Kim Philby und seine Cambridge Five gelten als so etwas wie der größte Patzer des britischen Geheimdienstes bzw. als Symbol für die Niedergang einer Weltmacht. Mit Philby startete Robert Littell auf seine alten Tage einen Entwurf in Sachen Alternative History, dabei geht nicht der zweite Weltkrieg anders aus, - nein, sondern die vermeintliche Riesendummheit erweist sich als größter Coup in Sachen Desinformation.
Desinformation bzw. Mind-Fucking der gegnerischen Geheimdienste bzw. Führungsspitze, mit diesem Thema hat Robert Littell seine literarische Karriere begonnen (Der Springer), dabei auch schon bald Stalin für sich entdeckt, erst in Gestalt eines reaktivierten Doppelgänger des Diktators (Task Force 753), später auch als historische Hauptperson, die zuletzt vom Haupthelden und langjährigen Lubjanka-Gast ermordet wird (Roter Winter). Die beiden erwähnten Romane aus den späten 1970ern, 80ern enthielten allerlei unvergessliche Szenen, waren aber jeweils um ein Drittel zu kurz, bzw. für den Umfang schlecht ausbalanciert und muteten dem Helden schier unglaublich viele Kontakte mit der Prominenz oder Unglücksfällen der Epoche zu.
Ein bisschen von dieser Erbmasse steckt auch im durchaus trickreich gemachten Spätwerk über den jungen Kim Philby, so dass der überwiegend heitere Roman über den Kopf der Cambridge Five schon mal in die Nähe des 100jährigen gerät, aber - wie schon eingangs erwähnt, der rundum tragische Rote Winter leidet auch unter dem Zelig- oder Forrest-Gump-Faktor.
Neu ist der Wechsel der Erzählperspektiven, bzw. unterschiedlichen Sichtweisen auf die umstrittene Hauptperson, in gewisser Hinsicht ein Vorlauf zum finalen Meisterwerk über Majakowski, allerdings kommen sich die Zeugen in der Regel nicht in die Haare, auch wenn es durchaus bezeichnende Konfrontationen gibt. So geraten gerade noch unmenschlich linientreue Apparatschiks binnen einer Stunde in die Rolle von gnadenlos Gefolterten, die den zu Beginn des Tages noch selbst praktizierten Techniken zum Opfer fallen und nie ihre Unschuld beweisen können.
Die Paradoxie im stalinistischen Wahn besteht darin, dass man gerade noch für die Behauptung Kim Philby sein kein Doppelagent als Verräter hingerichtet wird, um im Jahr darauf für die Behauptung derselbe Mann wäre noch für die Dienste anderer Mächte tätig, gefoltert, vergewaltigt und hingerichtet wird. So ergeht es jedenfalls der NKWD-Arbeitsbiene, die Philbys Anwerber und Mentor Otto strikt nach Protokoll verhört und nicht die geringste menschliche Geste zulässt,
um nach dem gescheiterten Versuch Stalin vom Verrat seines vermeintlich wertvollsten Agenten zu überzeugen, durch den falschen Eingang in die Lubjanka zurück gebracht wird. Am Ende sitzt sie genauso verschissen und mit gebrochener Nase einer weniger begabten Nachfolgerin gegenüber, die sich auch nur strikt ans Protokoll hält und ihre frühere Mentorin als Spionin überführen will.
Entsprechende Szenen, die auf einen Konter Philbys zurück gehen, sind durchaus wirkungsvoll, stehen aber auf kaum haltbarer Basis. In Sachen historischer Recherche hat der Autor überhaupt nicht die geringste Sorgfalt walten lassen, mag man bei Flugzeugen, die erst Jahre später im Einsatz waren (Me 109f, Me 209) oder der Entwicklung der Atombombe durch die Amerikaner noch einen gewissen Flunker- oder Desinformationsgrad der Informationen des Mind-Fuckers annehmen, so kann im Januar 1941 auch kein Mitarbeiter von Bletchley-Park gewusst haben, dass Hitler am 22.6. in die Sowjetunion einmarschieren will, schon gar nicht exakte Stärken und Aufmarschpläne. Denn nicht einmal der GRÖFAZ wusste zu diesem Zeitpunkt, wann es los geht, geschweige denn, dass man noch einen Umweg über den Balkan nehmen musste. Der gesamte schlampige historische Hintergrund macht aus dem Roman so etwas wie WWII-Folklore, so witzig die Idee auch ist, den größten Patzer des britischen Geheimdienstes als genialsten Coup umzuschreiben.
Da Littell oder das Lektorat ziemlich faul waren, bzw. das Ergebnis auf sehr freiem Umgang mit historischen Fakten basiert, könnte man auch weniger als drei Sterne vergeben, hätte ich auch früher gemacht. Bin aber wohl altersmilde geworden, zumal das beste Buch Littels noch folgen sollte. Trotzdem: hier wurde zu viel geschlampert oder passend gemacht, aber als Reaktion eines Alten Hasen auf den Hundertjährigen hat das Buch bei entsprechend aufgelegten Lesern sicher seine Berechtigung.