Nimm die Alpen weg erzählt in Bildern die Geschichte einer Kindheit in der Schweiz. Da ist das namenlose Geschwisterpaar, das im Chor spricht. Da ist ein Zuhause mit Ma und Pa, die mit ihren vier Armen wie eine Gottheit erscheinen. Da ist die Geschwindigkeit der Velos, mit denen die Kinder hinaus zu ihren Spielen fahren: zur Telefonzelle, zur Müllhalde, ins Schilf. Und da kommt ein neues Kind in die Klasse und bahnt den Geschwistern einen Weg aus ihrem eigenen, inneren Gebirge.
In einer lyrisch-luziden Prosa entwickelt Ralph Tharayil in seinem Debüt eine unvergleichliche coming of age Geschichte, die von den Formen und Deformationen der Integrationserfahrung erzählt, und von der Sprache und den Körpern, die sich dieser Erfahrung widersetzen.
Das Buch "Nimm die Alpen weg" von Ralph Tarayil hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Es handelt vom Aufwachsen zweier Geschwister in der Schweiz - Wörter wie 'Velo' oder 'schlitteln' im Text weisen daraufhin - einem Mädchen und einem Jungen, die ihm Buch als chorisches Wir sprechen und deren Muttersprache, der der Eltern 'Ma und Pa' unabhängig gegenübersteht. Eine Polyphonie der Sprachen sozusagen. Die Sozialisation der Kinder, als Nachkommen indischer Migrant*innen und ihre Suche nach Identität trennt sie vom Erfahrungshorizont der Eltern:
„Das Land, in dem wir leben, kennt den Krieg nur von Weitem. Das Land, in dessen Sprache Ma und Pa beten, kennt den Krieg von allen Seiten (S.20)“
Der Text wird aus der kindlichen Perspektive erzählt und beschreibt in reduzierter Sprache, fast in lyrischen Versen das Leben der Kinder, ihren Schulalltag, das Spielen auf der Mülldeponie, im Schilf oder in der Telefonzelle, die Erziehungsmaßnahmen, die Liebe und Gewalt der Eltern:
„wenn der Stock dein Gesicht trifft [...] Die Striemen sind Kondensstreifen in einem längst vergangenen Himmel (S.12).“
Auch Ausgrenzungserfahrungen und Rassismus werden subtil beschreiben, die die Kinder durch Mitschüler*innen erleben..
Diese Alltagsminiaturen, es sei dahin gestellt, ob sie einen biographischen Bezug zum Leben des Autors haben, verbinden sich zu einem großen Bild über dem die Frage nach Identität schwebt. Wie können sich Kinder und Eltern trotz unterschiedlicher Sprache, Kultur, Herkunft und Religion trotzdem nah bleiben? Eine lebendige familiäre Einheit?
Obwohl auf dem Buchcover 'Roman' steht, ist der Text eher lyrisch angeordnet und funktioniert auch so. Er lässt Lücken, formal wie auch inhaltlich, dadurch eröffnen sich Interpretationsspielräume, die hermeneutisch zu deuten sind.
Ein sehr gelungenes, sprachlich aufregendes Debüt von Ralph Tarayil, bin sehr gespannt auf weitere Texte.
Erschienen in der Edition Azur.
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Dieses Buch! Von der ersten Zeile an war ich in die Sprache von Ralph Tharayil verliebt.
'Nimm die Alpen weg' ist klein klassischer Roman mit Fließtext, es ist eher eine lyrische Erzählung, ein Eingesaugt-werden in seine wundervolle poetische Romanwelt. In überwiegend kurzen Sätzen, die viel Platz zwischen den Zeilen lassen (in jeder Hinsicht), schildert er das Aufwachsen zweier Geschwister, die nicht näher benannt sind und die eine Einheit bilden - so symbiotisch, dass die Erzählstimme durchgehend von "Wir" spricht, es gibt kein "Ich".
Aus der Kinderperspektive wird vieles mit Staunen geschildert, so auch die Entdeckung des 'Andersseins' als Folge von Armut/Klassenaufstieg und Migration, was mal mit Scham, dann aber auch mit Stolz verbunden ist. Dazu erfährt man, wie die Eltern sich für ihre Kinder aufgeben, bis kaum noch was von ihnen übrig ist - und wie die Kinder sich wiederum auf die Suche nach dem Sein der Eltern machen.
Es steckt noch so vieles mehr in diesem Buch, manches bleibt durch den besonderen Aufbau und den Schreibstil ungreifbar, anderes wiederum wurde besonders durch die bildhafte Sprache sehr plastisch und erlebbar geschildert.
Haha, Roman! Wen interessieren schon Konventionen. Es erinnert mich ein bisschen an Aglaja Veteranyis "Das Kind das in der Polenta kocht", Lyrik am plotten. Vieles davon hat mein Migra-Herz berührt und es hat geschrien JA GENAU. Nur im letzten Fünftel wo eine weitere Geschichte als Peak coming of age der Geschwister erzählt wird, haut es mich etwas raus. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Liebling.
ein lyrisches abtauchen in eine kindheit, die vom anders sein geprägt ist. liest sich sehr flüssig und am ende dachte ich mir: das darf doch noch nicht das ende sein!
Toller Stil, sehr poetisch Geschwister/Zwillinge? wachsen mit nur arbeitenden Eltern aus Indien in der Schweiz auf, Fremdheit, spielerische Kinderwelten, Suche nach Verbündeten, Feinde, Ausbruch und noch mehr... Tolle Sprachbilder für die Gefühle. Ein dickeres Buch in der Art hätte mich allerdings gelangweilt. Ich musste es schnell zu Ende lesen sonst hätte ich immer wieder von vorne anfangen müssen. Etwas mehr Klarheit in der Erzählung oder einfach etwas mehr Erzähltes kombiniert mit dem Stil wäre wunderbar!
Interessante sehr lyrische und kryptische Schreibweise. Muss man sich wohl drauf einlassen. Ich persönlich konnte zu dem Zeitpunkt nicht so viel damit anfangen.
really cool, got it signed by the writer in a vorlesung. Really cool person, very kind. loved the language and the endless enterpretations of each sentence.
4.25 Sterne Eine lyrische Erzählung, die weniger mit Plot als mit starken Bildern und häufig eingesetzten Wiederholungen arbeitet. Die poetische Sprache hat mich so sehr überzeugt, dass ich mit Sicherheit weiteres vom Autor lesen werde. Manchmal hat die Sprache die Geschichte etwas zu sehr geschluckt, es ist gut, wenn man sich Zeit nimmt dafür und trotz der überschaubaren Länge nicht durch das Buch rast. Ich habe auch gemerkt, dass ich mittlerweile etwas Mühe mit der kindlichen Perspektive entwickelt habe.