, and the whole self-perception that shines through is outright disgusting: When Carrère ponders how to face evil, how to serve juctice, how to live in such a world, the "we" is just awfully certain about how the world works, and thus: simple-minded, but self-assured, a deadly combination, and certainly not the author's narrative intention. But still, that is the only thing I took from the text: That the narrative voice, not the people it critiques, is imbecile. We mostly don't even hear about the crimes, the victims, the terrorists, the police, no: It's blogger Klaus, and some senior citizens, hahaha. WTF.
Yes, the language is noun-heavy, clunky, non-atmospheric, and it's almost tragic how convinced this novel is that it's, you know, ART, but the worst thing about this book that is supposed to deal with a horrific series of crimes that opens up questions about the functioning of our state, about the way we deal with German history, about the rising fascist threat, is not that this book is simply intellectually lazy, no, it is outright stupid. And it has no business being on this longlist.
Puh, eigentlich habe ich mich auf dieses Buch "gefreut", wenn man das so sagen kann, denn gerade deutsche Gerichtsdokus, -reportagen oder -geschichten finde ich mittlerweile extrem interessant. Aber bei diesem Buch habe ich beim letzten Drittel aufgegeben und nur noch quergelesen. Dabei fand ich es nicht mal ganz so schlimm, dass man ohne Insider-Wissen (wie schon hier in den JEs erwähnt) kaum mithalten kann, denn die Idee, verschiedene Prozessbeobachter:innen zu Wort kommen zu lassen, um deren Meinungen und Ansichten kundzutun, finde ich sehr interessant. Es ist ja nichts neues, dass es, egal um welches Thema es geht, alle anderen immer alles besser wissen / machen würden / einschätzen können etc. Nur leider gibt es hier wieder das Problem, dass jemand, der/die aus dem Theater kommt, ein Buch schreibt. Das hat schon bei "Mein Lieblingstier heißt Winter" nicht funktioniert. Irgendwann verschwimmt die ganze Geschichte in einem großen Sumpf, aus dem man irgendwie nicht mehr herauskommt. Das Thema hätte man besser umsetzen können. Oder anders.
Wow, NSU, was für ein Verbrechen, was für ein Skandal, was für ein Terror, was für ein Prozess! Schade, dass man in diesem Buch wenig bis gar nichts davon erfährt. Stattdessen stehen stereotype bis karikierte Zuschauer im Gerichtssaal im Fokus dieses Versuchs eines experimentellen... Romans...? Ich weiß auch nicht, ist mir aber auch egal, denn dieses Buch hat mich geärgert ums verschenkte wichtige Thema.
Kathrin Röggla hat heuer bereits den Heinrich Böll Preis der Stadt Köln gewonnen, jetzt ist mit ihrem neuen Buch für den deutschen Buchpreis nominiert und - ich hoffe das Buch schafft es zumindest auf die shortlist. Was Röggla uns hier (mich immer wieder an den Stil Jelinek erinnernd) vorlegt, ist eine wunderbare sparchlich und gestalterisch kunstvoll ausgearbeitete Aufarbeitung des NSU-Prozesses der gegen eine rechtsradikale Terrorzelle von 2013 bis 2017 in München geführt wurde. Die Rolle der staatlichen Behörden in Bezug auf die NSU-Terroristen (V-Männer waren im nahen Umfeld von Mitgliedern der Gruppe, angeblich soll eine genauere Observation sogar von höchster Stelle unterbunden worden sein) ist dabei besonders im Fokus zu sehen, diesbezügliche Akte wurden vernichtet. Und was noch hervorsticht, die terroristischen Morde, denen türkischstämmige Deutsche zum Opfer fielen wurden zuerst von der Polizei als Morde innerhalb der Community untersucht, d.h. die Familien der Opfer wurden selbst in die Nähe der Täter gebracht. Das alles muss man wissen, ich rate diesbezügliche Artikel (NSU-Prozess, NSU) in wikipedia nachzulesen. Wie Röggla (zurückgreifend auf die Dokumente von NSU-Watch - auch hierzu gibt es einen informativen Wikipedia-Artikel) das Prozessgeschehen beschreibt, aus der Sicht einer anonymen Wir-Gruppe, begleitet von Personen wie der Omagegenrechts, dem Gerichts-Opa oder auch den Blogger-Klaus ist höchst amüsant zu lesen, spannend und schlussendlich in der politischen Aussage nachdenklich stimmend, manchmal kann man da als Leser auch zornig werden. Absolute Leseempfehlung.
Literarisch stark. Leider wirklich nur verständlich für absolute NSU Prozess Insider. Die Erzählform in "Wir-Form" ist interessant gewählt, ich konnte mich im Verlauf des Buches nicht darauf einlassen. Ich persönlich habe mich stellenweise sehr gequält.
"Laufendes Verfahren" beschäftigt sich mit dem NSU-Prozess, der aus einer "wir"-Perspektive heraus betrachtet und eben nicht als abgeschlossen empfunden wird. Eine ganz tolle Idee, aber das wars auch schon für mich. Das "wir" bleibt mir ganz fremd und unsympathisch. Wirkliche Fakten oder Probleme werden kaum thematisiert, Banalen zu ausschweifend ständig wiederholt, schade
eine dokumentarische komposition aus unterschiedlichen quellen, ein versuch, das nsu-verfahren als gesamtgesellschaftliches phänomen darzustellen - die ratlosigkeit der öffentlichkeit im angesicht der selbstverliebten penibilität der justiz, der justizförmigen verweigerung einer weitergehenden aufklärungsarbeit. erzählt von einem künstlichen „wir“, in geradezu gekünstelter form, ein experiment, auf das ich mich als leser*in einlassen muss, wenn es gelingen soll. das buch versucht, das ganze unglaubliche geschehen zu erfassen, gedrängt in eine einzige zeitebene, in der alles schon passiert sein wird, in der es dennoch unmöglich bleiben wird, tatsächlich geschehenes und juristisch als geschehenes festgestelltes zusammen zu bringen. weil es in unterschiedlichen welten existiert. dieses buch ist weniger ein buch über den nsu-prozess als ein buch über die gesellschaft, die den nsu-prozess hervorgebracht hat, ihn begleitet hat, in ihm nicht stattgefunden hat, ausser als (potentiell störender) beobachter, sich irgendwann ratlos abwendender beobachter, trotzdem wieder hinschauender, ratloser beobachter. es ist weniger ein roman als eine kunstvolle collage aus beobachtungen anderer, die eingeordnet, hinterfragt und mit anderen beobachtungen anderer zusammengeführt werden. was sich ergibt ist das bild eines nicht abgeschlossenen, eines trotz hesprochenem urteil noch laufenden verfahrens der austariering von rechtsstaat und gesellschaft.
wie das so ist, bei büchern, deren inhalt bzw. ausgang den lesern schon vorher bekannt sind: die faszination ergibt sich aus der herangehensweise, dem durchaus gelungenen versuch, der weiterhin fragenden gesellschaft eine stimme zu geben. denn es ist nicht vorbei.
In einer Gemeinschaft als Publikum erlebt man als Leser wie die Atmosphäre und Diskussionen am Rande des NSU-Prozesses hätten sein können. Als Zuschauer ist man eher passiv, im Nebel von Unwissen, im Dunstkreis von Übelkeit und Unbehagen, und in einem Gefühl von Nichts. Das alles präsentiert in ca. 200 Seiten. Ich fand, dass der Anfang wirklich gut gemacht war, man sitzt mittendrin, aber ist doch nicht involviert. Es zieht sich und eine befriedigende Lösung ist weit weg. Jeder kommt zu Wort (manche mehr und manche weniger) und es plätschert dahin. Schwierig zu lesen war es nicht, aber ich frage mich, worauf die Geschichte abzielt. Um den NSU-Prozess aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, war es OK, aber leider blieb der Roman für mich eher oberflächlich. Vielleicht soll es genau das vermitteln, aber trotzdem hat mir ein Höhepunkt, eine neue Konkretheit oder der stechende Schmerz gefehlt.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Dies ist das 12. Buch, das ich von der Longlist des deutschen Buchpreises 2023 lese und das erste, das mich enttäuscht hat. Der Stil (überwiegend erzählt aus der „wir“-Perspektive von Beobachtern des NSU-Prozesses in München) hätte mich gar nicht so sehr gestört, wenn es entsprechenden Inhalt gegeben hätte. Denke, der Sinn des Buches erschließt sich nur demjenigen, der mit allen Informationen um die Taten, die Ermittlungen und den Prozessverlauf bereits detailliert vertraut ist. Also ein Buch für Insider - ich war da leider raus. Sehr schade.
Bei "Laufendes Verfahren" wird der Leser auf die Zuschauertribüne im NSU-Prozess gesetzt. Dabei begleiten uns Leser diverse Figuren, die den Blickwinkel auf die Geschehnisse durch ihre Perspektiven erweitern. Besonders die Wir-Sicht des Erzählers wird gekonnt umgesetzt. Das Buch eignet sich für alle, die den NSU-Skandal von der Seite aus verfolgt haben. Es ruft uns Fakten in Erinnerung und lädt zum Reflektieren ein. Der Leser muss aber Vorwissen mitbringen.