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Eher disparate Gedanken als eine Rezension
Ich will kein Hater sein, zumal ich auf eine komische Art und Weise sogar beinahe mit der Autorin sympathisiere (es ist vermutlich einfach Mitgefühl? Idk). Aber es grenzt an eine Unverschämtheit, wie Sophie Passmann dem Leser ihre persönlichen Verletzungen und Komplexe als allgemeingültige Lebensrealität einer jeden Frau verkaufen möchte und gleichzeitig darauf beharrt, dass das Buch keinesfalls autobiographische Züge trage. Es macht mich wahnsinnig, wenn Leute „man“ schreiben, aber ganz eindeutig „ich“ meinen. Viele Aspekte der Schilderung ihrer Jugend, insbesondere die Essstörung und das tief sitzende Unbehagen im eigenen Körper fand ich sehr traurig und auch berührend und ich halte es prinzipiell für wichtig, gemeinsame Aspekte der kollektiven Zurichtung von Frauen (und Männern) in unserer Gesellschaft herauszustellen. Der Denkfehler besteht darin, dass eine sich relativ gleichende Sozialisierung eben nicht zwingend zur Herausbildung einer identischen Symptomatik führt - fast alle Menschen (in diesem Fall und ohnehin vor allem Frauen) leiden, aber eben nicht alle auf die exakt gleiche Art und Weise wie die Autorin. So kenne ich genügend Frauen, die ihren Selbstwert eben nicht wie von Passmann vorausgesetzt primär an männliche Bestätigung knüpfen, sondern an andere ungesunde Ideale wie das Erbringen konstanter Leistung, die Anerkennung im Beruf oder das Aufopfern und Zurückstellen eigener Bedürfnisse zur Versorgung anderer. Oder eben auch an nichts dergleichen, denn auch im Patriarchat existieren Frauen, die einen stabilen Selbstwert aufweisen und die mehr oder minder brutale Durchsetzung des Geschlechterverhältnisses zumindest halbwegs unbeschadet überstehen. Passmann dagegen stülpt ihre Unzufriedenheit allen anderen Frauen über, indem sie in der ersten Person Plural suggeriert, dass es ein weibliches Naturgesetz sei, andere Frauen aufgrund ihrer Attraktivität abzuwerten. Und ob sie es nun glauben mag oder nicht: Ich kenne einige Frauen, die tatsächlich sehr gern skaten und das nicht bloß, weil sie bei Männern Eindruck schinden wollen.
Die Autorin präsentiert unterdessen primär Frauen als Mängelwesen, während eine Kritik an Männern und Männlichkeitskonstruktionen bemerkenswert wenig Raum einnimmt. Hier frage ich mich, ob die eigene Unsicherheit und Defizitorientierung eine Analyse des diese produzierenden Subjekts verunmöglicht, weil die Autorin trotz aller demonstrativen Distanzierung den Anschein erweckt, Männer als inhärent überlegene, erhabene Geschöpfe wahrzunehmen, während andere Frauen sie nicht sonderlich zu interessieren scheinen. Sie spricht es in Bezug auf unsere Gesellschaft sogar aus: Männer sind Passmann zufolge heutzutage deutlich interessanter als Frauen. Wie sie darauf kommt, ist mir völlig fraglich - als (homosexueller) Mann empfinde ich es genau andersherum. Statt ein eigenes Begehren zu beanspruchen, dreht sich der ganze Text dann um den eingepflanzten Wunsch, begehrt zu werden bzw. schlicht und ergreifend die Befriedigung männlichen Begehrens. Das geht so weit, dass Passmann sich rückblickend sogar zu einer Sehnsucht nach sexueller Belästigung durch Männer bekennt, weil das Ausbleiben dieser zu einem Gefühl der Unzulänglichkeit (platt gesagt: einem mangelnden sense of fuckability) geführt habe. Zwar wird dieser Wunsch problematisiert und kritisch eingeordnet, ich fand es trotzdem furchtbar deprimierend und verstörend.
Männer sind für die Autorin omnipotente Halbgötter, Frauen dagegen kuschende Zwischenwesen, denen als ewige Untertanen kein Handlungsspielraum für irgendeine Form der Selbstwirksamkeit bleibt. Übrigens bin ich als Mann zu Passmannns vermutlichem Erstaunen ebenfalls nicht in der Lage dazu, ein Fahrrad zu reparieren oder eine Lampe ordentlich anzubringen, einfach weil ich erstens nicht mit handwerklichem Geschick gesegnet bin und mich Reparaturen und Technik zweitens nicht im Geringsten interessieren. Und warum in ihrer Utopie Frauen in Bars süße Drinks bestellen, während Männer Bier saufen, habe ich nicht begriffen. Das kann keine Utopie sein, denn das ist größtenteils die Realität. Dass die Autorin über eine verzerrte Wahrnehmung verfügt, wird auch deutlich, als sie von ihrem Zusammentreffen mit einer Gruppe weiblicher Teens erzählt. Ich war zwar nie ein 14-jähriges Mädchen, aber dafür ein 14-jähriger Junge und ich garantiere Passmann, dass die allermeisten Jugendlichen eine durchschnittliche 30-Jährige nicht mal registrieren. Es tut fast weh, ihr dabei zuzuhören, wie sie ihre tiefgreifende Verunsicherung auf Teenagermädchen projiziert, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit ihren eigenen Problemen hinlänglich beschäftigt sind. Mein eigener Selbstwert ist nicht gerade bemerkenswert stabil, aber ich kann mir kaum vorstellen, wie es sich anfühlt, sich von jeder Gruppe pubertierender Kids eingeschüchtert zu fühlen - genausowenig teile ich allerdings Passmanns Bedürfnis, diese Kinder als Abwehrmechanismus süffisant in vorgefertigte Kategorien zu pressen und sich ihnen dadurch überlegen zu fühlen.
Ich muss auch weiter auf das verzerrte Männerbild der Autorin zu sprechen kommen, anhand dessen sie sich als potenziertes Opfer des Patriarchats erweist: Passmann scheint ernsthaft davon überzeugt worden zu sein, dass die allermeisten Männer tatsächlich selbstbewusst, gelassen und komplett mit sich im Reinen sind - ein Trugschluss, der aber eine notwendige Bedingung für den Umstand darstellt, dass Männer Frauen fortwährend unterdrücken. Ich möchte an dieser Stelle keinesfalls insinuieren, dass Männer es als Kollektiv genauso schwer hätten wie Frauen oder den gleichen Leidensdruck empfänden - sie sind ganz offenkundig trotz vieler furchtbarer Einzelschicksale unterm Strich die Profiteure der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Aber sehr viele Männer sind eben genau wie Passmann tief verunsichert, verstört, von Selbstzweifeln geplagt oder von Selbsthass zerfressen. Durch die unverhohlene Idealisierung männlicher Subjekte degradiert sie sich selbst und mit sich alle anderen Frauen zu reinen Komplementen, die ein Leben lang dazu verdammt sind, als ewige Konkurrentinnen um männliche Aufmerksamkeit zu buhlen und bloß auf Kosten anderer Frauen (eben als Pick Me Girls) dazu in der Lage sind, sich als gleichwertig zu behaupten. Abgesehen davon, dass lesbische Perspektiven in dieser Analyse keinen Raum finden, sitzt sie hier einem verhängnisvollen Missverständnis auf, indem sie eine universelle Gemeinsamkeit der Geschlechter im Kapitalismus negiert: Das kollektive menschliche Unbehagen und der damit einhergehend fragile Selbstwert eines Großteils der Individuen in einer Leistungsgesellschaft, in der man sich dem ständigen Aufwärtsvergleich mit anderen kaum entziehen kann und einer alle Strukturen durchdringenden Verwertungslogik unterworfen ist.
Die Tragik des Buchs liegt letztlich darin, dass die Autorin sich nicht bewusst zu sein scheint, dass ein immer wieder aufs Neue stattfindender Aushandlungsprozess, der zwangsläufig in einer stetigen Kompromissfindung zwischen dem eigenen Ideal und den äußeren Anforderungen mündet, einen integralen Bestandteil des Lebens in einem System darstellt, das nicht gänzlich mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmt. Es ist nicht verwerflich, sich als Individuum dem damit eingehenden Druck nicht gewachsen zu fühlen und seinen eigenen Ansprüchen nicht dauerhaft gerecht zu werden, sich also den omnipräsenten, in allen Sphären waltenden Zwängen zu beugen und in eine passive, affirmative Rolle zu fügen. Es ist allerdings falsch und unehrlich, diese unliebsamen Kompromisse schönzureden oder sogar - wie von Passmann selbst thematisiert - zum feministischen Akt umzudeuten. Sich ohne umgehende Selbstkasteiung einzugestehen, dass man sich nun gerade nicht einwandfrei feministisch verhalten hat, weil man es einfach nicht geschafft hat, obwohl man weiß, wie scheiße das alles ist, ringt mir deutlich mehr Anerkennung ab als eine pseudosouveräne Rechtfertigung reaktionärer Handlungen.
Trotz der im Buch formulierten Choice-Feminismus-Kritik räumt Passmann nämlich etwa ein, sich Schönheitsoperationen unterzogen zu haben. So sehr ich ihren individuellen Leidensdruck anerkenne und so sehr sie ihre Entscheidung selbstkritisch als schmerzhaftes Resultat einer misogynen Gesellschaft einordnet, erweist sie damit anderen Frauen einen Bärendienst. Passmanns Feminismus ist letztlich egozentrisch und individualistisch (was ziemlich ironisch ist angesichts ihrer Gemeinsamkeiten betonenden Sprache), er orientiert sich nicht stringent an Frauen als sozialer Klasse und ist deshalb meines Empfindens nach kaum emanzipatorisch. Im Buch stecken natürlich auch viele solide Passagen, die in meiner Rezension zu wenig Erwähnung fanden, weil sie zwar klug sind, mir aber teils auch ein bisschen redundant erschienen. Mir gefiel etwa der Abschnitt zu Kaufsucht und Modefokus. Es fehlt allerdings an einem roten Faden, einer Chronologie oder irgendeiner Art logischer Abfolge, die das Buch über den Status einer willkürlich aneinander gereihten, geistreich kommentierten Anekdotensammlung herauswachsen lässt. Hätte sie einfach ihre Memoiren als Essays publiziert, wäre das Resultat stimmiger gewesen. Sophie Passmann ist eine intelligente Person, davon zeugen ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihre Abstraktionsfähigkeit. Ich zolle ihr Respekt dafür, sich der Welt offenbart zu haben. Nun wäre jedoch eine überfällige, ehrliche Selbstreflektion an der Reihe, dann wird das nächste Buch möglicherweise besser.
PS: Hot Take. Ich glaube ja, dass Passmanns Kernproblem eigentlich ein anderes ist, oder fairer formuliert, dass ein weiterer innerer Konflikt sie nicht loslässt. Sie wäre gern cool, ist aber eher kontrolliert und nerdig und neigt zum Cringe. Das ist absolut in Ordnung und könnte sogar lässig sein, würde sie ihre Verschrobenheit selbstbewusst annehmen, statt sich in eine gekünstelte Ungezwungenheit zu flüchten. Denn Coolness ist leider nicht erlernbar - entweder man besitzt sie (Marlene Dietrich, Chloë Sevigny, Jane Birkin, PJ Harvey, David Bowie, Debbie Harry, Siouxsie Sioux, Joan Didion, Helen Mirren, Marianne Faithfull, Robert Mapplethorpe, Nico, Marlon Brando, Alain Delon, Lou Reed, Aubrey Plaza, Kate Moss, meinetwegen auch Billie Eilish oder Harris Dickinson) oder halt nicht (Thomas Gottschalk, Jan Böhmermann, Emma Watson, Philipp Amthor, Katy Perry, Ed Sheeran, Phil Collins, Taylor Swift oder eben Sophie Passmann). Vielleicht sucht sie nicht nur männliche Bestätigung, sondern leidet auch darunter, von anderen Frauen nicht interessant gefunden zu werden - ich erinnere mich dunkel daran, dass unter anderem Hengameh Yaghoobifarah sie einst ziemlich übel gedisst hat. Ich halte Passmann deshalb gewissermaßen für ein „Pick Me Girl“ im doppelten Sinne, und diese Erkenntnis schmerzt beinahe noch mehr, als ihr Text es ohnehin bereits tat.
PPS: Um Fiona Apple* zu zitieren: I think you guys might be thinking about yourselves too much ❤️
*Lol sorry es stammt von Jemima Kirke, ich dachte einfach sie wäre Fiona Apple hahaha
PPPS: sinngemäßes Zitat aus dem Don‘t Read Theory-Podcast (zu dem ich eine ambivalente Beziehung habe), Aysegül: Kein Mann sollte dieses Buch lesen, weil er sonst den Eindruck bekäme, dass er über absolute Macht über Frauen verfügt und dass ein Wort ausreicht, um das Selbstbewusstsein einer Frau zu pushen oder zu zerstören