In seinem neuen Buch erzählt Uwe Timm von seinen Lehrjahren als Kürschner im Hamburg der Fünfzigerjahre. Von kuriosen Erlebnissen im Beruf und der Welt der Mode, von besonderen Freundschaften und den Büchern, die sein Leben verändert haben.
Hamburg 1955 – der noch 14-jährige Uwe wird von seinem Vater, dem Inhaber eines Pelzgeschäfts, in die Kürschnerlehre gegeben. Im Takt der Stechuhren lernt der junge Mann die kreative Präzision, die das heute fast ausgestorbene Handwerk erfordert, schult den Blick für das Material, die Kundinnen, die Tücken und Geheimnisse dieser Kunst. Er lauscht den Geschichten der Kollegen, schließt Freundschaften, bekommt Bücher empfohlen, entdeckt die Stadt und den Jazz. Der Lehrling, der vom Schreiben träumt, liest heimlich im Sortierzimmer Salinger und Camus, begleitet den »roten Erik« auf die Reeperbahn, erkundet mit dem Kollegen Johnny-Look, reichlich schüchtern noch, die Liebe, wird von Meister Kruse politisch initiiert und streitet sich nun umso intensiver mit dem Vater über die NS-Zeit.
Inzwischen ist auf dem Pelzmarkt ein Preiskampf ausgebrochen, das Kürschnergeschäft der Familie floriert nicht mehr, und als der Vater plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt, muss der 18-Jährige ein völlig überschuldetes Geschäft sanieren. Die harte Arbeit und die großen Sorgen bringen ihn nicht ab von der Vorstellung eines ganz anderen Lebens.
Ein großartiges Buch der Erinnerungen und des Aufbruchs, präzise und poetisch. Ein sprechendes Zeitbild, ein Initiationsroman der Liebe, des Lesens, des Arbeitens und Träumens.
Uwe Timm was the youngest son in his family. His brother, 16 years his senior, was a soldier in the Waffen SS and died in Ukraine in 1943. Decades later, Uwe Timm approached his relationship with his father and brother in the critically acclaimed novel In my brother's shadow.
After working as a furrier, Timm studied Philosophy and German in Munich and Paris, achieving a PhD in German literature in 1971 with his thesis: The Problem of Absurdity in the Works of Albert Camus. During his studies, Timm was engaged in leftist activities of the 1960s. He became a member of the Socialist German Student Union and was associated with Benno Ohnesorg. From 1973 to 1981 he was a member of the German Communist Party. Three times Timm has been called as a writer-in-residence to several universities in English-speaking countries: in 1981 to the University of Warwick, in 1994 to Swansea and in 1997 to the Washington University in St. Louis. He has also been a lecturer at universities in Paderborn, Darmstadt, Lüneburg and Frankfurt.
Timm started publishing in the early 1970s and became known to a larger audience in Germany after one of his children's books, Rennschwein Rudi Rüssel, was turned into a movie. Today he is one of the most successful contemporary authors in Germany. His books Die Entdeckung der Currywurst (The Invention of Curried Sausage) and Am Beispiels meines Bruders (In my brother's shadow) can both be found on the syllabi of German schools. His readers usually appreciate Timm's writing style, which he himself calls "die Ästhetik des Alltags" ("the aesthetics of everyday life"). Timm imitates everyday storytelling by using everyday vocabulary and simple sentences and generally tries to imitate the way stories are orally told. His works often indirectly link with each other by taking up minor characters from one story and making this character the main character of another work. For example, a minor character like Frau Brücker from Johannisnacht is taken up as a main character in his book Die Entdeckung der Currywurst. Timm's works also tend to have autobiographical features and often deal with the German past or are set in the German past.
Dieses Buch liest sich wie der Beginn einer erzählten Autobiographie Uwe Timms. Es umfasst seine Zeit als Kürschnerlehrling, Angestellten und schließlich, nach dem überraschenden Tod des Vaters, als Inhaber eines eigenen Pelzgeschäfts, bis hin zu seiner Abreise nach Braunschweig, um sein Abitur nachzuholen und zu studieren. Verwoben damit sind Lektüreerfahrungen, die das aus unserer Gegenwart sprechende Ich sowohl aus damaliger als auch heutiger Perspektive einordnet. Die entflammende Liebe zur Literatur und zur Sprache zieht sich ebenso als roter Faden durch die Erinnerungsfragmente wie die sich allmählich fügende Poetik des Schriftstellers Uwe Timm. Die titelgebenden Geister sind sowohl die den Autor beeinflussenden Bücher als auch die handwerkliche Herangehensweise an die Literatur, die aus seiner Zeit als Kürschner stammt. Das Buch ist vieles und driftet trotz seiner thematischen Vielfalt nicht zu weit auseinander, Timm gelingt es, seine eigene Coming of Age-Geschichte mit präzisen Beobachtungen, einer Liebeserklärung an die Literatur und der vorsichtigen Entwicklung einer im Handwerk gegeründeten Poetik zu verknüpfen.
Erinnern ist ein merkwürdiges Vergessen. Erinnerungen des eigenen Lebens ab dem Alter von fast 15 Jahren werden aufgeführt, detailliert beginnend mit den Lehrjahren als Kürschner bei Erich Levermann in Hamburg. Von dem Beruf hätte der Autor nicht mehr leben und keineswegs eine Familie ernähren können, wie er selbst erwähnt. Gespräche mit Kollegen und ihm erzählte Geschichten, empfohlene und geschenkte Bücher bereichern seinen Alltag, an denen er vom Schreiben träumt. Detailliert wird eingegangen auf seine geschätzte Buchsammlung internationaler Autoren wie Kafka, Camus, Brecht, Miller, Salinger, Bachmann, Mann etc. und ergänzt durch seine Gedanken zu vielen Werken, die sein Leben mit beeinflusst haben. Seine Erlebnisse mit Freunden privat und beruflich lassen auch die politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg einfließen. Das innige Verhältnis zu Büchern, zum Lesen und Schreiben ist eindringlich spürbar. Karlheinz Stockhausen mit Gesang der Jünglinge im Feuerofen, Miles Davis und Free Jazz entdeckt der junge Autor. Seine Jugendjahre enden am Braunschweig- Kolleg, wo er in zwei Jahren das für sein Studium notwendige Abitur nachholt. Der autobiographische Text ist zwar interessant, wirkt aber besonders durch die kursiv geschriebenen Einflechtungen zu von ihm geschätzter Literatur fragmentiert, bruchstückhaft.
Uwe Timm ist ein genialer Autor und dies hier ist seine eigene Geschichte. Er hat den Beruf des Kürschners in Hamburg erlernt und als sein Vater früh verstirbt, soll er den Betrieb übernehmen. Gleichzeitig erzählt er von seinen Büchern, die er gerade liest bzw. damals gelesen hat. Grandios! Note: 2+
Eine Kombination aus persönlicher Geschichte und dem kulturellen Hintergrund der Nachkriegszeit in Deutschland. Er wechselt zwischen der Perspektive des jungen Kürschners und des älteren Autors, der auf sein Leben zurückblickt. Gefallen haben mir die Reflexionen über die Bücher, die ihn geprägt haben, und die Einblicke in sein Handwerk.
Als Hörbuch grossartig von Gert Heidenreich gelesen, eröffnet es den Einblick in eine mir ganz unbekannte Welt: der Beruf des Kürschners. Und mit jedem Pelz ist eine Geschichte verwoben und dazu die Biografie von Uwe Timm.
[Rezension bezieht sich auf die Hardcover-Ausgabe]
Uwe Timm ist in gewisser Weise für die „alte“ BRD das, was Christoph Hein für die DDR war und ist: Ein Chronist nicht nur der Ereignisse und Entwicklungen im Land, sondern viel mehr noch ein Chronist der Befindlichkeiten. Ein Seismograph gewisser Stimmungen – vor allem was die jüngere Vergangenheit betrifft, beginnend mit den Studentenrevolten 1967/68. Denn das war seine Zeit, denen gehörte er, der eigentlich zu alte, weil zu früh Geborene (1940), an. Schon seit Kolleg-Zeiten in Braunschweig mit Benno Ohnesorg befreundet, geriet Timm wirklich nah an die zeitgeschichtlichen Ereignisse, war Ohnesorg doch eines der ersten Opfer in einem zusehends radikaleren Kampf zwischen den Studenten und der Staatsmacht. In HEISSER SOMMER (1974), seinem ersten Roman, schrieb Timm geradezu exemplarisch über das Lebensgefühl dieser Generation. Deren Beobachtung und Untersuchung setzte er mit KERBELS FLUCHT (1980) und ROT (2001) später fort. Mit seinem Roman DIE ENTDECKUNG DER CURRYWURST (1993) untersuchte Timm anhand der Geschichte von Lena Brücker, die jahrzehntelang eine Imbissbude in Hamburg betrieb, aber auch die Frühgeschichte der Bundesrepublik in den unmittelbaren Nachkriegs- und den Wirtschaftswunderjahren. So erschuf der Autor im Laufe seines schriftstellerischen Schaffens nach und nach ein Kaleidoskop bundesrepublikanischen Lebens und bundesrepublikanischer Veränderungen.
Der mittlerweile Vierundachtzigjährige hat – vielleicht als Abschluss und Vermächtnis seines Werks, obwohl man hofft, noch einige Werke aus seiner Feder geliefert zu bekommen – mit ALLE MEINE GEISTER (2023) ein autobiographisches Buch vorgelegt, in dem vieles kulminiert, was er zuvor in seinen Romanen beschrieb. Hier legt einer geradezu poetisch, lyrisch, Rechenschaft ab über die Quellen und Wurzeln seines Schreibens, seiner Kreativität. So erzählt er nicht nur aus seinen frühen Jahren in Hamburg, von der vom Vater so bestimmten Lehre zum Kürschner, betrieb der doch ein Pelzgeschäft, von den frühen Freundschaften und ersten Lieben, sondern vor allem von jenen Werken, jenen Büchern, den Texten, die sein Leben bestimmt, die seinen Geist erweitert, sein Denken geprägt haben. Lebensbücher.
Der junge Uwe Timm erlebt eine regelrechte Éducation sentimentale, ein Coming-of-Age mit verschiedenen ihn beeinflussenden Vorgesetzten, Freunden und Kolleginnen, die ihn geistig, politisch und emotional „bilden“. Fast ist dies also ein klassischer Bildungsroman, allerdings beschreibt Timm sein eigenes Leben. Das ist vor allem immer dann spannend, wenn er von den ihn prägenden Büchern erzählt – und zugleich verständlich macht, weshalb einige davon für eine ganze Generation so wesentlich waren. Ein Buch wie DER FÄNGER IM ROGGEN, noch bis weit in die 80er Jahre hinein Pflichtlektüre aller gymnasialen Mittelstufen und für jene Generation, die, noch im Krieg geboren, vor allem die 50er Jahre als muffig, angestaubt und sehr, sehr konservativ erlebte und die die Erzählungen des Holden Caulfield, vor allem aber die Sprache, die Autor J.D. Salinger ihm angedeihen ließ, wie eine Befreiung empfand.
Doch sind für den noch sehr jungen Timm vor allem die Werke Dostojewskis – allen voran dessen Groß-Roman DER IDIOT – prägend. Wie der Fürst Myschkin den gewaltsamen Tod der Geliebten Nastassja, die von dem Kaufmann Rogoschin getötet wird, erlebt und verarbeitet, wie hier Wahnsinn als möglicher Ausweg aus einer nicht mehr erträglichen Wirklichkeit etabliert wird, wie Dostojewski die Kategorien von „normal“ und „krank“ – auch durch Myschkins Epilepsie – verhandelt und dekonstruiert, all dies öffnet Uwe Timm ein weites Feld geistiger Haltungen, Eintritte in eine für einen doch noch jungen Menschen weite, unbegreifbare Welt. Später waren es Bücher wie Camus´ DER FREMDE, Lyrik von Gottfried Benn oder Texte von Walter Benjamin, die Timm tief beeindruckten und sein Denken, aber eben und vor allem auch sein Schreiben, sein künstlerisches Schaffen geprägt und bestimmt haben.
Auch seine politische Bildung erlebte Timm in diesen Jahren. Das Erfassen der jüngsten Vergangenheit, der Schrecken, der Verbrechen und der Verstrickung der Deutschen als Ganzes in diese Vergangenheit, wurden ihm durch Kollegen, seine Ausbilder, die Gesellen in der Firma, wo er in die Lehre ging, nahegebracht. Allerdings hatte Timm einen sehr viel älteren Bruder, der im Krieg gefallen war. So war es auch eine Neujustierung, denn in der Familie waren es der Verlust, der Schmerz, über den wenig gesprochen wurde, die die Erinnerung und die Wahrnehmung des Krieges bestimmten. Für spätgeborene Rezepient*innen erstaunlich, wie sehr bei der politischen Willens-Bildung, wie für das Erkennen dessen, was sich da abgespielt hatte in den unmittelbaren Jahren zuvor, ein heute nur noch für Historiker wirklich interessantes Buch wie Eugen Kogons DER SS-STAAT eine Rolle gespielt hat. Auch das also ein Lebensbuch, ein für Timm wesentliches Werk.
Es entsteht durch Timms Erinnerungsarbeit, durch sein Erzählen, sein Reflektieren, nicht nur ein besonderes Bild seines eigenen Lebens, sondern eben auch das einer Generation, die sich schließlich aufmachte, die Republik nach und nach zu verändern. Spätestens mit den Studentenunruhen der späten 60er Jahre, für die Timm, wie bereits eingangs erwähnt, eigentlich schon ein wenig zu alt war, wurde das Land liberaler, pluraler, bunter – all das, was heute wieder angegriffen und von reaktionärer Seite in Frage gestellt wird.
Es entsteht aber auch – und das Wechselspiel der unterschiedlichen Ebenen macht dieses Buch dann so besonders – die Geschichte und die Reflektion einer Künstlerbiographie, einer schriftstellerischen Karriere. Das ist allgemein gültig und als solches interessant; fesselnd aber wird die Erzählung des künstlerischen Werdens als spezifische, individuelle Entwicklung eines jungen Mannes, der früh weiß, dass er schreiben möchte, dass er selbst vom Menschen erzählen und für Menschen erzählen will. Und dieser junge Mann entwickelt diesen kreativen Prozess dann auch aus dem erlernten Handwerk und begreift zunächst auch den künstlerischen Prozess als Handwerk. Mit Walter Benjamin erklärt Timm seinen Lesern, wie sich das Erzählen einst – als rein orale Handlung, als Sprech-Akt – bei der Arbeit entwickelte. Es wurde bei der Arbeit erzählt und es wurde von der Arbeit erzählt. War dem so? Gleich – die Art, Timm es erklärt, wie er in diesem Fall auf Benjamins Essay DER ERZÄHLER rekurriert, wie er aus seinen Lebenslektüren Erklärungen und Begründungen ableitet, macht ein gut´ Teil dieses Buchs aus. Es macht Spaß, den intellektuellen Entwicklungen dieses Schriftstellers zu folgen.
Es gibt aber eine weitere Ebene in diesem Buch – und das ist die des Erinnerns. Timm erklärt immer wieder, wie er sich während des Schreibprozesses bemüht, Namen, Ereignisse, einzelne Situationen zu rekapitulieren und wie dies nicht immer gelingt. Und in dieser Erinnerungsarbeit – Privileg eines älteren Schriftstellers/Künstlers ist auch, einzelne Werke, hier anhand eines Gedichts von Gottfried Benn, in den verschiedenen Zeitebenen seiner Rezeption zu reflektieren, denn ein junger Mann liest ein solches Gedicht anders als ein Mann in den mittleren Jahren und der wiederum anders als ein alter Mann und so wird auch die Rezeption selbst zu einer Erinnerung, immer abgeglichen gegen die gegenwärtige Rezeption ein und desselben Werks – glimmt dann auch eine gewisse Melancholie auf, wenn Timm immer wieder davon berichtet, wie man Menschen, die man einst kannte, die wichtig waren im eigenen Leben, aus den Augen verliert. Sogar Freunde von einst.
Und so durchdringen sich in diesem wunderbaren Buch, anders kann man es nicht beschreiben, immer wieder persönliches Erleben, die eigene Geschichte, die Historie und der geistige Horizont, der sich in einem, in diesem, Leben immer erweitert hat und immer weiter wurde. Dem zu folgen auf leider nur schmalen knapp 280 Seiten, ist ein wunderbarer Lesegenuss, es ist eine Freude, wie Timm seine Leser mitnimmt und teilhaben lässt an der eigenen Erinnerung und dem eigenen Er-Leben. Gelegentlich verliert er sich vielleicht ein wenig in all diesen Ebenen, schachtelt Geschichte in Geschichte und es mag so erscheinen, als verlöre er den Fokus – aber dann merkt man, dass eben auch genau das zum Leben und Lesen gehört: Das Mäandern, das freie Assoziieren und das Sich-Verlieren. Man kann nur hoffen, dass Uwe Timm die Kraft (und die Zeit) findet, in Folgebänden von seiner weiteren Entwicklung zu berichten.
Uwe Timm ist ein großartiger Erzähler und beim Hörbuch passt die Stimme von Gert Heidenreich einfach perfekt!!!
Der Autor erzählt von seiner Jugend in Hamburg. Damals widersprach eine Legasthenie einer weiterführenden Schulbildung und so erwog der Vater für den Sohn eine Ausbildung zum Kürschner. Uwe Timm schildert die Umstände während der Ausbildung, wie der Umgang mit einem so kostbaren Material die Arbeit prägte. Er erzählt von den Menschen, denen er während dieser Zeit begegnet ist. Er erzählt aber auch von den Büchern, die auf ganz unterschiedliche Weise ihren Weg zu ihm gefunden haben. Die erste Liebe, der frühe Tod seines Vaters, die Rettung des elterlichen Betriebes füllen in Windeseile die Seiten und man kann gar nicht genug kriegen von den bewegten Jahren dieses jungen Mannes in den 50er und 60er-Jahren. Wieder einmal überzeugt der Autor mit schöner Sprache.
Uwe Timm erzählt sehr sachlich über „das Kind“, das mit seinen Eltern ins zerbombte Hamburg zurückkehrte und bereits in der Nachkriegszeit vorgelesen bekam. Auch als Kürschnerlehrling wird der junge Mann in jeder freien Methode lesen, angeregt u. a. durch seinen Ausbildungsmeister und Betriebsrat Kruse im Kürschnerbetrieb Levermann. Die Kürschnerei beschäftigte in den 50ern stolze 60 Angestellte, deren Ansehen einer strengen Hierarchie unterlag. In den Arbeitsräumen saßen die Meister vorn, dahinter in absteigender Reihe die fachlich versierten Gesellen und weiter ging es mit Lehrlingen streng nach Leistung. Geprägt war der gegenseitige Respekt u. a. durch militärische Ränge, die einige Kollegen aus dem Krieg mitbrachten. Kruse war bereits im Zweiten Weltkrieg für unabkömmlich erklärt worden und die Firma Levermann hätte ohne dessen fachliches Können noch immer nicht existieren können. Auch wenn Uwe Timm von Diskussionen mit unterschiedlichsten Kolleg:innen geprägt wurde, ragt Kruse heraus, indem er dem 15-Jährigen gezielt Bücher schenkte, ihn aber nie zu werben oder für seine Weltanschauung zu indoktrinieren versuchte.
Außer Timms persönliches Erleben seiner Lehrzeit ab 1955 und der folgenden Entscheidung, am Braunschweig-Kolleg das Abitur nachzuholen, bietet er ein eindrucksvolles Bild der 50er Jahre. Wie stark die deutsche Nachkriegsgesellschaft und ihre Werte durch die duale Ausbildung im Handwerk geprägt werden, erstaunt mich immer wieder. Auch wenn die Erziehung zum Staatsbürger im Handwerk längst an Bedeutung verloren haben mag, unterscheidet die Beziehung zwischen Ausbilder und Auszubildendem Deutschland vom Rest der Welt. Uwe Timm boten die Gespräche, die neben der manuellen Arbeit z. B. über Aufrüstung, Atomwaffen und alte Nazis auf neuen Posten geführt wurden, die Gelegenheit sich vom Vater abzugrenzen.
Beeindruckend finde ich in diesem knappen biografischen Text, wie viele von Timms Kontakten intensiv lasen und sich über Bücher austauschten. Objektiv wurde in den 50ern länger gearbeitet als heute, Hausarbeit war zeitraubender und doch fanden seine Kollegen und Freunde Muße zum Lesen. Deutlich wird auch der Übergang von der Nachkriegszeit, in der man einfach zupackte (Uwe Timms Vater, der im Bombenschutt eine Ledernähmaschine findet und „einfach“ ein Geschäft eröffnet) und den deutlich bürokratischeren Wirtschaftswunderjahren (der Sohn, der zum Ausbilden Meisterbrief und Ausbilder-Schulung vorlegen müsste).
„Alle meine Geister“ umfasst die Jahre 1955-60, Timms Lehrzeit bis zum Beginn des Kollegs, auf dem Erwachsene mit abgeschlossener Ausbildung die Hochschulreife erwerben können. Wer Timms Romane gelesen hat, wird markante Abschnitte seiner Biografie wiedererkennen, jedoch genügend unbekanntes Material finden über einen entscheidenden Lebensabschnitt, sprachlich rund, ohne ein überflüssiges Wort.
I was hoping for a personal perspective of post-war Germany from the point of view of a young person - and to some degree that's what this book was and I enjoyed those passages, but a lot more of it focused on the art of making fur coats (not a topic I'm particularly interested in myself) and on reviews of literature that was personally relevant to the author (also not really what I was here for). Also the narrative structure is very confused, jumping back and forth in time in a way that makes it very hard to follow.
Sehr literarisch! Man erfährt viel über seine Lehrjahre in und auch über die Kürschnerei. Aber die literarischen Ausführungen über die Bücher, die er gelesen hat, sagen einem nichts, wenn man diese Bücher nicht kennt oder vor langer Zeit gelesen hat. Man müsste sie parallel lesen.
Eine sehr autobiografische Geschichte über die Zeit des Heranwachsens, in einer Kürschnerlehre, die Selbstfindung und den Beginn des Schreibens… Viele Selbstzitate… eine kleine feine nicht allzu bewegende Geschichte!
Ein wunderbares Buch, das auf prägende Lektüren, Erlebnisse und Menschen in der späten Jugend des Autors zurückblickt und so dazu anregt, die eigene (Lese-) Biographie zu betrachten.