Bei “Room 939” handelt es sich um ein autobiographisches Werk, in dem sich Jenny Lynn Anderson mit ihrer traumatischen Vergangenheit auseinanderzusetzen versucht.
Es ist immer schwierig eine Meinung zu Büchern zu verfassen, die sich mit ernsten Themen befassen. Ganz besonders wenn es sich dabei um Lebensgeschichten realer Personen handelt, die für sich den Weg gewählt haben, ihr Leid und ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen. Ein gewisser Respekt sollte gegeben sein.
So auch in diesem Fall. Jenny Lynn Anderson erlebte eine wahre Bilderbuchkindheit, war mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet und war immer zufrieden mit sich und ihrem Körper. Sie besuchte Collegeparties und war später Mitglied einer Studentenvereinigung. Der einzige negative Schatten auf ihrem Leben bis zu jenem Tag in Zimmer 939 war der Moment, in dem sie betrunken am Steuer saß.
Doch der sexuelle Übergriff veränderte Jenny Lynn radikal. Die sonst so selbstbewusste und erfolgreiche Frau lit auf einmal an Schlafstörung, fühlte sich beschmutzt, hatte Angst davor den schützenden Panzer den Kleidung ihr bot vor anderen abzulegen. Sie fiel, verständlicherweise, in ein tiefes Loch, und einzig ihr Mann und ihre Familie erweisen sich als Fels in der Brandung, und bewahren sie vor einem kompletten Zusammenbruch.
It would be the last time I would feel safe walking alone.
Dass der Angreifer entkam ist für Anderson Anreiz genug, gnadenlos mit der anscheinenden Inkompetenz der Sicherheitsleute im Hotel abzurechnen. Eine Reaktion, die nachvollziehbar erscheint, wenn man sich ein wenig in die Lage der zum Zeitpunkt des Übergriffs Siebenundzwanzigjährigen versetzt.
Allerdings nimmt das Buch eine gewisse Wendung, mit der ich mich nicht so ganz anfreunden kann. Zum einen ist da die für mich übertriebende Aktion, bereits am Morgen nach dem sexuellen Übergriff das Fernsehen zu informieren. Es mag ja sein dass das für Jenny Lynn in diesem Moment die richtige Entscheidung war, mir erscheint es einfach als zu viel.
Doch das ist nicht einmal der Hauptgrund warum das Buch besonders in der zweiten Hälfte eher zur Qual wurde. Jenny Lynn findet im Rahmen ihrer Vergangenheitsbewältigung zu Gott. Das ist ja an sich nicht schlimm, schließlich hat jeder seine ganz eigene Art und Weise, mit traumatischen Ereignissen umzugehen. Jenny Lynn jedoch entwickelt einen sehr starken Glauben und ein imenses Vertrauen in Gott, und bezeichnet diesen häufig als ihren BFF (best friend forever). Bald schon liegt der Fokus mehr auf Gott und Glauben statt auf Jenny Lynn selbst, was es mir schwer machte, das Buch aufmerksam und mit Interesse zu lesen.
Alles in allem ist “Room 939” ein Buch, das Jenny Lynn Anderson schreiben wollte. Und das ist gut so. Sie zeigt, dass jeder seine ganz eigenen Weg finden muss, um traumatische Erlebnisse zu verdauen, und bestimmt hilft dieses Werk einigen Menschen, die bisher geschwiegen haben, freier über das ihnen zugestoßene Unrecht zu reden. Falls sie über “Room 939” stolpern sollten. Ob es ein Buch ist, das man lesen sollte bleibt jedem selbst überlassen. Ich persönlich würde es nicht weiter empfehlen, außer man ist interessiert an einem Werk, welches wohl besser den Titel “Mein Weg zu Gott” getragen hätte, da dieser Part mehr als fünfzig Prozent der Geschichte einnimmt.