Ein absolut ungewöhnlicher Maigret, weit weg vom sonstigen Serienschema. Was nicht bedeutet, dass er dadurch auch schon gut wäre! Das Buch hat so viele Dialoge, und zwar in aller Regel bei einer gerichtlichen Voruntersuchung, was fünf amerikanische Soldaten mit dem Tod einer jungen Frau unter einem Güterzug in Arizonas Wüste zu tun hatten, also, ob es eine Mordgeschichte ist oder nicht, dass man es als „Gerichtsdrama“ auf Buchseiten bezeichnen und jederzeit verfilmen könnte.
Und weil dieser Roman aus der Nachkriegszeit einer von drei Maigrets ist, die in den USA spielen, wo der Pariser auf der Durchreise ist, keinerlei Kompetenzen hat, es sich hier nicht um eine Polizeisache, sondern ums Verfahren eines Coroners handelt, in das ein, ebenfalls nicht betroffener, FBI-Agent Maigret, den bei Laune zu haltenden Ausländer, geschleppt hat, um ihn für ein paar Tage loszuwerden, kann Maigret weder den Tatort noch die Leiche sehen, noch Zeugen befragen. Er ist das ganze Buch lang immer nur Beobachter und wundert sich, warum Amerikaner die Fragen nicht stellen, die er gestellt hätte. Es handelt sich um ein Buch, das davon ausgeht, man könne den Erkenntnisfortschritt während eines öffentlichen Gerichtsprozesses spannend finden „wie einen Krimi“. Hm … Einen Krimi, in dem der Kommissar nichts fragen kann. Hm … Und zu allem hin, nimmt Simenon sich den Schlussgag heraus, die Leser nicht mal erfahren zu lassen, zu welchem Urteil die Jury kommt.
Ich gehe bei Simenons immer davon aus, dass der Autor, der bekanntlich sehr gedrängt mit übermenschlicher Anstrengung seine Romane in sehr kurzer Zeit in die Maschine getackert hat, um sich anschließend mehrere Wochen zu erholen, bevor der Zyklus von vorn losging, und der es auf gut und gerne fünf Romane im Jahr brachte, jeweils eine handliche, ihn anrührende Anekdote genommen und da herum die „ganze Geschichte“ höchst vollendet und kontrolliert entwickelt hat. So ein Kern wäre etwa: Ein von seiner Umwelt wenig geschätzter Pechvogel verkauft seine Identität, die adlige Abstammung, an einen anderen Menschen, macht mit dem Erlös bescheidene Karriere, er, der seinen Namen jetzt trägt, erbt ein Millionenvermögen und ein Schloss. Was, wenn sie sich eines Tages wieder begegnen? (Bei dem frühen „Der tote Herr Gallet“ ist das so in etwa. Das hier aber nur als Beispiel, hier geht es anders zu.)
Und hier? Wieso hat er sein Buch überhaupt schreiben wollen? Und ich dachte: Es ist seine, für uns Heutige seltsame, Auffassung über den großen Kultur- und Mentalitätsunterschied zwischen Franzosen und Amerikanern. Der Erzähler sieht im Südwesten der USA ein reicheres, perfekteres, freundlicheres System des menschlichen Zusammenlebens als in Paris. Da stehen sich der Boom, zu dem die USA durch den Krieg kamen, und die Entbehrungen des Alten Kontinents durch denselben Krieg gegenüber. In der Wüsten-Provinz Arizona haben fast alle, auch die „Neger“ und Mexikaner, ihr eigenes Haus, das eigene Auto und gehen fast nicht mehr zu Fuß. Alles ist sauber, allenthalben wird gelacht und getrunken, zwischen den Gärten braucht man keine Zäune, hier wird nicht gestohlen. Alle sind versorgt und auch die soziale Kontrolle ist enorm.
Doch, wo es sich um fünf junge Männer dreht, die darum konkurrierten, wer in der Unglücksnacht Sex mit dem einzigen weiblichen Mitglied ihrer Säuferrunde bekommen würde, bleibt der Franzose daran hängen, dass, so scheint es jedenfalls, nach Spermaspuren überhaupt nicht geforscht wird. Maigret kommt drauf, die hiesige protestantische Wohlstandsgesellschaft ist eine scheinheilige. Ständig zur Schau gestellte Freundlichkeit maskiert einen ewigen, erbarmungslosen Verdrängungswettbewerb. Absolut alles unter der Gürtellinie ist hier tabu, als wäre es nicht vorhanden. Der Mensch hat Sonntagsschüler zu bleiben. Das allerdings kann er nicht.
Entweder versteckt er sich in Büros und Vorstadthäusern, die dem Mitmenschen signalisieren: „Alles im Griff, wir sind oben!“ (Was dazu führt, dass die Innenstadt voller erleuchteter Geschäfte ist, deren Schaufenster sich keiner ansieht.) Oder er entschließt sich, für einen einzigen Abend aus seiner Spurrille zu hüpfen. Der Ort dafür sind die zahlreichen Bars, voll mit Männern, die sich betrinken und sich alles verzeihen. Weil es nicht gar so viele Reiche gibt, wie getan wird, weil auch Frauen hin und wieder was unter der Gürtellinie brauchen, gibt es in Bars junge, sehr wohl der Polizei bekannte (aber die spricht nicht davon) junge Frauen, oft als Teenager verheiratet, jetzt vielleicht geschieden, die niemand Prostituiere nennt, weil es Prostituierte in der perfekten Gesellschaft nicht mehr gibt.
Eine ist unter den Zug gekommen. Nachdem fünf Soldaten sie mit Whiskey freigehalten, dann, nach Sperrstunde, auf eine Spritztour in die mexikanische Grenzstadt Nogales eingeladen, kaum außerhalb der Stadt jedoch angehalten und irgendwie unter einander aufzuteilen versucht hatten.
Ich weiß, das klingt jetzt nicht unspannend, ist es aber. (Mal davon abgesehen, ob Simenons Eindrücke zum Mentalitätsunterschied zwischen Franzosen und Amerikaner wenigstens damals halbwegs hinkamen.) Wenn Leser es schade finden sollten, dass eine junge Person mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr zu Tode gekommen ist, sollte diese Figur differenziert und mit Zwischentönen charakterisiert werden – und nicht so obenhin, gelangweilt, wie die, das Buch nun mal konstituierenden Gerichtsreden durchweg männlicher, gut situierter Justizmenschen sie erscheinen lassen. Wenn der Leser Spannung gewinnen soll aus dem Rätsel, war es ein Unglücksfall bei Angetrunkenen, war es Mord und falls ja, wer von den Fünf war es, sollte er zu jedem diese „kleine rührende Lebensgeschichte“ angeboten bekommen, wie sie in Maigret-Krimis für Mörder, Mordopfer, des Mords Verdächtigte sonst allemal zu haben ist.
Hier gleichen sie einander zu sehr. Maigret sieht durchtrainierte, rosige Babymänner ohne Intelligenz und Schicksal. Austauschbar, was für ihn vermutlich alle Amerikaner waren. Aber für den Leser besagt das: Wenn es Mord war, ist mir immer noch egal, ob es der pummelige Rothaarige mit dem Flamengesicht, der chinesische Musterknabe, der Verheiratete, der die Scheidung versprach, der irische Weiberheld, der Schüchterne, der vom Bürgersohn zum Landwirtschaftshelfer abstieg, oder der Verlogene gewesen ist. Diese Affäre zieht sich zu lange hin mit den verschiedenen Fußspurenverläufen, die sich widersprechende Cops auf eine Tafel zeichnen, den ständige Barrunden, bei denen sie sich dem armen Maigret überlegen fühlen möchten. (Und dass das Buch von den hier schreibenden Amerikanern nicht gemocht wird, wundert mich schon gar nicht.)
Gelesen habe ich es auf Deutsch. Es gab mehrere deutsche Ausgaben, die mal „Maigret in Arizona“, mal „Maigret und der Coroner“ hießen, als Coverabbildungen hier aber alle nicht vorrätig waren. Wie oft bei Kriminalromanen entsprechen auch fast alle anderen Coverfotos durchaus nicht dem Buchinhalt. Ich wählte, was einigermaßen stimmt und was ich von meinen Sprachkenntnissen her hätte lesen können.