Uff, hier wird es einiges auszupacken geben, aber erst morgen.
"Morgen", bzw knapp zwei Wochen später, weil die Wut gären musste:
In TROTZ möchte Ronja von Rönne den Trotz aus seiner Schmuddelecke hervorholen und von seinem schlechten Image befreien. Hat sie das geschafft? Nein - eher hat sie genau den Trotz in ihr Werk gelegt, den wir dringend loswerden müssen: den selbstgerechten "Ich lass mich von euch nicht unterkriegen, nur weil ihr meine Privilegien ankreidet"-Trotz. Den "Ich habe unter meinen Fehlern gelitten, aber ey, meine Privilegien erlauben es mir, nach ein wenig Rückzug und Schweigen um meine Position wieder zurück auf die literarische Bühne zu kommen, also könnt ihr mir gar nichts!"-Trotz, den ich normalerweise nur von, excuse the Klischee, alten weißen Männern kenne.
Dementsprechend: Autsch. Dieses Essay tat weh. Es fing schon mit dem pseudo edgy Nacherzählen der Schöpfungsgeschichte an. Neuschreibung der Narrative, die aus der Bibel kommen sind wichtig, aber es bringt viel mehr etwas, wenn man es auf einer argumentativen Grundlage aufbaut.
Generell fehlen Ronja von Rönne die Argumente. Dafür, dass sie ein Ziel mit dem Buch verfolgt, sucht man dieses vergeblich. Fröhlich springt die Autorin zwischen verschiedenen Szenarien hin und her, schmeißt ein wenig Selbstgeißelung und "das hat mich voll depressiv gemacht" hinein und … das soll dann eine Herausforderung des Trotzbegriffes sein? Ich bin 33 Jahre alt und habe - bis ich vor drei Jahren mit Therapie begann - aufgrund echt beschissener Lebensumstände und Introktrinationen mehr und mehr eine Depression aufgebaut. Ich weiß, wie sich das anfühlt und wünsche es niemandem. Aber ich verstehe nicht, warum man diese Krankheit erleben kann und sich trotzdem noch für etwas besseres halten kann. Mich und alle, die ich persönlich kenne, haben die Depressionen empathischer gemacht, aufgezeigt, wo die Welt scheiße ist zu denen, die auch nur einen Schritt aus der Spur herausfallen, welche die Gesellschaft uns am liebsten allen aufzwingen will.
Bei Ronja von Rönne spüre ich davon nichts. Umso deutlicher sind richtig gefährliche Aussagen in diesem kurzen Buch, die so viele unreflektierte Menschen in ihrer Meinung bestätigen, dass alles ja nicht so schlimm sein kann. An einer Stelle bezeichnet von Rönne die AfD als Trotzpartei und Entschuldigung: Die war noch nie eine Trotzpartei, sondern seit der Gründung eine rechte Partei, nur eben zu Beginn für die "Elite Deutschlands". Als eine Person, die in Sachsen aufgewachsen ist und genau weiß, wie leicht es für Manipulator*innen wie AfD-Menschen ist, emotionale Begeisterung aufzubringen, die Menschen auf deren Seite bringt, die genau weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, um Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen (und zumindest zu einem Großteil auch extrem ungerecht behandelt werden oder wurden), auf ihre Seite zu ziehen und immer mehr rechten Mist auszusprechen, zu provozieren, bis die Provokation von letzter Woche schon gar nicht mehr so schlimm erscheint und dadurch gezielt den Rechtsruck in unserer Gesellschaft vorantreibt, ist es brandgefährlich, die AfD so zu verharmlosen.
Auch, wie von Rönne Reiche Menschen als nicht in der Lage zu Depressionen abstempelt (die 0,1 % der Reichen und
andere Psychopathen" - Wow, herzlichen Glückwunsch zur weiteren Stigmatisierung realer Krankheiten, die dadurch nicht die Zuwendung bekommen, die sie benötigen), hat mich auch wütend gemacht. Nur, weil jemand Geld hat, bedeutet das nicht, dass emotionale Vernachlässigung und Gewalt einen Menschen nicht depressiv werden lassen können; unabhängig davon, wie viel Geld sie haben. Als Mensch, der in Armut aufgewachsen ist, weiß ich, dass Geld nicht glücklich macht, aber *definitiv* vieles einfacher macht, weil man sich nicht noch um die Erfüllung von Grundbedürfnissen sorgen muss, weiß ich genau, welche Mechanismen sich abspielen mit Geld und ohne. Ronja von Rönne musste sich da nur wenig Sorgen darum machen, auch wenn sie an einem Punkt anspricht, dass sie aufgrund der Privatklinik pleite war.
Mich macht so vieles an diesem Büchlein wütend. Am meisten die Tatsache, dass Ronja von Rönne überhaupt die Möglichkeit geboten wurde, es zu schreiben und zu veröffentlichen. Zu veröffentlichen in einer Zeit, in der wir echt schon genügend Probleme haben mit Leuten, die ihren verfehlten Trotz auf den Leben anderer ausüben. Wütend darüber, dass ausgerechnet ein Verlag wie dtv das herausbringt und viele Menschen das lesen und sich denken werden: Endlich spricht mal jemand meine Weltsicht an! Und dabei wieder nicht zum Nachdenken gebracht wird, was wahre Reflektion ist.