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Der Roman-Navigator

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Rolf Vollmann gehört zu den Menschen, deren Buchtips absolut verläßlich sind, das weiß man, seit er im vergangen Jahr mit seinen beiden Bänden der Romanverführer eine Menge Leser von seiner Kenner- und Leidenschaft überzeugte. Jetzt liegen seine Beiträge, die er wöchentlich in der FAZ unter der Rubrik "Durchs Jahrhundert des Romans" veröffentlicht hat, als Buch vor.

Jedes Jahr, beginnend 1959, hat er einen Roman ausgewählt, der ihm für diese Zeit passend erschien. Leicht ist dieses Unterfangen Vollmanns sicher nicht, doch wir haben es bei ihm ja mit einem Experten zu tun, und so beginnt er seine Auswahl 1959 mit der Blechtrommel von Günter Grass und geht zurück bis 1759 zu Tristram Shandy von Laurence Sterne.

Das Schöne bei ihm ist, daß er nicht nur über das von ihm ausgewählte Buch schreibt, nein, er weiß auch interessantes über den Übersetzer zu berichten, und bei der Blechtrommel erzählt er gleich etwas über die Jahrestage von Uwe Johnson dazu, ebenso wie über Finnegans Wake von Joyce und Arno Schmidts Monumentalwerk Zettels Traum.

Im Register, am Ende des Buches sieht man leicht, welche Fülle von Autoren er zu den ausführlich Besprochenen noch dazugeschmuggelt hat. Und so bringt er es wieder einmal fertig, seine Leser mit seiner eigenen Lust am Schmökern anzustecken. Es werden leidenschaftliche Bücherwürmer, deren unheilbare Krankheitssymptome nur in der nächsten Buchhandlung gemildert werden können. Netterweise hat Vollmann bei seiner Tour durch die beiden Jahrhunderte wert darauf gelegt, daß die von ihm ausgesuchten Romane auch tatsächlich lieferbar sind.

Als schmückendes Beiwerk ist von jedem besprochenen Autor seine Unterschrift faksimiliert sowie eine Manuskriptseite Musils "der Mann ohne Eigenschaften" und ein Widmungsblatt Nabokovs an seine Frau Vera -- natürlich mit Schmetterling. Beeindruckend ist auch das Autograph von Dostojewskijs Die Dämonen.

Der Roman-Navigator ist absolut preisverdächtig, als besonders schönes Buch ausgezeichnet zu werden und wird hoffentlich von der Stiftung Buchkunst nicht übersehen. --Manuela Haselberger

440 pages, Paperback

First published November 1, 2000

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Rolf Vollmann

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Displaying 1 of 1 review
Profile Image for Klaus Mattes.
745 reviews10 followers
May 21, 2025
Oah nein! Jüngere Leute unter 40 Jahren interessiert das sowieso nicht mehr. Aber ich bin früher mal durchaus angetan gewesen von diesen immer etwas knorzigen, spinnerten Professorentypen, die wir in Deutschland im Bereich des Lesens lange hatten. Leute, die scheinbar alles kennen, alles gelesen haben, nichts je vergessen, einem kurz und knapp und wohl fundiert und mit unbestechlichem Geschmack und Sinn für Qualität sagen können, was man schon noch mitnehmen sollte, bevor man mit 100 dann stirbt. Wie Rolf Vollmann, ehemaliger Tübinger Professor, im Jahr 2034 dann wahrscheinlich. Ich habe gesammelt: Georg Hensels Schauspielführer, das erste Rock-Lexikon von Siegfried Schmidt-Joos mit den farbig abgebildeten 100 klassischen LPs in der Mitte, Rolf Vollmanns „Die wunderbaren Falschmünzer (1997) (nur nie gelesen), von dem dies hier quasi der konzentrierte Auszug ist, Dietrich Schwanitz' „Bildung“ (1999) (es stimmt alles, was drinsteht, bloß kann man es sich nicht plastisch vorstellen, wenn man die Werke vorher noch nicht gekannt hatte, folglich vergisst man alles, was man liest, am Tag hinterher auch schon wieder) und zumindest eine jener „Der Kanon“-Kassetten von Marcel Reich-Ranicki (mit den Dramen, ich habe sie bis heute nicht gelesen, wie wahrscheinlich die Allermeisten).

Ich danke Vollmann, dass er damals, als ich im Studium ein Proseminar zu Jean Pauls „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“ besuchte und parallel die seinerzeitigen Standardwerke zu Jean Paul las, Rolf Vollmanns „Das Tolle neben dem Schönen“ und Günter de Bruyns „Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter“ (beide 1975), er mich vom überragenden Wert des doch auch beschwerlich zu lesenden Jean Paul überzeugt hat. (Also, vielleicht nicht „Giannozzo“, aber ich las den ganzen „Titan“, die „Flegeljahre“ auch.) Und ich wusste natürlich schnell, dass einer der besten Romane überhaupt „Tristram Shandy“ (1759) von Laurence Sterne sei, habe mir das auch gekauft, zu lesen begonnen, bin kurz danach stecken geblieben, wo ich heute noch stecke.

Und nach wie vor greife ich bisweilen nach derlei Überblicksbüchern, die eben gerade nicht von Journalisten oder von routinierten No-Name-Verfassern populärwissenschaftlicher Sachbücher kommen. Man kann das sogar hier anhand meiner Goodreads-Einträge sehen: Kunderas drei Bücher über den europäischen Roman, Beigbeders „Die letzte Inventur“.

Okay, dann muss man diesen Kniff gigantisch finden: Unser lebenskluger Romane-Gewährsmann sucht genau 200 Bücher heraus, die er chronologisch absteigend vorstellt, das neueste zuerst, das älteste zuletzt. Und er gestattet sich aus der gesamten Weltliteratur pro Jahr nur ein einziges Buch. (Was dazu führen musste, dass er zum Teil kräftig schummelt, so war 1759 das Jahr, in dem Sterne am „Tristram“ zu arbeiten begann, längst nicht das, in dem das Buch schließlich erschien, das hat der Professor für was anderes gebraucht, was er drin haben wollte.) Es wird uns scheinbar bequem gemacht: Zu jedem Buch müssen wir bloß etwas zwischen einer und zwei Taschenbuchseiten lesen.

Nun, räusper, räusper, muss man vielleicht noch erwähnen, dass das allerneueste Buch, das unser Professor kennt, „Die Blechtrommel“ aus dem Jahr 1959 ist. (Was jetzt immerhin auch gut 65 Jahre her ist, aber, okay, sind wir so knorzig wie der Gewährsmann, in der ganzen Zeit ist doch nichts Besonderes mehr vorgekommen. Äh ja, Elsa Morante und Natalia Ginzburg, möglicherweise, Thomas Pynchon und David Foster Wallace, kann sein, Milan Kundera und Thomas Bernhard, gut gut, Gabriel García Márquez und Michel Houellebecq, wollen wir mal nicht so pingelig sein! 1959 also. Weil man von dort mit 200 Stück genau bis 1759 und zu Rolf Vollmanns Lieblingsbuch, dem „Tristram Shandy“ gelangt.

Jetzt hätte ich dem Professor am liebsten vorgeworfen, dass er vor allem Deutsches unvergänglich findet. („Jettchen Gebert“ von Georg Hermann, „Altershausen“ von Wilhelm Raabe, „Herrmann und Ulrike“ von Johann Karl Wezel. Wir sind uns einig, dass Professoren aus Finnland, Griechenland und Algerien die auch unverzichtbar finden.) Sowie Englischsprachiges. Weil er oft und gern über Shakespeare und Arno Schmidt gearbeitet hat. Aber es stimmt ja nicht! Zwar hat er keinen einzigen Südamerikaner, keinen Australier, keinen Asiaten, keinen Afrikaner in der Romankiste drin. (Klar, die schreiben erst seit 65 Jahren.) Aber er hat mehrere Bücher jeweils von Voltaire und von Balzac und von Flaubert und von Zola. Und die großen Russen: „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Die Dämonen“, „Verbrechen und Strafe“, „Frühlingsfluten“, „Neuland“ , „Im Strudel“, „Rudin“, „Die Kosaken“, „Eugen Onegin“, „Ein Held unserer Zeit“, „Eine gewöhnliche Geschichte“. Allerdings erscheinen angesichts solcher Großmächte dann natürlich keine Finnen, Schweden, Rumänen, Tschechen (yup, noch nicht mal der „Schwejk“, vom Großmütterchen zu schweigen), keine Polen (außer „Handschrift von Saragossa“), keine Niederländer (außer „Pallieter“).

Unübersehbar die ganze Zeit schon, dass Rolf Vollmann auf die Realisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinaus möchte und noch mehr auf die, seinem Urteil nach von den Deutschen viel zu selten gelesenen Erben der Aufklärung des 18. Jahrhunderts: Jean Paul, Jung-Stilling, Lavater, Campe, Wezel, Wieland, Goethe, von Arnim, Musäus, von La Roche, Heinse, Ulrich Bräker, Moritz.

Jetzt denken Sie sich die soeben Aufgezählten mal in der einen Waagschale. Und in der anderen in Vertretung der gesamten deutschsprachigen Literatur seit Musil, Broch, Heinrich Mann und Heimito von Doderer nur den einen Grass. Ähm, das wird Sie doch bestimmt dazu bewegen, die Erstgenannten jetzt verstärkt nicht nur anzuschaffen, sondern wirklich aufzuschlagen. Und Ihr baldiges Vergnügen werden Sie Rolf Vollmann verdanken.

Im Übrigen, um's mit der Ironie und dem Sarkasmus jetzt zu lassen: Wenn man nur eine gute Seite zur Verfügung bekommen hat, sich dafür entscheidet, Dutzende Buchvorstellungen so zu schreiben, dass dem Leser die geringste Vorstellung dessen, was im Buch sich so tut, überhaupt nicht erschließt, den knappen Platz vielmehr auf einzelne herausgegriffene Sätze verwendet, die Vollmann schön fand (oft wusste ich nicht, wieso), oder für die Erinnerungen Vollmanns an seine ersten Gefühle, als er das vor, ich weiß nicht, fünfzig Jahren zum ersten Mal las, so frustriert mich das. Und wenn ein Buch durchgehend mit so einem Übermaß von unkorrigierten Vertippern und Buchstabenauslassungen gepflastert ist, zugleich aber einen altväterlichen Schwurbelstil pflegt, wie er hier gleich noch folgt, dann bin ich wie vor den Kopf geschlagen. Was ist denn hier passiert?

Die kalte Bosheit hat es an sich, daß sie nicht mit der Liebe rechnet, die der Romancier und der Leser aber brauchen – doch leider, wenn sie dann kommt, und sei sie auch, wie es so schön heißt, stark wie der Tod, bezwingen Bosheit und Tod sie: so auch hier; und wie von allem so gewaltig Rührenden, wenn wir weder wissen können noch wollen (wer könnte das aber auch, selbst wenn er wollte, und wer wollte es, wenn er könnte?), ob es Schund ist oder groß, sind wir wunderbar bewegt und würden, sagen wir uns, auch damals schon wie die andern frühen Bewunderer, allen voran die schöne Hanska, gesehn haben, daß hier ein großes Genie sein Feld gefunden hat, egal, ob Verlangen nach Ruhm oder bloß kein Geld der Wegweiser waren.
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