Wenn ich Deutschlehrer in der Mittelstufe wäre, würde ich mich sehr freuen, wenn dieses Buch auf dem Lehrplan stehen würde. Was nicht gleichbedeutend ist, dass mir das Buch überdurchschnittlich Freude bereitet hat beim Lesen. Eher im Gegenteil. Ich finde seine Aussage und die Moral, die meines Erachtens Keller vor 150 Jahren damit vermitteln wollte, teilweise fragwürdig.
Das der Schein das Sein bestimmt, ist unbestritten. Da hat sich in den vergangenen Dekaden nichts geändert. Einem gut angezogenen Menschen bringen wir erstmal mehr Respekt entgegen, als einen Liederlichen. Da steht das Buch in einer Reihe mit anderen Verwechslungsromanen, wie z.B. der Hauptmann von Köpenick. Doch während der Schuhmacher Friedrich Voigt bei Zuckmayer seine Hochstapelei in voller Absicht durchführt und dafür auch seine Strafe erhält, stolpert in Kellers Novelle der Schneider Wenzel unbeabsichtigt in das Missverständnis. Aufgrund seines Berufs/Eitelkeit liebt er Kleider und wird für einen Grafen gehalten, als er in ein Schweizer Dörfchen kommt. Und hier beginnt schon mein Problem: der Schneider löst das Missverständnis nicht auf, läßt sich fürstlich bewirten und nimmt nie eine Ausfahrt, um aus der Chose wieder herauszukommen. So weit, so gut. Aber Keller stellt ihn als armen Tropf und Sympathieträger dar, der märchenhaft durch die Eulenspiegelei zum Wohlstand kommt und sich am Ende noch an den Dorfbewohnern rächt. Der ja immer unbescholten gelebt hat. Dessen Absicht es ja nie war, die Menschen zu täuschen. Nein, Einspruch, das geht nicht, so kann er seinen Straftäter nicht wegkommen lassen.
Ich habe im Nachgang im Netz recherchiert, warum so ein Buch noch in Schulen gelesen werden kann. Und zu meinem großen Wohlgefallen gehen die Lehrer/innen sehr besonnen mit meiner Kritik um. Ich habe also nicht alleine Bauchschmerzen. Es gibt Beispiele, wie 6. und 7. Klassen in Spielszenen dem Schneider den Prozess machen. Das finde ich klasse. Wie würde ich mich verhalten in so einem Fall? Was macht man, wenn man z.B. aus Versehen von der Bank einen größeren Geldbetrag überwiesen bekommt, man also aufgrund des Irrtums eines Anderen zu Vorteil kommt? Ist das die sogenannte Bauernschläue, die einem das annehmen läßt. Eigentlich wollte Keller wohl die Gesellschaft kritisieren, die Menschen zu schnell nach dem Äußeren beurteilt. Dieser Aspekt tritt für mich eher in den Hintergrund, da wir gesellschaftlich uns weiterentwickelt haben.
Fazit: ein Scheißbuch, das man gelesen haben sollte. Daher laue drei Sterne.