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Bernsteintage

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Dominique Horwitz liest zwei Erzählungen aus Maxim Billers neuem Buch. Beide -- die Titelgeschichte Bernsteintage und der Text Elsbeth liebt Ernst -- handeln von der Erinnerung an eine vergangene, prägende Zeit. Ist es in der ersten die Kindheit eines Prager Jungen, der nach dem Einmarsch der Russen 1970 mit seiner Familie nach Hamburg ausgewandert ist, die betont zurückhaltend und vorsichtig vorgestellt wird, so handelt es sich in der zweiten um die Konfrontation des Protagonisten mit der Erinnerung an seine Nazi-Vergangenheit. In beiden Erzählungen spürt man zärtliche Sehnsucht und Melancholie, die jedoch durch die klare, präzise Sprache in gewisser Weise zurückgenommen wird, jedenfalls nicht ausufern!

Maxim Biller, der häufig radikale Verfasser provokativer Texte überrascht hier mit auffallend leisen, zurückhaltenden Tönen. Als Kind russisch-jüdischer Eltern wurde er 1960 in Prag geboren. 1970 emigrierte seine Familie infolge der Niederschlagung des Prager Frühlings nach Deutschland. Billers erster Erzählungsband: Wenn ich einmal reich und tot bin erschien 1990. Es folgten Die Tempojahre (1991), Land der Väter und Verräter (1998), Harlem Holocaust (1998) und Die Tochter (2000). Sein Roman Esra von 2003 beschäftigte die Justiz wegen Verletzung der Privatsphäre.

Der Titel ,Bernsteintage' wird in der ersten Erzählung erklärt: Es ist das Bild für den Wunsch nach einer unverstellten Kindheitserinnerung. Ein Blick zurück also, der frei von jeglicher Einseitigkeit sein soll. Und in der Bernstein-Geschichte, die unverkennbar autobiografische Züge trägt, ist in der Tat wenig von verzerrter Erinnerung zu spüren. Der Junge, der seinen letzten Sommer mit zwei anderen Jungs in Luzienbad verbringt, bevor die russischen Panzer einmarschieren, bekommt von der Gefahr wenig mit; und „einen Krieg hatte er sich immer ganz anders vorgestellt. Anders verhält es sich in der zweiten Geschichte, denn Ernst, vage an den Schriftsteller Günter Eich angelehnt, bekommt von den Medien seine Nazi-Vergangenheit unerbittlich vor Augen geführt. Die Bewältigung dieser Zeit steckt voller verlorener Hoffnungen und Illusionen. Das Ende bleibt bei beiden Erzählungen offen.

Mit Dominique Horwitz, bekannt durch Filme wie Der große Bellheim (1991), Stalingrad (1992) oder Verrückt nach Paris und als Sänger (The Best of Dreigroschenoper und Chansons von Jacques Brel) fand man eine ideale Besetzung. Horwitz lässt mit seiner klaren Stimme und seiner sanften Modulation die Atmosphäre dieser Ferien in dem Kurbad lebendig werden. Der hochbegabte Junge, der sich selbst das Schreiben beibrachte, von dem seine ältere Schwester immer etwas Besonderes erwartet, erlebt sorgenfreie Tage mit seinen zwei Freunden. Geflissentlich widersteht der Sprecher der Versuchung, dem Erlebten den Kinderstempel aufzudrücken; er gibt schlicht die atmosphärischen Schilderungen dieser letzten Ferien wider. In der Erzählung Elsbeth liebt Ernst findet Horwitz den passenden Ton für die Stimmung des Schriftstellers. Die Vergangenheit, die plötzlich wieder absolut präsent ist, umkreist der Sprecher: in den Erinnerungen, in den Überlegungen seine Beziehung zu Elsbeth betreffend -- sie war „überdreht und hastig, er schwerfällig und zauderte ewig“ --, in der Frage, ob sie sich wirklich und was sie aneinander liebten. Dabei entwirft der Sprecher in seiner Interpretation ein glaubwürdiges Bild von Ernst.

Fazit: Für die stilistisch klare Prosa Billers ist Horwitz der ideale Sprecher. In seiner zurückhaltenden Lesung arbeitet er die Imponderabilien von Erinnerung greifbar heraus.

Lesung, Spieldauer: ca. 95 Minuten, 2 CDs. -- culture.text

202 pages, Paperback

First published January 1, 2004

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About the author

Maxim Biller

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Profile Image for JC.
56 reviews
June 9, 2022
Wie immer bei Maxim Biller liebe ich den Schreibstil und bin ein bisschen genervt von den dauernden sexuellen Anspielungen. Sehr schön geschriebene Geschichten, allerdings fand ich die letzte ein wenig schwach.
Profile Image for Dania F.
685 reviews7 followers
July 25, 2019
So lala. Zwar schön geschrieben aber traurig im sujet und nicht sonderlich ergreifend.
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