Bei über 5000 Ratings im Schnitt 4,1 Sterne: das muss doch was sein?
Ja, auf jeden Fall Geschmackssache.
Die höchstbegabte FBI-Agentin Smoky Barrett ist taffer als Clarice Starling und obwohl ihr Körper mit Narben überzogen ist nicht weniger attraktiv als Jodie Foster - so will es McFadyen.
Nachdem Smoky Kind und Mann verloren hat und selbst Opfer eines psychopathischen Vergewaltigers wurde, muss sie sich in der BLUTLINIE mächtig am Riemen reißen, um nach ihrer Auszeit zurück in den Dienst zu finden und den Mord an ihrer Freundin Annie aufzuklären, die das Schicksal mit einem noch brutaleren Psychopathen bedacht hat.
Zu Beginn aufs Höchste dosiert zelebriert McFadyen die Pathetik der Härte, dann kann er endlich bei den Beschreibungen des Mordes an Annie übergehen in die Rhetorik des Grauens. Beispiel: Wer den "schwarzen Zug" besteigt - sich also in die Welt des psychopathischen Killers hineinversetzt -, der erlebt einen "Klimawandel der Seele". OmG!
Gar nicht widerlich genug kann es McFadyen bei der detaillierten Beschreibung des unbeschreiblichen Martyriums der Opfer zugehen, denn die Konkurrenz auf dem Thriller Markt ist hart. Ich weiß nicht, ob es später spannend wird, einstweilen findet der Autor nur Raum für Perversionen und Pseudoforensik.
Sprachlich auf vorsichtig ausgedrückt nicht besonders hohem Niveau beschreibt der Autor Smoky und ihr Team auf eine Weise, die in jeder Hinsicht, also für den Leser wie für die Figuren, verzweifelt genannt werden darf. Mit Abstand am Schlimmsten allerdings ist, dass die Charaktere und ihr Handeln psychologisch extrem unglaubwürdig sind. McFadyen geht es nur um Horror, nicht um Glaubwürdigkeit. Ein Trauma jagt das andere, und es ist nicht leicht, sich immer noch schlimmere Wendungen auszudenken. McFadyen setzt immer noch einen drauf, allerdings nicht qualitativ, sondern nur quantitativ.
Ungefähr gegen Hälfte des Hörbuches habe ich jegliches Interesse an Smoky und ihren Kollegen verloren.
Prädikat: besonders ungenießbar - und aus!
OK, nach fünf Tagen Abstand bedarf es doch noch einer Klarstellung. Was also stört mich so an der BLUTLINIE?
Natürlich will ich McFadyen nicht unterstellen, dass er pervers veranlagt ist, er bedient ein Genre, das boomt und von dem der Leser offenbar eine immer härtere Gangart erwaretet. Andererseits ist er für das verantwortlich, was der da zu Papier bringt, und es geht ausschließlich um fast lustvoll dargestellte sexuelle Gewalt und Perversion. Unterwäsche, Höschen und BH, werden am Fließband zerrissen, die Narben, die Smoky von ihrem Peiniger davongetragen hat und die ihr Gesicht, ihren Hals und ihren Körper überziehen, werden beim Sex als Charaktermerkmal bezeichnet, aus dem Smokys Stärke erkennbar sei. Geht´s noch?
Es wird nicht einfach vergewaltigt und gemordet, die Opfer werden nicht nur zerstückelt, sondern mit einem fast wohligen Schauer beschreibt McFadyen, wie sie ausgeweidet werden. In einem Einmachglas sollen sich die Sexualorgane einer Frau befinden. Und immer wieder Gewalt, Gewalt, Gewalt. Tierquälerei, Sadismus, Mord. Frauenfeindlichkeit ist die Grundlage, auf der alles Exzesse gedeihen.
Ich frage mich, wie sich Franziska Pigulla gefühlt hat, als sie diesen widerwärtigen Text vorgelesen hat.
Denn noch einmal ganz deutlich: was Fadyen hier geschrieben hat, hat nichts mit Spannung zu tun. Im Gegenteil, ohne die Gewaltexzesse wäre die Handlung langweilig, ja es bliebe nicht einmal etwas von ihr übrig.
Wer kann die Lektüre geniessen? In einigen Rezensionen wurde geschrieben, die Figuren seien psychologisch glaubwürdig und gut gezeichnet. Sorry, aber das ist einfach nicht zutreffend und soll möglicherweise nur Rechtfertigung dafür sein, dass die BLUTLINIE eine Saite zum Klingen bringt, die den Leser dazu treibt, den ganzen Roman zu lessen, aller Widerwärtigkeiten zum Trotz.
Im ANTON REISER gibt es eine wunderbare Stelle, wo Anton zwei sich gegenüberliegen feindliche Heere, bestehend aus Eicheln und Haselnüssen (oder so ähnlich) aufbaut und dann genüsslich mit einem Hammer beliebig mal auf die eine, dann wieder auf die andere Seite eindrischt. Es bereit Anton, der es im Leben schwer genug hat, offensichtlich eine nicht unerhebliche Genugtuung, selber einmal in die Rolle des blindwütigen Schicksals zu schlüpfen. Auf diese eine Passage kommen fünfzig Autoren in der Qualität eines McFadyen!