Schon wieder habe ich zu einem sehr kontroversen Roman gegriffen, aber scheinbar ist heuer ein ganz schön großer Teil aller österreichischen Neuveröffentlichungen mit einer Triggerwarnung zu versehen. Nichtsdestotrotz fand ich den Roman gut geschrieben und interessant aufgebaut.
Diesmal geht es um das heikle Thema Pädophilie vor allem aus therapeutischer Täterarbeit beleuchtet, und vom Rachegedanken einer betroffenen Mutter getragen, also kein Inhalt, der locker flockig daherkommt.
Ich habe mich gleich auf den ersten Seiten gewundert, denn Autorin Augustin schreibt schon zu Beginn, dass sie ihren Humor verloren hat und nimmt das sehr ernst. Kannte ich bisher ihre augenzwinkernden bitterbösen schwarzhumorigen Geschichten, wie Der Zwerg reinigt den Kittel oder Alles Amok, die ich zwar fies, aber brüllend komisch gefunden habe, so geht es nun tatsächlich um ein todernstes Thema.
Ein dreizehnjähriges Mädchen wird vermisst, nicht kurzfristig, sondern mehr als Jahr, die Polizei hat mittlerweile aufgegeben, die alleinerziehende berufstätige Mutter ist im Fegefeuer, völlig verzweifelt, sie ermittelt selbst und ist überrascht, was sie über ihre Tochter rausfindet. Irgendeinen Ansatz fördert sie letztendlich zu Tage. Der Teenager war in einem Industriegebiet mit den Jungs Fußballspielen und ein älterer erwachsener Mann, wahrscheinlich ein Pädophiler hat sie beobachtet, angesprochen und mitgenommen.
Auch wenn Augustin nicht mehr humoristisch schreibt, sind die Figuren noch genauso abgedreht wie in ihren bisherigen Romanen. Die Mutter der entführten Tochter lässt sich im Anschluss als Geliebte auf eine zehnjährige Beziehung mit dem einzigen Psychiater der Region ein, der Pädophile betreut und bespricht mit ihm seine Arbeit, um irgendwann den Täter zu identifizieren. Die Gruppe der betreuten Pädophilen in der Therapie ist richtig schrecklich bis verstörend, sie werden aus psychologischer Sicht sehr genau mit ihren Problemen, Ängsten, Neigungen, Vermeidungsstrategien und Rückfällen geschildert. Das ist extrem sachlich, intensiv, furchtbar und gut, wie die Mutter, sie nennt sich Karl, im Rachemodus ihrem verheirateten Freund Dr. Frank (was für ein Name, da gabs doch mal eine Fernsehserie: Dr. Frank dem die Frauen vertrauen) endlich die Gelegenheit gibt, intensiv über seine Arbeit zu sprechen, was er mit seiner Ehefrau nicht machen kann. Dabei fällt Frank gar nicht auf, dass er nicht nur im Plaudern seine Schweigepflicht verletzt, sondern dass ihn seine Geliebte regelrecht aushorcht.
Zwischendurch wäre die Liaison mit Karl, von der die Ehefrau auch weiß, fast zerbrochen, weil des Doktors Ehefrau Yvette plötzlich schwanger wird und Frank deshalb fokussiert in den Hafen der Ehe zurückkehren möchte. Doch die Schwangerschaft war nur eine Scheinschwangerschaft und so wird das bisher von allen akzeptierte Dreiecksverhältnis – montags bis samstags Ehe, am Sonntag Ausflug zur Geliebten – fortgeführt.
Nach zehn Jahren gibt es endlich einen Durchbruch und Karl hat tatsächlich eindeutig den Missbraucher ihrer Tochter mitsamt seinen pädophilen Neigungen anhand der Erzählungen von Dr. Frank ziemlich klar identifiziert. Karl hat mittlerweile unter ihrem richtigen Namen auch einen Job in der bevorzugten Apotheke des Therapeuten angenommen, in der die Gruppe der „Gentlemen“, wie sie Frank oft liebevoll und sehr verharmlosend beschreibt, ihre Medikamente abholen. So wanzt sie sich an den potenziellen Kinderschänder ihrer Tochter namens Viktor heran. Das funktioniert natürlich auch deshalb so gut, weil die Herren in der Therapie lernen, wie man mit Erwachsenen Frauen Beziehungen eingeht. Alles in allem eine Erfolgsgeschichte für Dr. Frank, Viktor und die gesamte Gruppe, die allesamt keine Ahnung haben, dass die Rachegöttin Nemesis im Anmarsch ist.
Im Plot legt Anita Augustin noch ein Schäuferl nach, denn Karl ist bei der Erzwingung eines Geständnisses von Viktor bereit, jegliche moralischen Schranken fallenzulassen. Mit welcher Methode sie das bewerkstelligen will, möchte ich nicht verraten, aber es ist so atemberaubend abgedreht. Im Endeffekt tut sie es aber dann trotzdem nicht.
„Was macht man mit einem sehr großen, sehr schweren Stein, der Vergangenheit heißt und sich nicht wälzen und sich nicht bewegen lässt? Soll man dagegentreten? Soll man versuchen ihn zu zerschlagen? Was macht man?“
„Man lässt ihn einfach liegen und geht davon.“
Das Thema ist heftig und wird sowohl differenziert als auch nicht verharmlosend in den Plot eingebaut, der wirklich sehr rasant konzipiert ist und mit einigen Überraschungen aufwartet. Die Reaktionen von Betroffenen und die Empörung der Gesellschaft im Gegensatz zum sachlich sezierenden Blick des Arztes werden von der Autorin auch immer wieder aufgenommen.
„Und wenn dir irgendjemand erzählen würde, wenn Dir irgendein rechtschaffener Therapeut erzählen würde, dass du falschliegst, dass du undifferenziert vorgehst, weil es nämlich feine Unterschiede gibt, die es zu berücksichtigen gilt, zum Beispiel den Unterschied zwischen Pädophilie und Pädokriminalität, den Unterschied zwischen Fantasie und Tat und nicht zu vergessen den Unterschied zwischen den Tätern, die sich voller Scham ihrer Schuld bewusst sind und jenen Tätern, die sich ihre Verbrechen schamlos schönreden, dann würdest Du ihn anbrüllen, ERZÄHL DAS MEINER TOCHTER!“
Fazit: Sicher eher ein Minderheitenprogramm, aber ich fand den Roman sehr spannend und gut gemacht. Wenn jemand sich dieses furchtbare Thema antun will und hinschauen kann, dann gebe ich sehrwohl eine Leseempfehlung ab.
Also zuallererst, ich finde den Titel eine absolute 10/10, er war der Grund, wieso ich das Buch lesen wollte. Ich mag, wie die Figuren ausgearbeitet sind und dass man sie aus verschiedenen Erzählperspektiven kennenlernt. Der Schreibstil ist humorvoll, pointiert, und ja, die Story hat irgendwie etwas shakespearsches, wie der Klappentext verspricht. Ich hab mich lange Zeit gut unterhalten gefühlt, der Spannungsbogen ist gut aufgebaut, ABER... Das Ende gefällt mir überhaupt nicht. Ich kann nachvollziehen, wieso das letzte Kapitel endet, wie es endet, aber der Epilog passt meiner Meinung nach überhaupt nicht zum Rest der Story. Der ist so abgedreht und fühlt sich an wie ein Fiebertraum und vielleicht verstehe ich auch einfach die Geschichte nicht und es macht hochliterarisch Sinn (im Epilog kommen auch so viele Schriftsteller und Symbole vor, auf mich wirkt es irgendwie zu prätenziös), aber irgendwie hätte ich mir eine andere Art der Auflösung gewünscht... Der Inhalt der Auflösung ist absolut nicht das Problem, aber einfach WIE aufgelöst wurde...:/ Aber was ich noch löblich hervorheben will, ist es wie gut die Autorin es geschafft hat, eine Geschichte mit Pädophilie als Hauptthema zu schreiben, ohne dass es sich anfühlt, als würde man ein ekelerregendes Buch lesen. Für mich gab es nur eine Stelle, die mich geekelt hat, aber ansonsten ist das Gleichgewicht zwischen Tiefe und Distanzierheit erstaunlich gut.
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Gar nicht so leicht über dieses Buch zu schreiben, bei dieser Thematik. Gar nicht so leicht, wenn einem als erstes zum Buch einfällt, dass es grandios und witzig war. Gar nicht so leicht, am Ende zuzugeben, dass man das eigentliche Monster, trotz der ganzen Dinge, die man absolut verachtet, irgendwie gemocht hat.
Aber worum geht’s eigentlich? Es ist ein Roman der von einer Mutter erzählt, deren 13 jährige Tochter verschwand. Die Polizei planlos und ohne Hinweise, sie verzweifelt und doch voller Tatendrang das Verschwinden selbst aufzuklären. Dafür bändelt sie mit dem einzigen Therapeuten der Stadt an, der Menschen mit einer gewissen Sexualpräferenz behandelt. Und findet so bald heraus, dass es durchaus Hinweise auf ihre Tochter gibt. Und zwar bei Viktor.
Das Buch abwechselnd geschrieben aus Sicht von Frank, dem Therapeuten und Viktor, dem Patienten, überzeugte mich mit vielen Dingen. Zum einen mit seinem heroischen Schreibstil, grandiose Metaphern, dem Überbordenden und dem Witz. Es ist ein Schreibstil, den ich kaum beschreiben kann. Fast wirkt er an einigen Stellen einfach und schlicht, doch sieht man genauer hin, ist so viel Geist und Wortwitz darin versteckt. Doch nicht nur sprachlich ist das hier etwas ganz besonders. Denn was dieser Roman schafft, ist es ein sehr ernstes und verachtetes Thema ans Licht der Öffentlichkeit zu holen und mit Sarkasmus und Biss zu erzählen, ohne es dabei aber seiner Ernsthaftigkeit zu berauben.
Schnell sind wir am verurteilen: ein Monster, das ausgestoßen gehört, weg von der Gesellschaft, verbannt in die Einsamkeit. Doch dieser Roman zeigt eine ganz wichtige Sache: auch diese „Monster“ sind Menschen. Wenn ihr euch diesem Thema gewachsen fühlt, kann es eine Sichtweise erweitern, ohne die Grundfesten der eigenen Moral ins Wanken zu bringen.
An guten Tagen, würde ich das Buch wieder lesen, habe schließlich 24€ dafür bezahlt, aber hätte ich geschenkt bekommen, vermutlich nicht.
Kann ich es empfehlen ? Jain - man braucht viel Geduld und Offenheit
Ich habe aufgrund der Ästhetik des Buchs etwas anderes erwartet. Und auch der Buchrücken verrät eigentlich nichts über das Buch, was ich schade finde … Der Schreibstil ändert sich regelmäßig, da aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, was an sich sehr interessant ist und auch zur Geschichte beiträgt, aber ich mochte es nicht immer. Das erste Kapitel fand ich bspw sehr nahbar, die Tagebucheinträge eher mühselig zu lesen. Eingebaute Witze waren oft sehr platt und auch überflüssig.
Irgendwann wurde die Geschichte zu einem Thriller und hielt dadurch eine gewisse Spannung.
Den Epilog mochte ich, da er wegen seiner Absurdität nochmal die ganze Erzählung widerspiegelt. Ich habe aber nun sehr viel Redebedarf - inhaltlich , stilistisch, thematisch …
Ein Buch, das nur schwer wegzulegen war. Furioser Ritt durch sämtliche Wendungen und Verrücktheiten. Mal was Neues, ohne vorhersehbaren Plottwist am Ende. Allerdings mit TW, da es im Buch vorrangig um Pädophilie und die Arbeit mit Erkrankten geht. Hält man diese Thematik gut aus, eine große Empfehlung!
Auffälliges Cover, darum habe ich zugegriffen. Direkt im ersten Kapitel wird klar - das Thema wird anspruchsvoller, als gedacht. Mir persönlich hat sowohl der Handlungsbogen als auch der Schreibstil gut gefallen. Bissige Komik, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Was mir bleibt: Die erbarmungslose Entschlossenheit einer Protagonistin, die sich ihrem Schicksal nicht ergibt.
Finde es irreführend und soo verantwortungslos, dass es beim Klappentext/ Rückseite KEINEN Hinweis auf das Kernthema - Pädophilie - gibt. Zumal man viel Zeit mit der Perspektive eines Täters verbringt.