Draußen von Mary Stormhouse ist ein Solarpunk-Roman. Ein Subgenre der Science-Fiction, das sich auf eine nachhaltige, umweltbewusste Zukunft konzentriert und von welchem ich durch Draußen erstmalig hörte.
Worum geht’s?
Nalani lebt in der virtuellen Welt der Komplexe – und das ziemlich erfolgreich. Ihre Existenz dreht sich um Social Points, die Währung und Statussymbol zugleich sind. Ihr physisches Dasein beschränkt sich auf einen winzigen, sterilen Raum mit Nahrungsspender, Sportgerät und der allgegenwärtigen KI „Göttin DEA“, die sie an ihre minimale körperliche Instandhaltung erinnert. Alles ist perfekt – bis Caiden auftaucht und ihr gesamtes Leben sprengt. Plötzlich ist Nalani draußen, in einer Welt, die sie nicht kennt, voller echter Luft, echter Gefahren und echter Erdbeeren (die sie zuerst für eine rote Kugel mit gelben Punkten hält). Während sie sich mit Caiden auf eine Reise durch die Überreste einer alten Welt begibt, stellt sich die große Frage: Wo gehört sie wirklich hin?
Meine Meinung
Schon nach wenigen Seiten war ich komplett in Nalanis Welt versunken. Draußen liest sich anfangs wie eine beklemmende Dystopie – eine Mischung aus Surrogates und Ready Player One, aber mit einer frischen, intelligenten Note. Die Idee einer Gesellschaft, die vollständig in der Virtualität aufgeht, ist nicht neu, aber Mary Stormhouse erzählt sie so einfühlsam und lebendig, dass sie mich sofort gepackt hat. Besonders die zwischen den Kapiteln eingestreuten News-Segmente, die nach und nach aufdecken, was mit der Welt passiert ist (Pandemien, Arbeitslosigkeit durch KI, gesellschaftlicher Umbruch), verleihen dem Buch eine erschreckende Nähe zur Realität.
Nalani ist ein Charakter, mit dem ich mitgefiebert habe – auch wenn ich mir gewünscht hätte, ihr noch ein bisschen näher zu kommen. Die Geschichte wird aus der dritten Person erzählt, was gut funktioniert, aber eine Ich-Perspektive hätte vielleicht noch mehr Intensität gebracht. Trotzdem ist ihre Entwicklung greifbar: von der naiven Influencerin, die ohne ihre virtuelle Community nicht existieren kann, hin zu einer jungen Frau, die beginnt, sich selbst außerhalb von Achievement-Boards zu definieren. Und Caiden? Geheimnisvoll, ein wenig rebellisch, aber nicht zu klischeehaft – genau die Art von Figur, die eine solche Geschichte braucht.
Das Buch wirft viele spannende Fragen auf: Wie sehr sind wir bereits auf virtuelle Anerkennung fixiert? Was bedeutet es, wirklich zu leben? Und ist eine perfekte, digitale Welt wirklich besser als eine unvollkommene, reale? Diese Themen werden angenehm subtil eingearbeitet – kein Holzhammer-Moralismus, sondern kluge Denkanstöße.
Kritik?
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann ein paar mehr Seiten! Die Geschichte liest sich fast wie eine längere Novelle, und ich hätte liebend gern noch tiefer in die Welt, die Hintergründe und die Figuren eintauchen wollen. Das Ende war vorhersehbar, aber es fühlte sich passend an, mit einer guten Portion Hoffnung.
Fazit
Ein Buch, das fesselt, zum Nachdenken anregt und ein Szenario zeichnet, das erschreckend nah an unserer Realität liegt. Mit einem flüssigen Schreibstil, tollen Dialogen und einer faszinierenden Welt hat Draußen den Seraph-Preis 2024 absolut verdient. Wer Geschichten liebt, die irgendwo zwischen Dystopie, Abenteuer und philosophischer Fragestellung schweben, sollte sich dieses Buch definitiv schnappen.
⭐⭐⭐ (3,5 von 5 Sternen – hätte ruhig doppelt so dick sein dürfen!)