Leipzig 1913 und Front in Flandern 1915; Genre: Coming-out-Liebesgeschichte und Antikriegsroman in Briefromanform.
Ach ja. Diese Erfahrung macht man leider oft, wenn man Bücher, die einem als jungem Mensch imponiert hatten, nach mehreren Jahrzehnten wieder liest: Ich weiß nicht mehr, wie ich das jemals großartig finden konnte! Es muss daran gelegen haben, dass ich anfangs der achtziger Jahre frisch schwul gewesen bin (also, vom eigenen Erkennen her) und es noch nicht besonders viele schwule Romane im deutschen Sprachraum gab. So glich es einer Sensation zu entdecken, dass schon in der Weimarer Republik einige Schriftsteller gewagt hatten, Liebesgeschichten zwischen zwei Schuljungen aufzuschreiben - und Verleger riskiert haben, Geld in so was zu investieren. „Alf“ des Leipzigers Bruno Vogel kam in der Erstauflage bei einem Berliner links-anarchistischen Kleinverlag heraus. Und sollte, bevor die Nazis das Buch verboten haben, seine zweite Auflage in einem anderen Verlag erleben, für die dann etliche kirchen- und religionskritische Stellen unterdrückt wurden. (Im Anhang dokumentiert.)
Als ich den dünnen Roman Anfang der achtziger Jahre entdeckte, las ich zwar die Erstfassung, solches Hintergrundwissen vermittelte sie mir aber nicht. Vielmehr ist es die Ausgabe aus der „Bibliothek rosa Winkel“ des Männerschwarm Verlags, die mir erklärt, dass Bruno Vogel ein paar Jahre vorher mit einem pazifistischen Rückblick auf den Ersten Weltkrieg angefangen und durchaus auf Zuspruch gestoßen war. Die politischen Fronten der zwanziger Jahre haben deren Literaturszene geprägt. Das kann man am „Alf“ noch ablesen. Wenn Vogel innerhalb der vielen Briefe, die der Gymnasiast Felix und der Soldat Alf zum Ende hin wechseln, jene grausigen Szenen vom Grabenkrieg der Westfront einfängt, wenn siebzehnjährige Jungen, von Granatensplittern getroffen, Tage im Gewirr des S-Drahts festhängen und entweder nach Sanitätern oder Todesschüssen schreien, das Feuer aber keinen Zugang erlaubt, sodass sie verbluten oder an der Blutvergiftung verrecken, dann sind das schon auch die „modischen“ Bilder einer Anti-Kriegs-Literatur von der Linken, die ihren bleibenden Höhepunkt in Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ gefunden haben. Bruno Vogels Eltern sagten sich nach dem ersten Buch von ihm los, söhnten sich immerhin vor dem zweiten wieder mit ihm aus. Aber die Rechte vergab den „Defätismus“ natürlich nie. Sie konnte sich an den, literarisch sicher auch versierteren, angeblich objektiven Kriegsszenen von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ delektieren (auch das nur ein Beispiel für viele andere von der nationalen Seite), wo der Subtext lautet: Wenn uns nicht die Arbeitsniederlegungen und Sabotagen in der Heimat und die Rebellion der Sozialisten in den Arm gefallen wären (die Dolchstoßlegende), dann hätte dieser Opfermut der deutschen Jugend dem Vaterland schon noch den Sieg gebracht.
Einen Roman über den Ersten Weltkrieg oder auch einen Antikriegsroman hatte ich damals keineswegs kaufen wollen, sondern ein klassisch gewordenes Buch übers Coming-out und die erste große Liebe männlicher Jugendlicher. Genau dieses hat meine Erinnerung mit der Zeit aus „Alf“ dann auch gemacht. Ein unglaublich gutes Buch! Heute finde ich: Das war es nie. Bruno Vogel, der offenbar genau spürte, dass er über die sexuellen Aspekte der tiefen Verbundenheit seiner Neuntklässler allenfalls einen Absatz im gesamten Buch schreiben kann, sie sich ansonsten aus der Ferne ihre Liebe deklarieren lassen sollte, überrascht zu Beginn damit, dass im „Alf“ genannten Buch weit und breit kein Alf auftaucht, vielmehr sind wir hier noch in der vorpubertären Kindheit des Erzählers Felix. Nicht in Leipzig, sondern in Dresden. Das macht dann schon mal klar, dass Felix das Kind von Kleinbürgern ist, sein Vater ist Gerichtsschreiber, die zwar froh sind, dass es ihn gibt, ihn aber stets im Zaum halten zu müssen glauben, wozu ihnen Schläge oft genug grade recht sind. Auf diese Weise wird klar, dass dieser Junge unvorbereitet und ohne jedes Wissen in ein Alter geraten kann, wo ihn homoerotische Fantasien bedrängen, er auch den Drang zur Selbstbefriedigung spürt, aber weiß, dass seine Eltern so etwas nicht dulden werden.
1979 ist die von mir gelesene Neuausgabe des „Alf“ im hessischen Verlag Achenbach erschienen, eigentlich kein literarischer, sondern einer zu Fragen der Kindererziehung. Das war ein auffällig schmales Taschenbuch, überaus hochformatig, mit sehr großer Typo, um die Zahl der Seiten zu strecken. Auf dem Titel sah man ein altes Konfirmandenfoto, einen Jungen, der zu jung war für den Hauptteil der im Roman verhandelten Dinge. Man sollte das vielleicht deutlich sagen, damit sich diejenigen, die diesen Titel in irgendwelchen Listen als „Jungenbuch“ geführt finden, Bescheid wissen: „Alf“ ist kein Pädophilenbuch! Nach seiner asexuellen Kindheit zieht die Familie von Felix nach Leipzig. Jetzt ist er 15, als er den gleichaltrigen Klassenkameraden Alf im Jahr 1913 kennen lernt. Woraufhin gar nichts mehr geschehen muss, schon wissen die Knaben, dass sie füreinander bestimmt sind. Und, dass man so ein Geheimnis für sich behalten muss. Es gibt folglich keine homophobe Unterdrückung durch Mitschüler oder Lehrer in dieser Geschichte.
Charakteristisch für die Situation schwuler Literaten in der BRD der siebziger Jahre war, dass zuerst Egmont Fassbinder von rosa Winkel in Berlin (der noch nichts mit Männerschwarm zu tun hatte, Männerschwarm entstand in den Neunzigern in Hamburg) dem seinerzeit in London lebenden Autor anbot, sein Buch der Vergessenheit zu entreißen. Vogel, dessen literarische Hoffnungen seit langem beerdigt waren, argumentierte eher dagegen, das interessiere doch keinen Menschen. In der Tat zog Fassbinder sich unter unklaren Umständen von dem Vorhaben zurück, sodass der Frankfurter schwule Publizist Joachim S. Hohmann den Hut in den Ring werfen und die Verbindung zu Achenbach in Marburg herstellen konnte. Noch 1978 hatte Hohmann ein eigenes Buch daselbst herausgebracht, war aber 1979, als „Alf“ erschien, beim Foerster Verlag in Frankfurt gelandet, wo er in der Folge mehrere eigene Titel und schwule Anthologien verantworten konnte. Foerster machte seinen Umsatz nicht mit den Büchern, sondern mit schwulen Magazinen, so den an Bahnhofskiosken verkauften Illustrierten „Adonis“ und „Don“ sowie zahlreichen Pornoheften wie „Boy oh Boy“, die es in Sexshops und für Erwachsene zu kaufen gab. Vogel ist ein sehr alter (er war noch im 19. Jahrhundert geboren) und einsamer Mann in London gewesen. Weder konnte er absehen, mit wem er sich hier ins Bett legte, noch hätte er Nein zu seiner verspäteten Wiederentdeckung sagen können. Es sollten jedoch Monate und Jahre vergehen, Prozesse ablaufen, bevor dieser Autor überhaupt mal Geld sah. Erst schwieg sich Achenbach lange aus, als Vogel protestierte, bekam er zu hören, der Verlag sei zahlungsunfähig, habe vordringlich seine Geschäftskunden abzufinden. Dann stellte sich heraus, dass Hohmann die Restauflage des „Alf“ (das Buch, das ich zu Beginn der Achtziger zum normalen Ladenpreis in einer Buchhandlung kaufte, dürfte davon gekommen sein) in seine Privatbestände transferiert hatte – und jetzt auch noch nicht zahlen wollte.
Nach der Machtübernahme durch die Nazis waren Bruno Vogel und sein damals sehr junger Freund Anfang Februar 1933 zuerst in die Schweiz, dann weiter nach Norwegen geflohen. Als Übersetzer hatte Vogel ein paar Jahre noch mit Verlagen und literarischen Büchern zu tun. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg zogen die beiden sich nach Südafrika zurück, wo der in anderen Branchen tätige Vogel noch zwei Romane ausarbeitete, allerdings wollte kein Verleger sie haben. Mit zunehmendem Alter immer mehr vereinsamend, eine verkniffene, sarkastische Haltung zum Leben allgemein und zur eigenen Geschichte kultivierend, kehrte Vogel sich vom Schreiben und von „Alf“ ab. Das wären Kindereien gewesen, bekam Egmont Fassbinder zu hören.
All das war mir bei der Erstlektüre nicht bekannt, ich entnehme es dem Nachwort der Männerschwarm-Ausgabe. Außerdem finden sich hier einige vor „Alf“ entstandene Prosastücke. Sie sind deutlich schwächer als „Alf“, den ich ja auch nicht mehr mag. 1992 hat der in den neunziger Jahren sehr wichtige, in den 2000-er Jahren leider verblichene englische Verlag Gay Men's Press „Alf“ in Vogels letzter Heimat erscheinen lassen. (Da war dieser schon tot.) Mittlerweile ist eine slowenische Übersetzung hinzugekommen. Und die Wikipedia-Liste der vor Stonewall erschienenen „gay novels“ verzeichnet ihn auch. Dennoch muss ich leider sagen, außer als Museumsstück, das zu seiner Zeit höchst verdienstvoll gewesen ist, macht dieses Buch nur wenig Freude.
Die Geschichte (wir kennen sie nur zu gut, weil Dutzende Autoren in vielen Ländern sie uns in den neunziger Jahren gegeben haben) wäre eine Liebesgeschichte von zwei Schülern gewesen, die sich gegen Verbote und Verwünschungen von Familien, Mitschülern, Nachbarn zur Wehr setzen und ein eigenes Standing gewinnen. Oder, auch die Variante sah man öfter, einer würde versagen, die Liebe würde scheitern. Das Muster erkannte Vogel schon, aber er fliegt eilig darüber weg, denn, mal abgesehen davon, dass er seine eigenen Kindheitserinnerungen für den Felix übrig hat, will er schnell zu jenem geistigen Material gelangen, das er sich angelesen bzw. von seinem literarischen Genossen Kurt Hiller gelernt hat. Und er will auch noch einmal zum großen Thema der zwanziger Jahre, der Katastrophe des Weltkriegs. Also trennt Vogel das Paar schnell wieder, lässt Alf in den Krieg ziehen und den zurückgebliebenen Felix über kontroverse Schriften der Sexualwissenschaft stolpern.
Er positioniert sich gar nicht so sehr links oder marxistisch als vielmehr anti-christlich, atheistisch. Vogel will darauf hinaus, dass die Mächtigen der Religion eines Landes fast immer die größten Kriegstreiber waren. Er hat Freud und Magnus Hirschfeld entdeckt (und natürlich auch Nietzsche) und lässt den Bodensatz von deren Gedanken zu Felix wandern. Die Christen wollen den Menschen Schuldgefühle wegen ihrer naturwüchsigen Sexualität einimpfen. Indem sie sie zu Verklemmten machen, gewinnen sie Macht über sie. Sind die „Kinder Gottes“ erst mal unter der Fuchtel der Kirche, können sie für die Allianz von Thron und Altar zur Schlachtbank geführt werden.
Immer erst im Rückblick merkt Felix, dass er schon zweimal belogen und um Jahre des Lebensglücks betrogen worden ist. Da er mit seinen Eltern über Sexualität und Onanie nie sprechen konnte, hat er sich an einen Pfarrer gewandt. Der hat klar gemacht, dass die Bibel Selbstbefriedigung zur Todsünde erklärt und dass, wer sie praktiziert, verrückt werden und im Irrenhaus enden muss. Während der Zeit mit Alf in Leipzig hat er eine Schrift zum Paragraphen 175 im Antiquariat gefunden und so erfahren, dass auf das zwischen Alf und ihm fünf Jahre Zuchthaus stehen. Ohne Alf je den Grund zu nennen, hat er sich von ihm getrennt. Er wollte ihm die Gefahr ersparen, wegen des gemeinsamen Vergehens vor Gericht zu kommen. Alf aber hat sich aus Verzweiflung zum Militär gemeldet.
Als sie, zwei Jahre sind seit den Kontakten vergangen, wieder mit Briefen anfangen, merken sie, dass sie falschen Propheten auf den Leim gegangen sind. Alf erzählt in seinen Briefen von der Hölle der Front. Felix erzählt, dass die jungen Toten daheim als glückliche Tote, die den schönsten Tod erlangten, dargestellt werden. Ja, bestätigt Alf, sie würden dazu angehalten, nach Hause zu melden, jeder nach dem gefragt werde, habe eine vergleichsweise leichten Tod wie Kopf- und Herzschuss gehabt, wobei das eigentlich nie wahr sei.
Somit konstatiere ist, dass es in diesem Buch ziemlich wenig „Geschichte“ gibt, die wirklich erzählt wird, dagegen viel zu viele zeitkritische Standpunkte, die vorgetragen und ausgetauscht werden. Es ist ein wenig wie eine auf Romanform gemodelte Debattenveranstaltung. Und wenn dann wirklich mal was geschieht, hat man es jedes Mal längst kommen sehen. So wie das Ende vom Buch, über das ich kein Wort verlieren muss.