Mit diesem Buch habe ich versucht, neue japanische Lektüre für mein Bücherregal zu erschließen. Yoko Ogawa ist eine der ganz Großen aus Japan und ich habe schon viel Gutes über sie gelesen. Auch gab es mal ein Seminar zu ihr an meiner Uni. Ich hatte also große Erwartungen und hatte mir (unbewusst) ein eher altes Werk von ihr ausgesucht - und das war vielleicht der Fehler. Denn ich wurde sehr enttäuscht und laut einschlägigen Webseiten sind wohl einige Leser*innen der Meinung, "Zärtliche Klagen" sei eines von Ogawas schwächeren Werken...
Die Aufmachung des Buches gefällt mir total! Und da es einen Pfau in der Geschichte gibt, ist das Motiv auch nicht willkürlich gewählt, sondern passt sehr gut. Außerdem hat sich der Aufbau Verlag dazu entschieden, die Werke von Yoko Ogawa alle in einheitlichem Design zu veröffentlichen, was ich sehr mag. Eigentlich ein guter Start...
Und auch die Handlung erschien vielversprechend: Ein altes Haus auf dem Land, Musik, Berge und ein Zeitalter vor der großen Digitalisierung (denn der Roman spielt in den 90ern). Ich war sehr gespannt darauf und in die ersten 50 Seiten bin ich sehr gut reingekommen, mal von ein paar seltsamen Stellen abgesehen. Z. B. hat mir echt nicht geschmeckt, wie die Wirtin des Gasthauses "Grashüpfer" beschrieben wird. Es ist nichts dabei, die physische Beschaffenheit der Charaktere zu beschreiben und ja gut, dann ist die Wirtin eben sehr korpulent. Aber dass die Protagonistin das immer wieder und auf eine fast schon verniedlichende Art und Weise tut, fand ich sehr unangebracht und respektlos. Teilweise sogar ein bisschen fettfeindlich. Außerdem sieht Ruriko an anderer Stelle eine Ohrfeige, die ihr Mann ihr verpasst, als "angemessen" an, uff...
Nichtsdestotrotz fing ich erstmal an, den Roman zu genießen. Ogawas Sprache ist wirklich sehr sanft und die Bilder, die sie sprachlich zeichnet, sind sehr schön anzusehen. Auch das Setting mochte ich sehr, aber mich fasziniert das traditionelle Japan ohnehin total und ich zähle zu den Leuten, die sich "Ocean Waves" manchmal allein für die 90s aesthetics ansehen :D . Da das Buch bereits ein paar Jahre auf dem Buckel hat, hatte es eine regelrecht entschleunigende Wirkung auf mich - kein Smartphone, kein Internet, kein Social Media. Wahrhaftig ein kleiner Urlaub auf dem Land. Wäre da nicht alles andere gewesen, inklusive die beiden Protagonisten Ruriko und Nitta, was mich am Ende in den Wahnsinn getrieben hat. Es tat mir regelrecht Leid für Kaoru, die sich mit den beiden rumschlagen musste und nur zusehen konnte, wie sich Ruriko in ihr Leben einmischt.
Die Liebesbeziehung zwischen Nitta und Ruriko habe ich nicht nachvollziehen können und sie hat mich total kalt gelassen. Ruriko, deren Mann ihr gegenüber schon gewalttätig wurde, rahmt Nitta als sanftes, unfehlbares Wesen und schreckt nicht einmal zurück, als sie seine aggressiven Seiten kennenlernt. Eine Liebesszene zwischen den beiden war wirklich unangenehm zu lesen, da Nitta ihr partout nicht antwortet und sie dann schließlich ins Bett zerrt, wo sie das Gefühl hat, eines der Cembalos zu sein, welches zerstört werden soll. BIG red flag hier, meiner Meinung nach, besonders, da Ruriko Missbrauchsopfer ist! Aber statt das in einen angemessenen Rahmen zu setzen, tut Ruriko alles dafür, Nitta für sich zu gewinnen, und sieht Kaoru als offene Kontrahentin an. Selbst vor der Androhung, Nittas Hund umzubringen, wenn er nicht tut, was sie möchte, schreckt sie nicht zurück. Man bedenke, es handelt sich hierbei nicht um eine liebeskranke Teenagerin, sondern um eine gestandene, erwachsene Frau. Am liebsten hätte ich alle drei, aber allen voran Ruriko, erstmal in Therapie geschickt, denn das wäre das einzig Richtige für sie gewesen. Stattdessen stolpert sie von einer toxischen Beziehung gleich in die nächste, so scheint es.
Letztendlich blieb auch Nitta sehr verschlossen, da er nicht wirklich viel redet und essentielle Aspekte seiner Vergangenheit unaufgeklärt blieben. Am sympathischsten war mir Kaoru, da sie mitfühlend und beherrscht blieb, auch nachdem sich Ruriko absolut unangebrachte Ausraster geleistet hatte. Sie und Nitta haben wirklich eine Verbindung, ein gewisses Etwas, das sie eine Einheit bilden lässt. Das erkennt Ruriko zwar auch. Aber nur, um rasend vor Eifersucht zu werden und das Kaoru unbedingt abjagen zu wollen. Das Ende ließ mich - wie die Liebesbeziehung - auch eher kalt und fühlte sich nicht gut und "abschließend" an. Ich habe nichts gegen offene Enden, aber ich hatte nach dem Beenden von "Zärtliche Klagen" nicht wirklich das Gefühl, einen Mehrwert aus dem Buch ziehen zu können. Und ein offenes Buchgefühl finde ich viel schlimmer als ein offenes Ende. Letztendlich kann ich dem Buch trotz der schönen Sprache nicht mehr als 2 von 5 Sternen geben und zumindest dieses Werk nicht empfehlen. Wäre das Buch anders geframet worden, z. B. als modernes Drama oder Geschichte über Traumata, würde es vielleicht mehr Sterne bekommen. Aber da es halt echt eine Liebesgeschichte sein soll, stößt mir das bitter auf, denn diese war weder zart, noch war sie sanft...
Es wartet jedoch ein weiteres Buch von Yoko Ogawa auf mich und ich hoffe sehr, dass das Leseerlebnis ein besseres sein wird!