~ Eine ruhige Charakterstudie, die zwar nicht wirklich spannend, dafür aber auch niemals langweilig ist. Vor allem der flüssige, angenehme Schreibstil, die gut ausgearbeiteten Figuren und die unterschwellige beunruhigende Stimmung lassen einen neugierig weiterlesen. ~
Inhalt
Thomas und Ann sind mit den Nerven am Ende, denn ihr Baby Harriet schreit, und das stundenlang und ununterbrochen. Nichts scheint zu helfen, doch als Thomas eines Tages mit ihr durch einen Wald fährt, ist sie auf einmal still und schläft ein. Immer wieder zeigt Harriet die gleiche Reaktion, und so beschließt die Familie, ein Haus im Wald zu bauen. Thomas liebt das abgeschiedene Fleckchen Erde auf Anhieb, doch Ann ist die Einsamkeit nicht ganz geheuer - zu recht?
Warum habe ich dieses Buch gelesen?
Ich hatte zuvor noch nie von diesem Autor gehört, und hätte mir das Buch wohl auch nicht selbst gekauft, da es mir aber als Teil des Jahresabos vom Berlin Verlag zugeschickt wurde, habe ich natürlich gleich hineingelesen.
Tatsächlich ist dieses Buch ganz anders als man es am Beginn erwartet. Der Klappentext klingt ganz stark nach Thriller, die Bezeichnung "Roman" trifft es allerdings sehr viel besser. Trotz der aufwühlenden Vorkommnisse, hat dieses Buch einen ganz eigenen ruhigen, unaufgeregten Erzählstil.
Dennoch wurde es nicht langweilig, und das liegt vor allem am sehr angenehmen Schreibstil. Dieser ist so flüssig, dass man schnell voran kommt und auch neugierig bleibt wie es weitergeht. Die Sätze sind schön geschrieben, nicht kompliziert, dabei aber auch nicht zu kurz. Es fällt leicht, sich alles bildlich vorzustellen. Hier war auf jeden Fall ein Könner am Werk. Erwähnen sollte ich auch noch die nur spärlich vorhandenen Dialoge, die gegen Ende aber immer mehr werden. Wenn dann aber etwas gesagt wird, ist es stets lustig oder bedeutungsvoll. Lange konnte ich das Buch nicht einschätzen, denn trotz des ruhigen Schreibstils schwingt permanent eine beunruhigende Stimmung mit, so dass man dem Frieden zu keiner Zeit so richtig trauen kann. Wer aber einen richtig spannenden Thriller erwartet, der ist mit diesem Buch sicher nicht gut bedient, denn atemlose Spannung findet man hier zu keinem Zeitpunkt. Was einen dazu bringt weiterzulesen, ist schlichte Neugier auf die interessante Geschichte. Bei diesem Buch handelt es sich eher um eine Charakterstudie, denn die Welt und das Leben von vier Hauptpersonen wird über viele Jahre genau beschrieben.
Die Personen sind eine Stärke dieses Romans. Man lernt Ann, Thomas, Keith und Raymond im Laufe des Buches immer genauer kennen und erfährt nach und nach wie ihre Leben verknüpft sind. Die Welt ist klein - das wird in diesem Buch wieder anschaulich gezeigt.
Alle Hauptpersonen sind ausnahmslos gut ausgearbeitet und dreidimensional. Dadurch, dass sich der Autor für jeden einzelnen so viel Zeit nimmt, hätte es mich auch verwundert, wenn es anders wäre. Jeder von ihnen geht durch Höhen und Tiefen, und das beschreibt der Autor sehr anschaulich. Besonders bei der Beschreibung von Keith hat es mir gefallen wie sein Äußeres immer wieder sein Innenleben wiederspiegelt. Zu den Nebenpersonen ist nicht viel zu sagen, da sie nur selten und kurz vorkommen. Die, die man kennenlernt, sind aber auch überzeugend.
Besonders gut gewählt hat der Autor das Setting. Der Wald wird wundervoll beschrieben, mit passenden Adjektiven und lebendigen Personifikationen. Die Atmosphäre - sowohl die Schönheit als auch die Einsamkeit - wird toll eingefangen. Es gefällt mir auch wie die Stimmung oft von der Natur reflektiert wird, oder sie benutzt wird um über etwas über die Personen auszusagen. Ebenfalls gelungen: Das leichte Aufblitzen von subtilem Humor.
Ein paar Dinge haben mich etwas gestört: Erstens, dass man am Ende manches nicht erklärt bekommt, z.B. was mit Raymond ist (hier wäre ein Epilog sehr schön gewesen!) oder warum sich Harriet im Wald immer beruhigt hat. So kann man es sich zwar schon auch zusammenreimen, (sie liebt den Wald einfach, den Duft, die Bäume, die Geräusche, und nicht einmal ein Unwetter schafft es, ihr dort Angst zu machen) dennoch wird es nie deutlich gesagt. Zweitens: Man hätte viel mehr herausholen können, wenn man mehr Spannung zugelassen hätte. Ich sage mit Absicht "zugelassen", denn spannende Vorkommnisse gab es genug, nur wurden manche davon nicht einmal erzählt, sondern nur erwähnt, wodurch viel Spannung verloren gegangen ist. Drittens: Ich finde es nicht wirklich realistisch, wegen eines Schreibabys ein Haus im Wald zu bauen. Bis dieses nämlich fertig ist, hat das Kind wahrscheinlich schon wieder damit aufgehört. Wenn man das aber ausblenden kann, gefällt der Roman durchaus.
Was ich noch anmerken möchte: Der Geschichte hätten ein paar mehr Absätze sicher gut getan, denn so befand sich teilweise auf einer Seite kein einziger Absatz, so dass es für mich anstrengend zu lesen war (Absätze machen das Lesen viel angenehmer) und wenn man kurz abschweift, fällt es auch schwerer, gleich wieder einzusteigen.
Mein Fazit
Eine ruhige Charakterstudie, die zwar nicht wirklich spannend, dafür aber auch niemals langweilig ist. Vor allem der flüssige, angenehme Schreibstil, die gut ausgearbeiteten Figuren und die unterschwellige beunruhigende Stimmung lassen einen neugierig weiterlesen.
Ich empfehle dieses Buch allen, die die ruhigen Töne und Wälder mögen. Wer einen Thriller erwartet oder auf atemlose Spannung hofft, für den ist diese Geschichte sicher nicht das Richtige.
Erzählstil: Personaler Erzähler; Präteritum;
Perspektive: aus männlicher und weiblicher Perspektive (Thomas, Ann, Keith, Raymond)
Bewertung:
Idee: 5 Sterne
Ausführung: 4 Sterne ♥
Schreibstil: 5 Sterne
Personen: 4 Sterne
Zusatzkriterien bei diesem Buch:
Spannung: 3 Sterne
Setting: 5 Sterne
Insgesamt:
❀❀❀❀
Ich vergebe vier Lilien!
Ist dieses Buch Teil einer Reihe? - Nein, nicht, dass ich wüsste. (wird noch upgedated, sollte ich etwas erfahren)