Kamilla de Vet ist unheilbar an ALS (Amyotropher Lateralsklerose) erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Der Sarg ist gekauft, das Grab schon ausgehoben. Die Patientin, in ihren erkrankten Körper eingeschlossen, kann selbst nur noch die Augenlider öffnen oder schließen und ist völlig auf ihre Pflegerin Agaat angewiesen. Millas einzig verbliebene Kraft ist ihre Vorstellungskraft. Ihr Sohn Jakkie ist bereits aus Kanada auf dem Weg nach Südafrika, um sich von seiner Mutter zu verabschieden. Die 70-jährige Milla und die eine Generation jüngere Agaat verbindet ein besonderes Verhältnis, das sich im Dialog der beiden Frauen, aus Millas Tagebüchern und einer weiteren Erzählperspektive erschließt, in der Milla sich als „du“ anspricht und ihre Erinnerungen an sich vorbeiziehen lässt. Der Dialog der beiden Frauen muss einseitig bleiben; denn Milla kann nur Ja oder Nein signalisieren, und Agaat versteht die Dinge so, wie sie sie gern verstehen will. Alles, was Milla ein Leben lang Agaat gegenüber an Redensarten und Allgemeinplätzen von sich gegeben hat, kommt nun wie ein Bumerang zu ihr zurück, ohne dass sie sich dagegen wehren könnte. Als Milla mit letzten Kräften versucht, sich von Agaat etwas bringen zu lassen, von dem sie nicht deutlich machen kann, was sie meint, stelle ich mir vor, wie schrecklich es für einen Hilfebedürftigen sein muss, wenn er über etwas Abstraktes sprechen möchte, das die Pflegeperson evtl. gar nicht kennt.
Rückblicke in unterschiedlichen Tonlagen führen in die 60er Jahre zurück. Milla heiratete damals Jakobus de Vet und beschloss, die Farm ihrer Großmutter wieder selbst zu bewirtschaften, die ihre Eltern mehr schlecht als recht einem Verwalter überlassen hatten. Milla hat die Verwaltung eines landwirtschaftlichen Betriebes mit Mischwirtschaft wie selbstverständlich im Elternhaus gelernt und geht irrtümlich davon aus, das sie die Farm gemeinsam mit Jak führen wird, der so offensichtlich interessiert daran war, eine Frau mit Grundbesitz zu heiraten. Doch schnell wird deutlich, dass die beiden an der Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau und damit auch an der Anleitung ihrer schwarzen Arbeiter scheitern. Ein "Baas" und eine Farmerin müssen sich den Respekt ihres Personals durch tägliche Präsenz immer neu erarbeiten. Wenn Milla den ganzen Tag aktiv im Betrieb arbeiten will, braucht sie in einem großen Haushalt eine erfahrene vertrauenswürdige Haushälterin, die das Hauspersonal beaufsichtigt. Für den Haushalt bildet Milla aber nur die kleine Agaat aus, die damals noch ein Kind ist und von der den Lesern lange nicht klar ist, wie sie überhaupt in die Familie de Vet gelangt ist. Agaat ist allein Millas Geschöpf, alles was sie lernt, hat sie von Milla gelernt. Die Hausherrin zwingt Agaat (ein anfangs zwölfjähriges Kind!) gnadenlos, zusätzlich zum Haushalt und zur Kinderpflege auch die Landwirtschaft zu lernen. Man könnte vermuten, dass Milla in Agaat mit Gewalt eine Perfektion durchsetzen will, an der sie selbst so offensichtlich gescheitert ist. In einem Land mit Rassentrennung per Gesetz wird es erhebliche Probleme geben, wenn Arbeitgeber zulassen, dass ein schwarzes Dienstmädchen in der Hierarchie der Farm eine zu mächtige Rolle einnimmt. Dieses für das Verständnis von Ereignissen in Südafrika entscheidende Faktum hat der Texter/die Texterin des Klappentextes nicht begriffen, sonst würde dort nicht die völlig undenkbare Vorstellung genannt, ein schwarzes Hausmädchen könnte in Südafrika 1960 „mit zur Familie“ gehört haben. Agaat kann zwar Millas Sohn Jakkie wie ein eigenes Kind aufziehen, aber die de Vets konnten zur Zeit der Handlung unmöglich im Apartheids-Staat öffentlich gemeinsam mit Agaat auftreten.
Mit dem Verhältnis zwischen einer völlig hilflosen Patientin und ihrer vertrauten Pflegerin schafft Marlene van Niekerk den Rahmen für eine vielschichtige Handlung, in der es nicht nur um die Beziehung dieser beiden Frauen geht, sondern um das staatlich erzwungene Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß zur Zeit der Apartheid, um Eifersucht zwischen Mutter und Kindermädchen, um männliche und weibliche Rollenbilder und das Verhältnis zwischen einem Farmer und "seinen" schwarzen Arbeitern in Südafrika. Außerordentlich beeindruckend finde ich die unterschiedlichen Tonlagen, in denen van Niekerk erzählt, darunter Millas Lautmalereien ("girts, garts", zieht sie die Handschuhe an), mit denen sie ihre begrenzte Wahrnehmung wiedergibt. Wem es beim Lesen gelingt, die europäische Brille seines persönlichen Urteils über eine uns fremde Kultur beiseitezulegen, der wird aus den gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen Schwarz und Weiß auf der Farm Grootmoedersdrift erkennen können, wie die Verhältnisse der 60er Jahre zu den ungelösten Problemen des heutigen Südafrika geführt haben.