Stellt 2007 fest, dass durch linke Politik zwar 30 Jahre lang ein „Substanzverlust“, also allgemeiner Verfall, stattgefunden habe, jetzt sei aber ein qualitativer Umschlag erfolgt; der Konservatismus habe Rückenwind. In diese Situation hinein schreibt Weißmann eine konzise Einführung in konservative Weltanschauung. Der Stil ist großartig: dicht, aber klar und zugänglich, wohlklingend aber nicht prätentiös.
Ganz grundlegend: Erhalten werden soll nicht um des bloßen Konservieren willens; die Wertschätzung für das Bestehende ergibt sich stattdessen aus der geschichtlichen Einsicht in das notwendige Vergehen. An Bestehendem, an konkreter Ordnung wird deshalb festgehalten, weil es stets als gefährdet erscheint, als vom historischen Verfall bedroht, als Stabilität Gebendes in der Zeit. Und: die anthropologische Grundannahme des Konservativen ist, dass der Mensch nicht aus sich heraus gut und verhaltenssicher ist, sondern dass er kulturelle Stützen bedarf. Institutionen, Sitten und Erziehung sind deshalb unerlässlich, erst sie ermöglichen eine Freiheit, die nicht ins Chaos kippt. Also muss von Fall zu Fall entschieden werden, welche Bestände bewahrenswert sind - der Konservatismus hat somit keine überzeitlichen Inhalte, sondern ist eine bestimmte Denkhaltung mit gewissen Prinzipien und Grundsätzen, die sich aber in jeder Epoche anders ausformen.
Zwei Typen des Konservativen werden unterschieden: Die Passagiere und die Steuerleute. Ersterer empfindet ein gewisses Unbehagen am Strom der Zeit, ein ästhetisches Missvergnügen, und schafft deshalb Ordnung in seinem Nahbereich, besinnt sich auf Familie, gute Kleidung, einen elitären Habitus uÄ. Sein Konservatismus ist im Wesentlichen ein individueller, politisch überwiegt für ihn meist die Nostalgie. Der Konservatismus der Steuerleute hingegen ist ein dezidiert aktiver, einer, der das Ganze gestalten will. Das große Beispiel ist Bismarck, der das Bestehende nicht möglichst langsam verlieren wollte, sondern zum rechten Zeitpunkt konsequent Entscheidungen traf und sich an die Spitze des Fortschritts stellte. Es klingt an, dass Weißmann deutlich stärkere Sympathien diesen Typus hat.
Beinhaltet auch einen Überblick über den Verlauf wichtiger Debatten in der BRD und die politische Ausrichtung der CDU. Unter Merkel sei der Konservatismus aus der Partei gedrängt worden, der aber vorher schon nicht dominiert hätte. Besonders bemerkenswert: Nach der Wiedervereinigung gelang es nicht, die intellektuellen Fürsprecher einer „selbstbewussten Nation“ in die CDU zu integrieren, weil die Parteimitte zu diesem Zeitpunkt schon auf Europa und die multikulturelle Gesellschaft ausgerichtet war. Im Wesentlichen habe ich da keine Einwände. Und auch die CDU unter Merz wird man abseits der Rhetorik kaum im hier vorgeschlagenen Sinne als konservativ bezeichnen wollen - es fehlt ja jede politische Idee. Insofern war der Aufstieg der AfD als inzwischen genuine Rechtspartei absehbar. Sie erfüllt auch den Ruf nach Organisation, Wille zur Auseinandersetzung und Entwicklung einer Weltanschauung, den der Autor am Ende tätigt. Hätte nicht so kommen müssen - jetzt hat man in Deutschland wieder einen radikalen Konservatismus, der sicher nicht die intellektuelle Gesetztheit eines Weißmann mitbringt. Schade.