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650 pages, Paperback
First published January 1, 1986
The question of whether I had loved my parents and my brother was one that I at once fended off with the word naturally, but it remained fundamentally unanswered. For ages I had not had what is called a good relationship with either my parents or my brother but had one marked by tension and, in recent years, indifference.
No teacher and no judge can be trusted as far as you can throw him. Without scruple or compunction they daily destroy many of the existences that are thrown upon their mercy, being motivated by base caprice and a desire to avenge themselves for their miserable, twisted lives – and they are actually paid for doing so.
We approach philosophy with extreme caution, I said, and we fail. Then with resolution, and we fail. Even if we approach it head-on and lay ourselves open, we fail. It’s as though we had no right to any share in philosophy, I said. Philosophy is like the air we breathe: we breathe it in, but we can’t retain it for long before breathing it out. All our lives we constantly inhale it and exhale it, but we can never retain it for that vital extra moment that would make all the difference.
The majority has always brought misfortune, I thought, and even today we have the majority to thank for most of our ills. The minority and the individual are crushed by the majority because they are more in tune with the times and act accordingly.
At an early age my sisters formed a conspiracy against me. They were believed, I was not; their word carried conviction, mine did not. And so I resolved to avenge myself. I locked them in the dark, airless larder, pushed them into the pond, or shoved them from behind so that they would fall full-length in their white Sunday-best dresses and get up dirty and bleeding from top to toe.



Die deutschen Wörter hängen wie Bleigewichte an der deutschen Sprache, sagte ich zu Gambetti, und drücken in jedem Fall den Geist auf eine diesem Geist schädliche Ebene. Das deutsche Denken wie das deutsche Sprechen erlahmen sehr schnell unter der menschenunwürdigen Last seiner Sprache, die alles Gedachte, noch bevor es überhaupt ausgesprochen wird, unterdrückt; unter der deutschen Sprache habe sich das deutsche Denken nur schwer entwickeln und niemals zur Gänze entfalten können im Gegensatz zum romanischen Denken unter den romanischen Sprachen, wie die Geschichte der jahrhundertelangen Bemühungen der Deutschen beweise. Obwohl ich das Spanische, wahrscheinlich, weil es mir vertrauter ist, höher schätze, gab mir doch Gambetti an diesem Vormittag wieder eine wertvolle Lektion der Mühelosigkeit und Leichtigkeit und Unendlichkeit des Italienischen, das zum Deutschen in demselben Verhältnis stehe, wie ein völlig frei aufgewachsenes Kind aus wohlhabendem und glücklichem Hause zu einem unterdrückten, geschlagenen und dadurch verschlagenen aus dem armen und ärmsten. Um wie vieles höher also, sagte ich zu Gambetti, seien die Leistungen unserer Philosophen und Schriftsteller einzuschätzen. Jedes Wort, sagte ich, zieht unweigerlich ihr Denken herunter, jeder Satz drückt, gleich was sie sich zu denken getraut haben, zu Boden und drückt dadurch immer alles zu Boden. Deshalb sei auch ihre Philosophie und sei auch, was sie dichten, wie aus Blei. Plötzlich habe ich Gambetti einen Schopenhauerschen Satz aus der Welt als Wille und Vorstellung zuerst auf Deutsch, dann auf Italienisch vorgesprochen und ihm, Gambetti, zu beweisen versucht, wie schwer sich die Waagschale auf der mit meiner linken Hand vorgetäuschten deutschen Waagschale senkte, während sie sozusagen auf der italienischen mit meiner rechten Hand in die Höhe schnellte.
Wenn wir unsere Übertreibungskunst nicht hätten, hatte ich zu Gambetti gesagt, wären wir zu einem entsetzlich langweiligen Leben verurteilt, zu einer gar nicht mehr existenzierenswerten Existenz. Und ich habe meine Übertreibungskunst in eine unglaubliche Höhe entwickelt, hatte ich zu Gambetti gesagt. Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben, hatte ich zu ihm gesagt, nur die Übertreibung macht anschaulich, auch die Gefahr, daß wir zum Narren erklärt werden, stört uns in höherem Alter nicht mehr. Es gibt nichts Besseres, als in höherem Alter zum Narren ernannt zu sein. Das höchste Glück, das ich kenne, hatte ich zu Gambetti gesagt, ist das des Altersnarren, der gänzlich unabhängig seinem Narrentum nachgehen kann.
So sind wir, habe ich einmal zu Gambetti gesagt, wir geben uns absolut als zu allem befähigt, selbst zu dem Allerhöchsten und Allergrößten, und sind dann nicht einmal imstande, die Feder in die Hand zu nehmen, um auch nur ein Wort dieser unserer angekündigten Ungeheuerlichkeit und Einmaligkeit zu Papier zu bringen. Wir leiden alle unter dem Größenwahn, habe ich zu Gambetti gesagt, damit wir unsere ununterbrochene Niedrigkeit nicht bezahlen brauchen. Auslöschung, dachte ich, aber ich hatte davon, ehrlich gesagt, auch nach Jahren noch, nur einen ungefähren Begriff, nicht an etwas Ungeheuerliches denke ich dabei, habe ich zu Gambetti gesagt, auch nicht an etwas Einmaliges, aber doch an etwas mehr als nur eine Skizze, mehr als eine Existenzskizze, an etwas, das sich sehen lassen kann. Nur an etwas, das sich sehen lassen kann und dessen ich mich nicht zu schämen habe, habe ich zu Gambetti gesagt.
Ich fühle, wie der Tod mich beständig in seinen Klauen hat. Wie ich mich auch verhalte, er ist überall da. (Michel de Montaigne)Mit diesem Motto Montaignes beginnt der größte, mit Abstand umfangreichste und als letzter veröffentlichte Roman Thomas Bernhards. Geschrieben hat er ihn schon 1981/82, sein Erscheinen aber - sehr zum Missfallen seines Verlegers Unseld - bis 1986 verzögert. Im Bewusstsein seiner schweren Krankheit und eines nahen Todes hat Bernhard die “Auslöschung” wohl ganz wörtlich als sein literarisches Vermächtnis gesehen. Es ist nicht nur sein Opus Magnum, sondern auch eine Gesamtschau seines Lebens und seines Lebenswerks. Eine radikale Abrechnung, mit der er seiner eigenen Auslöschung befreit entgegensehen konnte.

