Dass die Biotechnologie rasante Fortschritte macht, ist spätestens seit Dolly allgemein bekannt. Was noch nicht flächendeckend angekommen ist, sind die Konsequenzen und das Ausmaß, mit dem diese Revolution unsere Gesellschaft verändern wird. Mit der schnellen und kostengünstigen Manipulation der DNA geht es ums Eingemachte, um die Quelle des Lebens selber, und damit müssen praktisch alle Lebensbereiche neu gedacht werden.
Amy Webb und Andrew Hessel beschreiben in drei Teilen die Geschichte der Gentechnologie, ihren Status Quo und ihre mögliche Zukunft einschließlich der damit verbundenen Risiken. Den Abschluss bilden praktische Empfehlungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit einer Technologie, die das Potential hat, das Leben auf unserem Planeten in nie gekanntem Umfang zu verändern.
Meine Eindrücke sind ambivalent. Das Buch ist gekonnt geschrieben, sehr lebendig, anekdotisch, oft richtig spannend und auch für Laien leicht zu lesen. Inhaltlich habe ich gemischte Gefühle: obwohl sich die Autoren sichtlich um eine globale Perspektive bemühen, ist der Tenor US-lastig. Die Auflistung der Risiken und die Vorschläge, diesen zu begegnen, sind sicher gut gemeint, aber für mein Dafürhalten zu simpel, zu optimistisch und zu wenig konsequent, was wohl auch einem blauäugigen Vertrauen in unsere Wirtschafts- und Werteordnung geschuldet ist. Die ethischen Aspekte des Themas kommen eindeutig zu kurz.
Was mich nicht nur in diesem Buch immer wieder irritiert, ist eine das Denken hintergründig bestimmende funktionalistische Ideologie, die Erzählung, nach der der Mensch eine Art feuchter Computer ist, die sich in der Wissenschaft offenbar festgesetzt hat, und die in der Sprache verräterisch zu Tage kommt. Wenn das Editieren von genetischer Information als Upgrade bezeichnet wird, fühle ich mich unbehaglich.
Trotz meinem Unbehagen ist es den Autoren aber gelungen, ihre wichtigste Botschaft deutlich und überzeugend herüber zu bringen: Es ist dringend an der Zeit, sich eingehend mit der Thematik zu befassen. Es ist unmöglich, sich ohne Hintergrundwissen eine differenzierte Meinung über die synthetische Biologie zu bilden. Ohne eine breite öffentliche Diskussion überlassen wir das Feld der Desinformation durch Verschwörungstheoretiker auf der einen und skrupellosen Profitinteressen auf der anderen Seite.
Die Heilung und Verhinderung von Krebs oder Erbkrankheiten, die Abschaffung der Viehzucht durch die Erzeugung von Fleisch aus Stammzellen, biologische Alternativen zu Herbiziden und Pestiziden, die Lösung vieler Umwelt- und Klimaprobleme etwa durch biologisch-synthetische Energieträger sind nur einige Punkte, die auf der positiven Seite der Agenda zu finden sein könnten. Demgegenüber stehen jedoch Gefahren nie gekannten Ausmaßes, Kriegsführung mit tödlichen Viren, die genetische Kontrolle und Totalüberwachung durch Staaten und Konzerne, eine neue -genetische- Spaltung der Gesellschaft, oder gar die Züchtung von Chimären aus Mensch und Esel für den Einsatz bei DHL & Co. Dazwischen gibt es ein breites Feld an potentiellen Anwendungen, deren ethische Einschätzung und gesellschaftliche Konsequenzen - für mich jedenfalls - noch gar nicht einzuordnen und abzuschätzen sind. Wäre es zB. in Ordnung, bei einem Embryo mit Trisomie 21 das überzählige Chromosom zu entfernen, oder die Mutation im HBB-Gen, die zur Sichelzellenanämie führt, zu beheben und so dem zukünftigen Menschen ein normales Leben zu ermöglichen? Die meisten werden das wohl befürworten. Aber wäre es auch in Ordnung, durch An- oder Abschalten einzelner Gene seinem Nachwuchs ein Leben als Supersportler oder Mathematikgenie zu ermöglichen, oder auch nur eine besondere Haarfarbe mitzugeben? Welche Konsequenzen würde es haben, wenn man eine ganze Art, z.B. Mosquitos, die jährlich Millionen Tote durch Malaria, Dengue, Zica, Gelbfieber usw. verursachen, durch genetische Manipulation aussterben liesse?
Diese Diskussionen müssen wir führen bevor uns die Realität einholt, das vorliegende Buch, kritisch gelesen, ist dazu ein guter Einstieg.