(gelesen in einer Ausgabe der Friedenauer Presse, die eine repräsentative Auswahl aus dem lyrischen Werk Parlands umfasst)
In einer tollen Ausgabe mit Nachwort von Michael Krüger und der Übersetzerin Renate Bleibtreu ist nun erneut der jung gestorbene finnlandschwedische Autor Henry Parland zu entdecken, dessen Roman "Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)" bereits vor fast 20 Jahren in Übersetzung veröffentlicht wurde und in diesem Band mit einer Gedichtauswahl des Autors angereichert wird.
Während die Gedichte oft wie Formübungen wirken, unausgegorene Kurztexte sind, die entweder zu simpel oder zu pathetisch geraten, ist es höchst interessant, den kurzen Roman (etwa 130 Seiten) zu lesen. In ihm gelingt es Parland, einen Protagonisten zwischen ersehntem Dandytum und Existenznot, Lebenshunger und Resignation zu zeichnen, der sich um eine Frau dreht, die er zugleich beherrschen möchte und die ihn beizeiten anödet, deren verfrühter Tod an einer Krankheit den Anlass dafür bietet, dass der Ich-Erzähler des ersten Teils seine Annäherung an sie schildert. Im zweiten Teil wiederum berichtet eine extradiegetische Erzählinstanz weitere Details der Beziehung zwischen beiden.
Am spannendsten ist, dass der Autor/Ich-Erzähler mithilfe eines Fotos erzählt, dabei zugleich eine Poetik des Bildes liefert, das ihm zufolge nur zu zwei Zeitpunkten Bedeutung trägt: dem der Aufnahme und dem der unwissenden Betrachtung, die noch neue Details aus ihm herausfiltern kann. Danach ist der festgehaltene Moment sozusagen in die Erinnerung transferiert und der Sinn dem Bild entzogen. Anhand eines Bildes von Ami (der Frau) schreibt er alle Assoziationen und Erinnerungen nieder, bis das Foto auserzählt ist.
Neben den Finessen der Erzählkonstruktion, die vor allem im zweiten Teil bewusst transparent gemacht wird, wenn die Ezählinstanz in den Vordergrund tritt, finden sich auch weitere gekonnte Perspektivverschiebungen: Gegenstände werden anthropomorphiert, das Ich spricht mit Amis Foto, als wäre es sie selbst (passend zu seiner Auffassung von Fotographie); es gibt immer wieder die Tendenz, einzelne Metaphern zu Allegorien zu erweitern: Träume/Halluzinationen sind Tiefseefische, dieses Bild wird durch semantisch Naheliegendes wie Angeln erweitert.
Im Arrangement der vielen Einfälle und Ansätze zeigen sich durchaus (noch) Schwächen, auch die Ausarbeitung der Charaktere ist mal mehr, mal weniger gelungen, aber insgesamt ist insbesondere der Roman ein tolles Stück europäische Literatur, dessen Entdeckung lohnt.